Aspekte der Ernährung im sozialen und kulturellen Wandel

Teller mit verschiedenen Speisen

Bild: pixabay, CC0

Essen ist mehr als die Zufuhr von verdaulichen Substanzen um zu überleben.  Neben biologischen müssen beim Thema Ernährung auch immer gesellschaftliche und kulturelle Aspekte in Betracht gezogen werden. Allein der Begriff „Essen“ hat verschiedene Bedeutungen. Er umfasst Objekte und Praktiken, erscheint inszeniert und extravagant sowie alltäglich und selbstverständlich.

Kultur ist Ernährung –  Ernährung ist Kultur

Was, wir wann und wo essen, hängt heute nur von relativ wenigen biologischen Konstanten wie der Verdaulichkeit und Verträglichkeit ab. Unterschiedliche Ernährungsweisen, wie beispielsweise der Konsum von rohem Fisch, sind vielmehr historisch und kulturell bedingt. Auch die Art der Verarbeitung und Zubereitung sowie der Ablauf und Zeitpunkt des Verzehrs einer Speise unterliegen kulturspezifischen Regeln und Wertsystemen, in die jedes einzelne Individuum hineingeboren wird. Als Kulturtätigkeit erfüllt Essen jedoch gleichzeitig den Zweck soziale Gemeinschaften mit zu formen, zu erhalten und weiterzuentwickeln und ist somit auch als Kultur gestaltend zu verstehen. Nahrungsordnungen sind dabei keineswegs starr sondern einer ständigen Veränderung unterworfen, was der Siegeszug von Sushi in Europa verdeutlicht.

Essen als soziales Totalphänomen

Der französische Soziologe Marcel Mauss [1] hat schon 1923 Essen als soziales Totalphänomen bezeichnet. Denn Ernährung betrifft nicht nur einzelne und abgetrennte Aspekte des individuellen oder sozialen Lebens. Anhand des Studiums von Nahrungsangebot, -wahl und Essverhalten können unterschiedliche gesellschaftliche Aspekte erforscht werden. Damit berührt Essen und Ernährung  klassische sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungsbereiche wie Körper, Identität, Macht und Raum.

Essen ist politisch

Essen sowie Fragen des Geschmacks dienten über die Jahrhunderte als soziales Unterscheidungsmerkmal [2]. So war es etwa im Adel üblich Besteck zu benutzen, wohingegen im bäuerlichen Milieu allenfalls ein gemeinsamer Löffel verwendet wurde. Das jeweilige Ernährungsverhalten bestätigte damit täglich den Platz des Menschen in der sozialen Ordnung (Gesellschaft) und festigte diese im Gesamten. In diesem Sinne sind und waren Fragen der Ernährung schon immer politisch. Man denke nur an die Verteilung von Nahrung, den Zugang zu bestimmten Nahrungsmitteln und Regelungen darüber wie Nahrung hergestellt, verarbeitet und beworben wird.

Essen ist individuell und kollektiv

In der Ernährung zeigen sich auch Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Individuum. So können sich ganze nationale Identitäten über eine Esskultur definieren. Geschichtliche Perioden, wie das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre, können dabei das Essverhalten prägen und eine gemeinsame Erinnerung wird geformt. Gleichzeitig definieren unterschiedliche Nahrungsstile unser ganz individuelles Bild von uns selbst, unseren Körper und den damit verbundenen alltäglichen Umgang mit Nahrung.

Essen gestern und heute

Als „Allesfresser“ befindet sich der Mensch in der Situation grundsätzlich nahezu alles essen und verdauen zu können. Um seine spezifische Auswahl zu rechtfertigen, entwickelt er unterschiedliche Mechanismen. War die Ernährung in früheren Zeiten stark von religiösen Vorgaben und gesellschaftlichen Einschränkungen geprägt, so stellt der „individuelle Esser“ die heute in der westlichen Welt dominante Figur dar. Er erlangte Autonomie durch die Befreiung von sozialen Zwängen und vorgegebenen Essensrhythmen, was zu einer Individualisierung der Ernährungspraktiken führte. Auch technische Neuerungen wie der Kühlschrank spielten in diesem Prozess eine tragende Rolle.

Gegenwärtige Nahrungspräferenzen sind daneben stark abhängig von jeweils aktuellen medizinischen, wissenschaftlichen oder gastronomischen Themen. Individuen basteln aus diesen Ressourcen „eigene kleine Religionen“ so der Soziologe Kaufmann ([3], S. 20) die auch auf moralischen Werturteilen basieren.

Was als essbar angesehen wird, ist also Teil eines ständigen soziokulturellen Aushandlungsprozesses und umfasst immer auch die gesellschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen und Debatten der jeweiligen Zeit und Kultur.

 

Referenzen:

[1] Mauss, M. ([1923/24]1968): Die Gabe. Die Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[2] Bourdieu, P. ([1979]1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

[3] Kaufmann, J.-C. (2006): Die Nahrungsmittel. Von der Ordnung zur Unordnung, in: Kochende Leidenschaft. Soziologie vom Kochen und Essen (pp. 15-72). Konstanz: UVK.

Vertiefende Literatur:

Barlösius, E. (1999): Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung. München/Weinheim: Juventa.

 

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