Foodcoops – Versorgungsmodell der Zukunft oder Aktivismus von wenigen?

Kiste mit frischem Gemüse

Kiste mit frischem Gemüse. Bild: Pixabay, CCO

Momentan erleben wir es fast täglich: Produkte wie Ingwer oder Knoblauch, die uns bisher aus den Supermarktregalen entgegenquollen, sind plötzlich über Tage nicht mehr lieferbar. Engpässe und Lieferverzögerungen aus Übersee, verursacht durch die Coronakrise, sind einer der Hauptgründe dafür. Damit wird auch sichtbar, dass Produkte wie Knoblauch nur noch selten in Österreich angebaut werden, obwohl sie bei uns ohne Probleme wachsen würden. Fällt der chinesische Knoblauch aus, greifen wir auf den spanischen zurück, der dann aufgrund des großen Bedarfs recht schnell ausverkauft ist. Das Ergebnis: leere Regale.

Die heimische Politik reagiert auf dieses Phänomen mit Schlagwörtern wie Ernährungssouveränität und Förderung der österreichischen Landwirtschaft. Inwieweit dies auch nach der Coronakrise Thema sein wird, bleibt abzuwarten.

Abseits dieses Diskurses formieren sich seit einigen Jahren alternative Formen der Lebensmittelversorgung – sogenannte Foodcoops (Food Cooperatives) oder Lebensmittelkooperativen.

Das Konzept Foodcoop und seine Werte

Foodcoops funktionieren in mehrfacher Hinsicht konträr zum etablierten System, das durch viele Praktiken gekennzeichnet ist, die weder ökologisch noch sozial zu verantworten sind. Damit einher geht die Erzeugung von Lebensmitteln hinter “verschlossenen Türen” und damit abgekoppelt von unserer Wahrnehmung. Die ProduzentInnen und die KonsumentInnen von Nahrung haben jeglichen ersichtlichen Berührungspunkt verloren.

Diese Entfremdung zwischen ErzeugerIn und VerbraucherIn sowie zwischen Waren und KundInnen soll durch das Verkürzen der Wertschöpfungsketten rückgängig gemacht werden. Durch den direkten Bezug beim Erzeuger/der Erzeugerin wird die Lieferkette auf das Minimum beschränkt und damit auch der ökologische Fußabdruck immens verringert. Dies hängt besonders mit zwei weiteren zentralen Merkmalen von Foodcoops zusammen: der geographischen Lage der ProduzentInnen, die im Idealfall im näheren Umkreis der Foodcoop angesiedelt sein sollten, und dem möglichst saisonalen Angebot an Produkten. Hinsichtlich des Produktionsprozesses werden bei den meisten Foodcoops biologische, konventionell produzierten Waren vorgezogen. Aber auch weitere Qualitätsmerkmale, wie faire Löhne und soziale Arbeitsbedingungen, können eine Rolle spielen.

Wie funktioniert eine Foodcoop?

Eine Foodcoop ist ein Zusammenschluss von KonsumentInnen, denen eben diese Werte ein Anliegen sind und die gemeinsam Lebensmittel beziehen. Die Foodcoop wird von den KonsumentInnen selbst organisiert und verwaltet, das heißt, dass Bestellung, Abholung, Verteilung und Abrechnung selbst und ehrenamtlich erledigt wird. Meist sind die KonsumentInnen auch Mitglieder in einem Verein und damit auch alle verantwortlich für den Betrieb. Entscheidungen werden gemeinsam und egalitär getroffen. Die KonsumentInnen holen die Waren entweder selbst von den ProduzentInnen ab, oder sie werden von diesen an ein Lager angeliefert. In seltenen Fällen besteht eine Art Laden, in dem eine oder mehrere Personen angestellt sind.

Ein unternehmerisches Ziel im klassischen Sinn ist nicht vorhanden, denn Foodcoops sind nicht gewinnorientiert. Sie dienen lediglich der Versorgung ihrer Mitglieder mit qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln.

Motivation von KonsumentInnen und ProduzentInnen

Doch was motiviert Menschen in unserer konsumoptimierten Gesellschaft, Teile ihrer Freizeit für den eigenständigen Bezug ihrer Lebensmittel aufzuwenden?

