Renaturierung in Bildern

„Die Dokumentation von Naturprojekten erfordert sorgfältige Planung, Fachwissen und oft auch etwas Glück.“  Wir trafen die Fotografin Christina Rittmannsperger, die sich damit auseinandersetzt, wie ökologische Veränderungen wie Renaturierungsmaßnahmen verständlich an die Öffentlichkeit kommuniziert werden können, zum Interview.

 

Open Science: Die Natur und der Schutz von Natur werden seit den Anfängen der Fotografie in Bildern festgehalten. Entwickelte sich die visuelle Dokumentation von Naturschutz zu einem eigenen Genre in der Fotografie?

Christina Rittmannsperger: Die visuelle Dokumentation von Natur ist so alt wie die Fotografie selbst. Anfangs diente sie vor allem der Landschaftsfotografie, später entwickelte sich daraus gezielt die Naturschutzfotografie. Bereits im 19. Jahrhundert fotografierten amerikanische Fotografen wie William Henry Jackson und Carleton Watkins die Landschaften des Westens der USA, um deren Schönheit der Öffentlichkeit zu zeigen. Ihre Aufnahmen wurden auch politischen Entscheidungsträgern vorgelegt, weshalb die zwei als die ersten „Naturschutzfotografen“ gelten. Besonders bekannt wurde William Henry Jackson: Seine Fotos der Yellowstone-Region führten 1872 zur Gründung des Yellowstone-Nationalparks, des ersten Nationalparks der Welt.

Open Science: Das bedeutet, dass die Naturschutz-Fotograf:innen mit ihrem Anliegen schon gleich zu Beginn der Fotografie sehr erfolgreich waren.

Christina Rittmannsperger: Ja, sehr. Naturschutzfotograf:innen der Anfangszeit waren erfolgreich darin, mit ihren Bildern Aufmerksamkeit für die Natur zu erzeugen und politische Entscheidungen zu beeinflussen. Angesichts schwerer Kameras, aufwendiger Handhabung und hoher Kosten zeigt ihr Einsatz, wie bewusst und motiviert sie ihre Arbeit für den Naturschutz geleistet haben.

Open Science: Für deine Forschung bist du auch draußen unterwegs gewesen und hast selber drei Renaturierungsprojekte fotografisch dokumentiert. Welche besonderen Herausforderungen sind dir begegnet und wie bist du damit umgegangen?

Christina Rittmannsperger: Herausforderungen gab es einige. Die Dokumentation von Naturprojekten erfordert sorgfältige Planung, Fachwissen und oft auch etwas Glück. Für meine Forschung habe ich drei Renaturierungsprojekte in Österreich ausgewählt, die sich in Größe und Lebensräumen unterscheiden. Bei dem Kleinesten Projekt, einem Milchviehbetrieb in Oberösterreich, war das Wetter die größte Herausforderung. Wochen zuvor hatten wir einen Termin festgelegt, doch am Tag der Aufnahmen war das Wetter wechselhaft und böig. Besonders schwierig waren die Wildbienen, die ich fotografieren wollte: Wenn die Sonne weg ist, fliegen sie kaum. Glücklicherweise ergab sich ein kurzes Zeitfenster, in dem die Aufnahmen dennoch gut gelungen sind – kurz danach zog ein Unwetter auf. Da ich nur einen Tag für die Fotografie eingeplant hatte, musste alles an diesem Tag umgesetzt werden. Solche Situationen sind bei Landschafts- und Naturfotografie typisch: Idealerweise plant man mehrere Termine, überprüft den Wetterbericht im Voraus und achtet auf Sonnenstand und Lichtverhältnisse. Auch der Zeitraum muss gut gewählt sein: Man sollte wissen, welche Vegetation an einem Standort typisch ist und wann sie gerade blüht, um die Motive optimal einzufangen.

Wildbiene, Bild: Christina Rittmannsperger

Open Science: Das zweite Renaturierungsprojekt war ein Moorgebiet in den Österreichischen Bundesforsten am Ischler Salzberg in Oberösterreich.

