Ines Swoboda: Fleisch- und Fischallergien im Fokus

Allergieforscherin Ines Swoboda in ihrem Labor

Allergieforscherin Ines Swoboda in ihrem Labor (Bild: Open Science - Lebenswissenschaften im Dialog, CC BY-NC-SA 4.0)

In Österreich litt im Jahr 2007 bereits jede fünfte Person an einer Allergie [1]. Heute ist mit noch mehr Allergikern und Allergikerinnen zu rechnen, denn die Zahl der Allergie-Erkrankungen steigt weltweit. Die bESSERwisser trafen die Wiener Allergieforscherin Ines Swoboda, die unter anderem Fleisch- und Fischallergien untersucht. Eine Zusammenfassung des Gesprächs mit der passionierten Wissenschaftlerin.

Interview mit Ines Swoboda

bESSERwisser: Frau Swoboda, woran arbeiten Sie aktuell mit ihrer Forschungsgruppe an der FH Campus Wien?

Swoboda: Wir beschäftigen uns momentan mit zwei ganz großen Themen: Mit Fleisch- und Fischallergien. Wir arbeiten aber auch an respiratorischen Epithelzellen – mit dem Ziel, Allergien, die den Atmungsapparat betreffen, besser zu verstehen. Und vor kurzem haben wir ein sehr spannendes neues Projekt gestartet, das sich mit Schimmelpilzallergien befasst.

bESSERwisser: Welche Aspekte der Fleisch- und Fischallergien erforschen Sie mit Ihrem Team?

Swoboda: Über Fleischallergien ist noch relativ wenig bekannt. Man weiß allerdings, dass Patienten entweder auf Säugetierfleisch (rotes Fleisch) oder auf Geflügelfleisch (weißes Fleisch) allergisch sind. Uns ist es vor kurzem gelungen, erste Moleküle aus Geflügelfleisch zu identifizieren, die eine Allergie gegen Geflügelfleisch auslösen können – da schreiben wir gerade eine Publikation dazu. Über Fischallergien weiß man schon mehr. Hier wollen wir einerseits neue Allergene – das sind Substanzen, die Allergien verursachen können – identifizieren, andererseits wollen wir an einer Verbesserung der Immuntherapie mitwirken. Durch das Verwenden modifizierter Einzelallergene statt Extrakten könnte die Immuntherapie in Zukunft spezifischer und starke Nebenwirkungen vermieden werden.

bESSERwisser: Das klingt nach einem sehr umfangreichen Forschungsrahmen. Was ist für Sie eigentlich das Spannende am Thema Allergie?

Swoboda: Ich mag das wissenschaftliche Arbeiten und die Grundlagenforschung an und für sich. Mir ist es allerdings auch wichtig, ein Fernziel zu verfolgen, das Nutzen bringt. Unsere Forschungsergebnisse sollen auf lange Sicht den Allergikern und Allergikerinnen helfen. Ich möchte mit meinem Team einen Beitrag dazu leisten, die Diagnose und die Behandlungsmöglichkeiten von Allergien zu verbessern.

bESSERwisser: Man hört von vielen Seiten, dass die Tendenz, an einer Allergie zu erkranken, steigt. Stimmt das?

Swoboda: Dass es immer mehr Allergien gibt, lässt sich durch zahlreiche Studien belegen (zusammengefasst in [2]). Es gibt natürlich den Aspekt, dass früher  die Möglichkeiten einer verlässlichen Diagnose noch nicht gegeben waren und deswegen weniger Allergien registriert wurden. Aber auch seit Einsatz einer verbesserten Allergie-Diagnose wurde ein weiterer Anstieg dieser Erkrankung verzeichnet.

bESSERwisser: Was ist die Ursache für den Anstieg der Allergie-Erkrankungen?

Swoboda: Man geht dabei von einer Multikomponentenursache aus, es sind also mehrere Faktoren daran beteiligt. Eine wichtige Rolle spielt sicher die genetische Veranlagung, aber es gibt noch weit mehr Faktoren, von denen angenommen wird, dass sie die Entstehung von allergischen Erkrankungen begünstigen können, So zum  Beispiel die steigende Umweltverschmutzung und veränderte Lebensgewohnheiten. Auch vermehrte Hygienemaßnahmen scheinen laut Hygienetheorie das Auftreten von Allergien zu begünstigen. Diese Theorie besagt,, dass früher das Immunsystem des Menschen durch die Notwendigkeit, unterschiedlichste Pathogene abzuwehren, viel mehr gefordert war. Heutzutage ist aufgrund der verbesserten Hygienebedingungen unser Immunsystem teilweise „unterfordert“ und sozusagen nicht in Übung. So kann es auf harmlose Stoffe überreagieren. Aus diesem Grund nehmen auch Autoimmunerkrankungen zu. Ein weiterer Punkt ist auch, dass die Nahrung, die wir heute zu uns nehmen, nicht mehr der „natürlichen Nahrung“ entspricht. Durchschnittsbürger von heute konsumieren Junk Food und eine wahre Bombe an E-Nummern in diversen Nahrungsmitteln. Die Nahrung ist künstlich, und auch die Art der Verarbeitung und Aufbereitung für den Handel ist heute anders. Dass dies auch zu Allergien führen kann, ist allerdings noch nicht bewiesen, das ist bis jetzt reine Vermutung.

bESSERwisser: Allergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber grundlegend verschieden. Wo liegt der große Unterschied?