Nachdem biologische und hochqualitative Produkte bereits Einzug in die Supermarktregale gehalten haben, ist dieser Grund nicht mehr so dominant wie noch vor 10 oder 20 Jahren. Seyfang (2008) geht davon aus, dass die Hauptmotive darin liegen, einen stärkeren Einfluss auf die eigene Lebensmittelversorgung zu haben und bei den unterschiedlichen Fragen und Entscheidungen, die dabei auftauchen, partizipieren zu können. Eine weit größere Rolle als gedacht spielt aber die, durch die Beteiligung an einem alternativen System, ausgedrückte Kritik an der globalen, konventionellen Nahrungsmittelindustrie (Little 2010). Boström und Klintman (2009) würden hier wohl vom „green political food consumer“ sprechen, der die persönliche Präferenz für eine biologische, nachhaltige Lebensweise immer auch mit einer politischen Agenda verknüpft. Das Engagement in Foodcoops kann damit als Strategie gedeutet werden, die Nahrungsbeschaffung wieder in das soziale Leben einzubetten.

Über die Motivation von ProduzentInnen, die an Foodcoops verkaufen oder diese beliefern, ist bislang weit weniger bekannt. Für ProduzentInnen stellt sich oft die Frage, wie sie die doch eher kleinen und divers zusammengestellten Margen, die von Foodcoops bestellt werden, und die oftmals einen im Verhältnis großen organisatorischen Aufwand bedeuten, in ihr unternehmerisches Denken integrieren können. In den meisten Fällen stehen auch auf dieser Seite ein ethischer Aspekt oder der persönliche Wunsch dahinter, Lebensmittel abseits der gegenwärtigen Marktlogik zu produzieren und zu vertreiben.

Brüche und Schwierigkeiten

Einkaufen in der Foodcoop muss von langer Hand geplant werden, da auch Produkte des täglichen Bedarfs mehrere Tage im Voraus oder im Wochenrhythmus angefordert werden müssen. Auch die Abholung, die in manchen Fällen von den Mitgliedern selbst erledigt wird, kann, je nach Wohnort, einen großen Aufwand an Weg und Zeit bedeuten. Hinzu kommen organisatorische Belange, wie Bestellen und Abrechnen und das sich Einbringen in Arbeitskreise und Plena der Gruppe. Gerade die fehlende Spontaneität beim Einkaufen erfordert große Flexibilität und Umdenken hinsichtlich des bestehenden Versorgungsverhaltens bei den Foodcoopmitgliedern.

Oftmals führen unterschiedliche Meinungen und Motivationen der Mitglieder zu schwierigen und langwierigen Aushandlungsprozessen (Bean und Sharp, 2011). Wandlungsprozesse durch wachsende Mitgliederzahlen, Entscheidungen über neue Produkte und Änderungen in der Rechtsform können intensive Diskussionen auslösen. Ein Beispiel hierfür ist die Aufnahme von Fleisch ins Sortiment. Während manche Personen dies strikt ablehnen, möchten andere auch diese Produkte aus einer transparenten und verantwortungsvollen Quelle beziehen.

Fazit

Die Zahl der Foodcoops steigt in Österreich und weltweit. Waren in Wien im Jahr 2011 gerade einmal vier Lebensmittelkooperativen aktiv, sind es heute bereits 37. Seit dem Jahr 2017 besteht die Interessensgemeinschaft FoodCoops, die österreichische Foodcoops in rechtlichen und finanziellen Agenden und bei Neugründungen unterstützt, politische Arbeit und Vernetzung vorantreibt, und Forschung zu Foodcoops dokumentiert und anregt.

Welchen Stellenwert werden Lebensmittelkooperativen also in Zukunft in unserer Gesellschaft einnehmen? Können sie eine breite Alternative zum Supermarkt sein? Mitglied einer Foodcoop zu sein bedeutet eine Umstellung der persönlichen Lebensmittelversorgung und damit eine tiefgreifende Veränderung und Reorganisation des Alltags. Es erfordert einen hohen Grad an Anpassung, was vielleicht einzelnen Menschen aus Überzeugung gelingt, aber für einen Großteil der Menschen wohl nicht mit ihrem Alltag und ihren Prioritäten vereinbar ist. Was Foodcoops aber tun, ist durch Gegenmodelle, gegenwärtige Missstände aufzeigen und den in den westlichen Industriestaaten als selbstverständlich erachteten Lebensstandard und Lebensstil in Frage stellen. Und das kann uns allen zugutekommen!

Referenzen:

https://foodcoops.at/

Bean, M; Sharp, J. (2011): Profiling alternative food system supporters: Personal and social basis of local and organic food support. In: Renewable Agriculture and Food Systems, 26 (3), 243–254.

Boström, M.; Klintman, M. (2009): The green political food consumer: A critical analysis of the research and policies.

Seyfang, G. (2008): Avoiding Asda? Exploring consumer motivations in local organic food networks. In: Local Environment, 13 (3), 187-201.

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