Christina Rittmannsperger: Ich hatte das Naturschutzgebiet Langmoos für meine Masterarbeit ausgewählt, da es gerade renaturiert wurde. Die größte Herausforderung bei diesem Projekt war ebenfalls das Wetter. Es regnete fast den gesamten August, während die Arbeiten stattfanden. Um zu unterschiedlichen Tageszeiten fotografieren zu können, übernachtete ich in einer Selbstversorgerhütte in der Nähe. Einzig die Holz-Anlieferung per Helikopter konnte ich aufnehmen – ein spektakuläres Ereignis. Zwar lief nicht alles nach Plan, dennoch nutzte ich die Zeit vor Ort gut und konnte das Moorgebiet umfassend dokumentieren. Zudem war es das erste Mal, dass ich ein Moorgebiet so bewusst erkunden konnte, wodurch viele detaillierte Aufnahmen möglich wurden.

Naturschutzgebiet Langmoos, Bild: Christina Rittmannsperger

Open Science: Das größte Renaturierungsprojekt war eine 150-Hektar-große Flusslandschaft, die Tullnerfelder Donau-Auen in Niederösterreich. Wie war es, dort vor Ort zu fotografieren?

Christina Rittmannsperger: Am Zusammenfluss der Traisen mit der Donau entstand eines der umfassendsten Renaturierungsprojekte Mitteleuropas. Die Größe des Gebiets stellte eine besondere Herausforderung dar. Um es vollständig zu erkunden, war ich mit dem Fahrrad unterwegs. An einigen Stellen hatte die Renaturierung bereits vollen Erfolg gezeigt, sodass das Gebiet teilweise nahezu undurchdringbar war – ein beeindruckendes Beispiel für die Selbstregulierung der Natur. Um die Morgenstimmung optimal einzufangen, übernachtete ich am Campingplatz in Zwentendorf und fuhr in den frühen Morgenstunden, noch bei Dunkelheit, mit dem Fahrrad in das Gebiet. Diese Momente waren besonders intensiv, da man nur die Geräusche der Natur wahrnahm. Für Drohnenaufnahmen musste ich zudem eine Genehmigung bei der zuständigen Behörde einholen. Dabei wurde mir bewusst, wie aufwendig die Planung und die Vorlaufzeit für solche Aufnahmen in einem Naturschutzgebiet sind.

Luftaufnahme Renaturierungsprojekt Life+ Traisen, Bild: Christina Rittmannsperger

Open Science: War die Größe des Renaturierungsprojekts eine besondere Herausforderung bei der fotografischen Dokumentation?

Christina Rittmannsperger: Ja, die Größe der Renaturierungsprojekte stellte insbesondere beim größten Gebiet eine besondere Herausforderung für die fotografische Dokumentation dar. Bei den beiden kleineren Projekten war die Ausdehnung weniger problematisch. Eine weitere Schwierigkeit bei allen Projekten war die retrospektive Dokumentation: Viele Renaturierungsmaßnahmen, wie beim landwirtschaftlichen Betrieb und an der Traisen, waren bereits 2019 abgeschlossen, sodass ich nur die bereits renaturierten Flächen fotografieren konnte. Um eine Vorher-Nachher-Dokumentation zu ermöglichen, musste ich Archivmaterial recherchieren und bei den beteiligten Organisationen und Personen nachfragen. Glücklicherweise konnte ich für alle drei Projekte gutes historisches Bildmaterial erhalten. Für eine präzise Vorher-Nachher-Darstellung ist es besonders wichtig, den genauen Aufnahmeort des ursprünglichen Fotos wiederzufinden.

Open Science: Die Vorher-Nachher-Dokumentation scheint für die Öffentlichkeitsarbeit eine wichtige Visualisierung zu sein, um Renaturierungsprojekte verständlich zu machen. Warum sind diese Fotos besonders aufwendig?

Christina Rittmannsperger: Die Vorher-Nachher-Dokumentation ist besonders anspruchsvoll, weil man bei den Vorher-Aufnahmen – sofern sie nicht selbst erstellt wurden – häufig auf Fremdmaterial angewiesen ist. Alte Fotos enthalten oft keine Informationen über Brennweite, Kameraperspektive oder Tageszeit, was die Vergleichbarkeit erschwert. Um dennoch verlässliche Gegenüberstellungen zu ermöglichen, müssen diese Parameter möglichst genau rekonstruiert oder angepasst werden. Eine bewährte Methode dafür ist das systematische Foto-Monitoring: Kameras werden an festen Standpunkten installiert, mit definierten Einstellungen, Blickwinkeln und Aufnahmezeiten. So lassen sich Veränderungen der Vegetation, der Tierwelt oder anderer ökologischer Prozesse über längere Zeiträume präzise dokumentieren. Neben der wissenschaftlichen Aussagekraft liefert dieses Verfahren auch visuell überzeugende Aufnahmen, die Renaturierungserfolge für die Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung anschaulich und nachvollziehbar machen.

