{"id":941,"date":"2017-02-02T11:58:05","date_gmt":"2017-02-02T11:58:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=941"},"modified":"2017-03-16T14:47:12","modified_gmt":"2017-03-16T14:47:12","slug":"essen-am-boden-die-drei-sekunden-regel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/essen-am-boden-die-drei-sekunden-regel\/","title":{"rendered":"Essen am Boden: Die Drei-Sekunden-Regel"},"content":{"rendered":"<p>Kennen Sie sie auch, die ber\u00fchmte Drei-Sekunden-Regel, manchmal auch als F\u00fcnf-Sekunden-Regel bekannt? Vielleicht waren Sie schon in einer \u00e4hnlichen Situation und haben dabei selbst auf diese alte Weisheit der Lebensmittelhygiene zur\u00fcckgegriffen.<\/p>\n<p>Am Esstisch oder im Freien f\u00e4llt das Brot oder ein Keks zu Boden. Es wird nicht lange \u00fcberlegt, und das Essen wird rasch wieder aufgehoben und danach bedenkenlos gegessen. Schlie\u00dflich hat die Speise den Boden nicht l\u00e4nger als f\u00fcnf Sekunden ber\u00fchrt und kann somit noch nicht von Bakterien besiedelt sein. Oder? Klingt zumindest irgendwie logisch. Aber so ganz sicher waren sich auch die bESSERwisser nicht, was es mit dieser Regel nun wirklich auf sich hat.<\/p>\n<p>Daher haben recherchiert: Hat der Zeitfaktor tats\u00e4chlich einen Einfluss darauf, ob und wie viele Mikroorganismen vom Boden auf ein Lebensmittel \u00fcbertragen werden? Und darf man alles bedenkenlos essen? Hier die Ergebnisse der Nachforschungen der bESSERwisser.<\/p>\n<h1>Umgeben von Mikroorganismen<\/h1>\n<p>Eines ist klar: Egal, wo wir uns bewegen, wir sind immer und \u00fcberall von Mikroorganismen umgeben. Der Boden, auf dem wir gehen, der Sitz, auf dem wir in der U-Bahn Platz nehmen. Das Geld, das wir t\u00e4glich in unserer Hand halten oder der Einkaufswagen, den wir im Supermarkt vor uns herschieben \u2013 all das ist voll mit Kleinstlebewesen.<\/p>\n<p>Mikroben haften sich somit t\u00e4glich an unsere Kleidung und Schuhe. Sie setzen sich aber auch auf unseren Fingern fest und k\u00f6nnen \u00fcber diesen Weg in unseren Mund wandern, wenn wir uns nicht die H\u00e4nde waschen. Bakterien, Viren und Pilze\u00a0 finden in verschiedenen Umgebungen unterschiedlich gute Lebensbedingungen vor. Sie vermehren sich dementsprechend rasch oder langsam. Ist einem das einmal bewusst, dann ist es auch einleuchtend, dass zu Boden gefallene Nahrung ein wahrer Leckerbissen f\u00fcr Mikroben ist, die sich dort so tummeln.<\/p>\n<h1>F\u00fcnf-Sekunden-Regel widerlegt<\/h1>\n<p>Wie beeinflusst der Zeitfaktor jetzt aber die \u00dcbertragung von Keimen auf Lebensmittel, die zu Boden gefallen sind? Wissenschaftliche Studien und auch Fernsehsendungen haben die F\u00fcnf-Sekunden-Regel bereits hinterfragt. Diese konnten teilweise jedoch nur eine d\u00fcrftige Beweislage bringen, um diesen Mythos zu untermauern [1].