Swoboda: Obwohl die Symptome wie Jucken im Mund, Hautrötungen oder Magen-Darm-Beschwerden durchaus ähnlich sein können, muss man klar zwischen Allergien und einer Nahrungsmittel­unverträglichkeit unterscheiden. An einer allergischen Reaktion ist immer das Immunsystem beteiligt. Es sind Antikörper der IgE-Klasse involviert, und der Botenstoff Histamin wird ausgeschüttet. Erst ab dem Zweit- bzw. Folgekontakt kommt es zur Reaktion auf die Allergenquelle, vorher findet die sogenannte Sensibilisierung statt – der Körper wird in Alarmbereitschaft versetzt. Bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit hingegen laufen keine immunlogischen Prozesse im Körper ab. Es ist meist zu wenig eines bestimmten Enzyms vorhanden – wie zum Beispiel bei der Laktose- oder Fruktoseintoleranz – und Nahrungsmittel können nicht gut verarbeitet und in kleinere Teile gespalten werden. Bei einer Unverträglichkeit gibt es keine Sensibilisierungsphase, eine Reaktion kann schon beim Erstkontakt erfolgen. Es gibt auch noch die Zöliakie. Diese Erkrankung, bei der es im Extremfall zum Abbau der Darmzotten kommen kann, ist ein Spezialfall und stellt eine Unverträglichkeit auf Gluten mit immunologischer Basis dar.

bESSERwisser: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus? Werden Allergien zurückgehen, können sie einmal vollständig geheilt werden?

Swoboda: Eines ist sicher: In Zukunft werden immer bessere Möglichkeiten  zur Diagnose von Allergien zur Verfügung stehen. Es wird auch bessere Mittel für Therapien geben. Eine komplette Vermeidung von Allergien ist trotz verbesserter Diagnose aber teilweise nicht möglich. Bei Nahrungsmitteln kann man bei vorliegender Diagnose versuchen, diese nicht mehr zu sich zu nehmen, bei Pollen und Hausstaubmilben aber beispielsweise lässt sich der Kontakt oft nicht vermeiden.

bESSERwisser: Was ist Ihre Prognose für zukünftige Trends und Entwicklungen? Geht alles wieder zurück zum Natürlichen, werden wir unsere Produkte wieder vom Bauern beziehen?

Ausstattung im Labor von Ines Swoboda

Bild: Ausstattung im Labor von Ines Swoboda (Open Science – Lebenswissenschaften im Dialog)

Swoboda: Hier wage ich es nicht, Prognosen abzugeben. Es wäre schon möglich, dass Landwirte als direkte Lieferanten für die Endverbraucher wieder wichtiger werden. Teilweise werden mit den Produkten vom Bauernhof auch Endotoxine – das sind Zerfallsprodukte von Bakterien – mitgeliefert, die das Immunsystem stimulieren und trainieren. Es gibt Hinweise darauf, dass es bei natürlichen Produkten zu weniger Allergien kommt, das ist aber alles im Moment noch zu wenig belegt.

Zur Person

Univ. Doz. Dr. Ines Swoboda ist als Allergieforscherin in Wien tätig und untersucht mit ihrem Team die Mechanismen von Fleisch- und Fischallergien sowie allergische Reaktionen des Atmungsapparates. Die promovierte Biologin studierte in Wien, absolvierte einen Forschungsaufenthalt an der University of Melbourne (Australien) und war mehr als 10 Jahre lang an der Medizinischen Universität Wien tätig, wo sie sich auch habilitierte. Seit September 2011 leitet sie eine eigene Forschungsgruppe an der Fachhochschule Campus Wien, Fachbereich Biotechnologie. Ihre Forschungsprojekte werden aktuell von der Stadt Wien (MA 23), dem FWF und der FFG finanziert.

Ines Swoboda ist neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit auch in der Öffentlichkeitsarbeit sehr aktiv. So nahm sie unter anderem schon am Wiener Forschungsfest, dem Junior Science Club, dem Science Day und der Langen Nacht der Forschung  teil, um mit Besuchern zu diskutieren und wirkte auch bei der Entwicklung einer Allergie-Station für eine interaktive Wanderausstellung des Science Center Netzwerks mit. Aktuell bereitet sie sich auf zwei weitere Öffentlichkeitsprojekte – eine Lehrerfortbildung und ein Projekt zum Thema Ernährung – vor. Sie ist auch als Expertin unterstützend für Open Science tätig.

Mehr Information zu Ines Swoboda und Ihrer Forschung unter:

https://www.fh-campuswien.ac.at/content/personen/ines-swoboda-univdoz-dr.html

 

Referenzen

[1]: Dorner T., Lawrence K., Rieder A. und Kunze M.: Österreichischer Allergiebericht. In: Verein Altern mit Zukunft, Juni 2006.

[2]: Pawankar R, Canonica GW, ST Holgate ST, Lockey RF, Blaiss M. The WAO White Book on Allergy (Update. 2013)

Ausgewählte Publikationen von Ines Swoboda

Swoboda I, Kühn A. Fischallergie – neue Ansätze zur Verbesserung von Diagnose und Therapie. In Allergien durch tierische Lebewesen. Stiller D (ed) Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Oberhaching, Germany, pp 17-32.

Swoboda, I., Bugajska-Schretter, A., Linhart, B., Verdino, P., Keller, W., Schulmeister, U., Sperr, W.R., Valent, P., Peltre, G., Quirce, S., Douladiris, N., Papadopoulos, N.G., Valenta, R. and Spitzauer, S. (2007). A recombinant hypoallergenic parvalbumin mutant for immunotherapy of IgE-mediated fish allergy. Journal of Immunology, 178(10), 6290-6296.

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