Open Science: Wie lässt sich eine fotografische Dokumentation von Renaturierungsprojekten umsetzen?

Christina Rittmannsperger: Eine gute fotografische Dokumentation beginnt bereits vor dem Start von Renaturierungsmaßnahmen und reicht weit über deren Umsetzung hinaus. Sie erfordert Zeit, Organisation und teilweise behördliche Genehmigungen. Aus den Ergebnissen meiner wissenschaftlichen Recherche und praktischen Untersuchungen habe ich daher einen Leitfaden erstellt, der Fotograf:innen praxisorientiert bei der Begleitung von Renaturierungsprojekten unterstützt. Ziel ist es, ökologische Veränderungen nachvollziehbar zu dokumentieren, die gesellschaftliche Akzeptanz von Naturschutzmaßnahmen zu fördern und die Bedeutung der Projekte verständlich zu vermitteln. Die Guideline gibt Empfehlungen zu Planung, Dokumentationsstruktur, technischer Umsetzung, ethischen Richtlinien und visuellem Storytelling und erläutert den gezielten Einsatz von Vorher-Nachher-Aufnahmen, festen Fotopunkten, Makro- und Telefotografie sowie Drohnen- oder Zeitrafferaufnahmen. Sie ist als Best-Practice-Richtlinie konzipiert und richtet sich an Fotograf:innen in der Naturschutzfotografie.

Open Science: Wie etabliert ist es heute, dass Renaturierungsprojekte professionell dokumentiert werden?

Christina Rittmannsperger: Renaturierungsprojekte werden zwar häufig fotografisch begleitet, meist aber nur punktuell – etwa durch Mitarbeitende vor Ort oder beauftragte Fotograf:innen zu einzelnen Terminen. Ein durchgehendes, strukturiertes Vorgehen, das alle Projektphasen berücksichtigt, ist bislang selten etabliert. Die Guideline bietet genau hier Unterstützung. Sie zeigt, wie eine umfassende, vergleichbare und professionell umgesetzte Fotodokumentation entstehen kann, die sowohl wissenschaftlichen Anforderungen als auch der anschaulichen Vermittlung von Renaturierungsmaßnahmen gerecht wird.

Open Science: Was kann eine gelungene Fotodokumentation vermitteln?

Christina Rittmannsperger: Eine gelungene Fotodokumentation zeigt anschaulich, wie sich ein Lebensraum durch Renaturierungsmaßnahmen verändert. Sie macht Rückkehr von Pflanzen und Tieren, die Entwicklung von Vegetationsstrukturen oder Veränderungen im Wasserhaushalt sichtbar und erlaubt Vorher-Nachher-Vergleiche über die Zeit. Gleichzeitig vermittelt sie den Erfolg von Managementmaßnahmen, macht komplexe ökologische Zusammenhänge verständlich und stärkt die gesellschaftliche Akzeptanz von Naturschutzprojekten. Da die Natur keinem festen Endzustand folgt, eignet sich eine kontinuierliche Dokumentation besonders, um langfristige Entwicklungen und den Einfluss von Klimawandel oder anderen Umweltfaktoren sichtbar zu machen.

Open Science: Zum Schluss möchte ich noch auf die Wirkung von Renaturierungsfotos zu sprechen kommen: Was spricht die Öffentlichkeit an? Wie werden Fotos über Renaturierung bewertet?

Christina Rittmannsperger: Um die Wirkung von Renaturierungsfotos zu untersuchen, habe ich am Ende meiner Arbeit eine Online-Umfrage in der Bevölkerung durchgeführt. Mehr als 200 Personen haben den Fragebogen ausgefüllt. Überraschend war, dass das Verständnis für den Begriff „Renaturierung“ unter den Befragten sehr hoch war – nur wenige gaben an, den Begriff nicht zu kennen. Da der Fragebogen über persönliche Kontakte verbreitet wurde, ist anzunehmen, dass viele Teilnehmende bereits ein gewisses Vorwissen hatten, dennoch ist das Ergebnis bemerkenswert. Die Befragung zeigt, dass Renaturierungsfotos besonders dann wirken, wenn sie deutliche Veränderungen darstellen. Vorher-Nachher-Aufnahmen werden als anschaulich und leicht verständlich wahrgenommen, während Nachher-Bilder überwiegend positive Emotionen wie „Hoffnung“ oder „Interesse“ auslösen. Aufnahmen von Tieren oder Luftbildern verstärken die emotionale Wirkung und vermitteln zusätzlich den räumlichen Kontext. Vorher- und Während-Bilder benötigen begleitende Erklärungen, um die Maßnahmen richtig einzuordnen und Missverständnisse zu vermeiden. Insgesamt zeigt sich, dass die Kombination aus klaren visuellen Veränderungen und verständlicher Kontextinformation die größte Wirkung auf die Öffentlichkeit entfaltet.