<\/p>\n<div class=\"highlight\">\n<h2>Studie\u00a0mit unterschiedlicher Nahrung, Oberfl\u00e4che, Zeit<\/h2>\n<p>Eine gro\u00df angelegte zweij\u00e4hrige Studie der Rutgers University in den USA setzte sich ebenfalls mit dieser Fragestellung auseinander. Diese konnte die F\u00fcnf-Sekunden-Regel widerlegen [2]. Die Wissenschaftler Donald Schaffner und Robyn Miranda lie\u00dfen daf\u00fcr verschiedene Lebensmittel auf unterschiedliche, im Haushalt g\u00e4ngige Oberfl\u00e4chen fallen. Daf\u00fcr kamen geschnittene Wassermelone, Brot, Butterbrot und Gummibonbons in der Versuchsanordnung auf Edelstahl, Keramikfliesen, Holz und Teppich zu liegen. Die Oberfl\u00e4chen waren zuvor alle mit dem Bakterium Enterobacter aerogenes, einem Verwandten der Salmonellen, versehen worden. Die Forscher verglichen unterschiedliche Kontaktzeiten. Daf\u00fcr sammelten sie das Essen nach weniger als einer Sekunde, f\u00fcnf Sekunden, 30 Sekunden und 5 Minuten von den unterschiedlichen B\u00f6den wieder auf. Daraus ergaben sich insgesamt 128 m\u00f6gliche Messkombinationen. Anschlie\u00dfend untersuchten sie die Bakterienzahl auf den Nahrungsmitteln. Schaffner und Miranda f\u00fchrten 20 Wiederholungen dieses Versuches durch, um aussagekr\u00e4ftige Ergebnisse zu erhalten. Insgesamt analysierten die Forscher f\u00fcr die gro\u00df angelegte Studie Datens\u00e4tze von mehr als 2.000 verschiedenen Messungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Auswertung der Daten ergab, dass Lebensmittel, die den Boden weniger als eine Sekunde lang ber\u00fchrten, auch schon von Bakterien besiedelt waren. Die Kontamination erfolgte prompt bei Bodenkontakt und nicht erst nach f\u00fcnf Sekunden, so die wichtigste Erkenntnis der Untersuchungen. Zumindest bei manchen Speisen war die Bakterienkontamination bei l\u00e4ngerem Bodenkontakt tats\u00e4chlich h\u00f6her. Ein K\u00f6rnchen Wahrheit befindet sich also doch in der f\u00fcnf-Sekunden-Regel.<\/p>\n<p>Die Forscher fanden auch heraus, dass die Beschaffenheit des Nahrungsmittels und des Bodens die Bakterienzahl st\u00e4rker beeinflussen als die Zeit am Boden. So etwa \u00fcbertrug die vermeintliche Dreckschleuder Teppich vergleichsweise wenige Bakterien. Je mehr Wasser ein Lebensmittel enth\u00e4lt und je gr\u00f6\u00dfer die Oberfl\u00e4che des Bodenkontaktes ist, umso schneller sammelten sich au\u00dferdem Keime an. Die Wassermelone etwa nahm aufgrund ihres hohen Wassergehalts die meisten Bakterien von den Oberfl\u00e4chen auf. Dabei spielte der Zeitfaktor \u00fcberhaupt keine Rolle mehr. Bereits nach weniger als einer Sekunde wies sie die maximal m\u00f6gliche Bakterienanzahl auf . Gleich viel wie andere Lebensmittel erst nach f\u00fcnf Minuten.<\/p>\n<\/div>\n<h1>Auf den (N\u00e4hr)Boden kommt es an<\/h1>\n<p>Faktum ist somit, dass sich auf manchen Lebensmitteln bei l\u00e4ngerer Verweildauer am Boden tats\u00e4chlich mehr Bakterien ansammeln. Die\u00a0Drei-Sekunden-Regel tr\u00e4gt also ein K\u00f6rnchen Wahrheit in sich.\u00a0Trotzdem ist kurzer Bodenkontakt nicht gleichzusetzen mit sicherem Verzehr. Denn manche Mikroben am Boden, k\u00f6nnen schon in geringer Zahl schwere Erkrankungen, wie\u00a0 Durchfall mit Fieber, verursachen.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Punkt bei der Entscheidung, ob man Hinuntergefallenes noch essen sollte, ist die Beschaffenheit des Bodens. Ebenso hat der Ort, an dem man sich befindet, Einfluss.<\/p>\n<p>Wurden f\u00fcr das Experiment die B\u00f6den gezielt mit Bakterien beschmiert, so finden sich in unserer nat\u00fcrlichen Umgebung Oberfl\u00e4chen mit unterschiedlichsten Keimzahlen und -arten.