Open Science: Wenn bei der Fotodokumentation die Renaturierungserfolge in den Fokus gestellt werden und weniger der Veränderungsprozesse an sich, läuft die Fotodokumentation dabei Gefahr, ein verfälschtes Bild einer „unberührten“ Natur zu vermitteln?

Christina Rittmannsperger: Ja, diese Gefahr besteht grundsätzlich. Wenn bei der Fotodokumentation vor allem die fertigen Renaturierungszustände gezeigt werden, kann leicht der Eindruck entstehen, dass sich die Natur völlig selbständig und ungestört entwickelt hat. Die komplexen Prozesse dahinter – Bauarbeiten, Pflege, Eingriffe in die Vegetation oder Monitoring von Arten – bleiben dabei unsichtbar. Das kann ein verzerrtes Bild vermitteln, das den Aufwand und die langfristige Dynamik unterschätzt. Deshalb ist es wichtig, auch Zwischenstadien und Entwicklungsprozesse zu zeigen, idealerweise mit Vorher- und Während-Bildern. So wird deutlich, dass Renaturierung ein aktiver, langfristiger Prozess ist und kein einfacher „Zurück zur ursprünglichen Wildnis“. Auf diese Weise lassen sich sowohl die Erfolge als auch die zeitliche Dimension und der menschliche Beitrag nachvollziehbar darstellen.

Open Science: Ist das eine Schwäche der Fotografie, dass Fotos immer nur einen Ist-Zustand festhalten?

Christina Rittmannsperger: Ja, das Festhalten eines einzelnen Moments ist eine grundsätzliche Einschränkung der Fotografie, zugleich aber auch ihre Stärke. Ein Bild kann gezielt einen aussagekräftigen oder emotionalen Moment einfangen und Details, Perspektiven oder besondere Erfolge klar und sofort verständlich vermitteln. Um die Dynamik von Renaturierungsprojekten sichtbar zu machen, sind Vorher-Nachher-Aufnahmen, kurze Bildreihen oder begleitende Erläuterungen entscheidend. Langfristig bieten innovative Formate wie Virtual Reality die Möglichkeit, den Verlauf einer Renaturierung interaktiv zu erleben – vom ursprünglichen Zustand über die Baustelle bis hin zur fertig renaturierten Fläche. So lassen sich sowohl die Wirkung einzelner Momente als auch die zeitliche Entwicklung anschaulich darstellen.

 

Das Interview führte Imme Petersen, Open Science – Lebenswissenschaften im Dialog.

Über die Interview-Partnerin

Christina Rittmannsperger (MSc) schloss 2025 den Masterstudiengang Digital Design in der Masterklasse Fotographie (FH St. Pölten) mit ihrer Masterarbeit „Die Relevanz von Fotografie im Naturschutz: Am Beispiel der Dokumentation von Renaturierungsprojekten als Kommunikationsmittel für die Öffentlichkeitsarbeit“ erfolgreich ab. Ihren Einstieg in die Naturschutz-Fotografie verdankt sie einem Fotografie-Stipendium des Nationalparks Austria im Jahr 2018, das ihr die einmalige Gelegenheit bot, Nationalpark-Ranger im Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel bei ihrer Arbeit zu begleiten und die Landschaften aus einer neuen Perspektive zu erleben. Am Naturhistorischen Museum Wien sammelte sie zusätzlich praktische Erfahrung als Visual Storytellerin und dokumentierte den Alltag des Museums. In Zukunft möchte Christina Rittmannsperger ihre Arbeit in der Naturschutz-Fotografie gemeinsam mit Expert:innen, Organistionen und Projektpartner:innen weiterführen und Projekte realisieren.
Link zur Portfolio Website: www.christinar.at

Link zur Masterarbeit "Die Relevanz von Fotografie im Naturschutz: Am Beispiel der Dokumentation von Renaturierungsprojekten als Kommunikationsmittel für die Öffentlichkeitsarbeit"https://phaidra.fhstp.ac.at/detail/o:7557

bg, 01.09.2026