<\/p>\n<p>In der Praxis hat sich erwiesen, dass trockene Fu\u00dfb\u00f6den ein ungeeigneter N\u00e4hrboden f\u00fcr Mikroorganismen sind. Die Kleinstlebewesen bevorzugen vielmehr feuchte Oberfl\u00e4chen. Beispielsweise das Abwasch-Schw\u00e4mmchen, aber auch die Gem\u00fcselade vom K\u00fchlschrank. Das in der Wohnung zu Boden gefallene Brot kann somit meist bedenkenlos noch gegessen werden.<\/p>\n<p>Auch Wiesenb\u00f6den bieten meist eher sogenannten stimulierenden Schmutz statt krankmachenden Keimen. Auf einer \u00f6ffentlichen Toilette w\u00fcrde die Besiedelung mit Mikroorganismen nat\u00fcrlich anders aussehen und w\u00e4re bedenklich.<\/p>\n<h1>Ein bisschen Dreck muss sein<\/h1>\n<p>Ein gewisses Ma\u00df an Dreck ist \u00fcbrigens gut f\u00fcr uns, wenn sich darin nicht gerade gef\u00e4hrliche Krankheitserreger befinden. Die Mikroorganismen in unserer Umgebung sind wichtig f\u00fcr unsere Gesundheit, da sie von Kindheit an unser Immunsystem trainieren [3].<\/p>\n<p>Die so genannte \u201eHygiene-Hypothese\u201c besagt, dass die oft \u00fcbertriebene Sauberkeit eine der Ursachen f\u00fcr die h\u00e4ufiger auftretenden Allergien ist. Dies ist auch nachzulesen in unserem <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/ines-swoboda-fleisch-und-fischallergien-im-fokus\/\" target=\"_blank\">Interview mit der Allergieforscherin Ines Swoboda<\/a>.<\/p>\n<h2>Kinder in den Dreck<\/h2>\n<p>In diesem Sinne: Kinder, ab in den Dreck! Spielt im Matsch und w\u00fchlt den Waldboden so richtig mit euren Fingern auf! Und f\u00fcr alle, die sich nicht gerade auf einer \u00f6ffentlichen Toilette oder einer anderen stark keimbelasteten Umgebung befinden. Hebt das St\u00fcckchen Keks, das euch gerade auf den Boden gefallen ist, auf und genie\u00dft es ruhigen Gewissens. Euer Immunsystem wird es euch danken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Referenzen:<\/h2>\n<p>[1]:<a href=\"http:\/\/www.aston.ac.uk\/news\/releases\/2014\/march\/five-second-food-rule-does-exist\/\"> Forschungsergebnisse von Studenten von Prof. Anthony Hilton, auf der Website der Aston University. Researchers prove the five second rule is real. Kein peer review, keine Publikation in wissenschaftlichem Journal.<\/a><\/p>\n<p>[2]: <a href=\"http:\/\/aem.asm.org\/content\/early\/2016\/08\/15\/AEM.01838-16\">Miranda RC and Schaffner DW. Longer Contact Times Increase Cross-Contamination of Enterobacter aerogenes from Surfaces to Food (2016). Appl Environ Microbiol., Oct 14;82(21):6490-6496. doi: 10.1128\/AEM.01838-16<\/a><\/p>\n<p>[3]: <a href=\"http:\/\/science.sciencemag.org\/content\/349\/6252\/1106\">Schuijs MJ, Willart MA, Vergote K et al. Farm dust and endotoxin protect against allergy through A20 induction in lung epithelial cells (2015)<\/a> Science, Sep 4;349(6252):1106-10 doi: 10.1126\/science.aac6623<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kennen Sie sie auch, die ber\u00fchmte Drei-Sekunden-Regel, manchmal auch als F\u00fcnf-Sekunden-Regel bekannt? Vielleicht waren Sie schon in einer \u00e4hnlichen Situation und haben dabei selbst auf diese alte Weisheit der Lebensmittelhygiene zur\u00fcckgegriffen. Am Esstisch oder im Freien f\u00e4llt das Brot oder ein Keks zu Boden. 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