{"id":902,"date":"2016-12-22T11:23:46","date_gmt":"2016-12-22T11:23:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=902"},"modified":"2017-01-09T07:52:33","modified_gmt":"2017-01-09T07:52:33","slug":"das-weihnachtsmenue-und-seine-kulturelle-bedeutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/das-weihnachtsmenue-und-seine-kulturelle-bedeutung\/","title":{"rendered":"Das Weihnachtsmen\u00fc und seine kulturelle Bedeutung"},"content":{"rendered":"<h1>Kein Fest ohne Mahl<\/h1>\n<p>Einem Fest wohnt immer das Au\u00dfergew\u00f6hnliche und Seltene inne, weshalb allt\u00e4gliche T\u00e4tigkeiten zu diesen Anl\u00e4ssen meist ruhen. Feste geh\u00f6ren zum Menschsein, auch wenn sie sich in Ausma\u00df, H\u00e4ufigkeit und Anlass historisch und kulturell permanent ver\u00e4ndert haben. Sie werden gemeinsam begangen, im Kreis der Familie oder mit Freunden, und sind oftmals mit einer Reihe an Emotionen verkn\u00fcpft. Daher werden sie als gemeinschaftsstiftend betrachtet, was auch mit den immer wiederkehrenden Ritualen und Abl\u00e4ufen, die von der Gemeinschaft geteilt werden, zusammenh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Essen und Trinken ist ein solches Ritual und, wie Weber-Kellermann meint, \u201e\u2026wohl das \u00e4lteste soziale Element jeder gro\u00dfen Festzeit [1]\u201c. Dieses Ph\u00e4nomen k\u00f6nnen wir weit in der Menschheitsgeschichte zur\u00fcckverfolgen. Ein Fest, sei es nun der Geburtstag, die Hochzeit oder ein religi\u00f6ser Feiertag, ist ohne meist reichhaltige Mahlzeit undenkbar.\u00a0 Welche Speisen aber aufgetischt werden, unterscheidet sich kulturell, national und sogar regional sehr stark. Daher gilt: Jedem Fest sein einzigartiges Mahl, das durch spezifische, traditionell relativ strikt festgelegte Speisen, Zubereitungsarten und Darreichungsformen gekennzeichnet ist.<\/p>\n<h1>Was zu Weihnachten gegessen wird<\/h1>\n<p>Beim Weihnachtsessen ist dieses Prinzip besonders augenscheinlich. Schon in der Vorweihnachtszeit gibt es ein \u00fcppiges Angebot spezieller Weihnachtskekse wie Vanillekipferln, Kokosbusserln, Linzeraugen, Lebkuchen, Zimtsternen oder Rumkugeln. Am Heiligen Abend werden in \u00d6sterreich je nach Region und Familientradition Karpfen, Wurst, Kartoffelsalat, Geselchtes, Gans, Fondue oder ein besonders beliebtes Familiengericht serviert.<\/p>\n<p>Das war nicht immer so, war doch die Adventszeit bis zum 25. Dezember im Mittelalter dem Fasten vorbehalten, in der nur spezielles Fastengeb\u00e4ck wie Honigkuchen und Spekulatius verzehrt werden durfte. Am 24.12 waren die Vorschriften am strengsten, hier kamen bis Mitternacht nur Brotsuppe und getrocknetes Brot auf den Tisch. Ein deftiges Weihnachtsessen, wie wir es heute kennen, wurde erst nach der Christmette bzw. am 25. Dezember serviert, wobei die Speisen damals noch eine symbolisch-religi\u00f6se Bedeutung hatten. Fisch stand f\u00fcr Fruchtbarkeit und Leben, Schweine galten als Gl\u00fccksbringer, und Mohn als Zutat im Kuchen wurde mit F\u00fclle und Reichtum verbunden. In der christlichen Tradition wurden drei Beilagen zur Huldigung der Dreifaltigkeit gereicht oder zw\u00f6lf \u00c4pfel f\u00fcr die zw\u00f6lf Apostel rund um den Braten drapiert.<\/p>\n<p>Was die Auswahl des Men\u00fcs angeht, so gilt: Das eine Weihnachtsessen gibt es nicht. Es variiert hinsichtlich Region, Religiosit\u00e4t, gesellschaftlichem Status und mittlerweile auch in Bezug auf bestimmte Lebensstile. Trotzdem gibt es Gerichte, die l\u00e4nder\u00fcbergreifend bevorzugt zum Festmahl verspeist werden. Das ist einerseits der Karpfen, der traditionell f\u00fcr Erneuerung und Fruchtbarkeit, aber auch christliche Werte steht. Weltweit beliebt ist daneben Gefl\u00fcgel, ob in der Form von Gans, Ente oder Truthahn, das fr\u00fcher aufgrund seines hohen Fettgehalts als Energiequelle gesch\u00e4tzt wurde. Die \u00e4rmere Bev\u00f6lkerung hingegen griff oftmals auf Schweinefleisch und Wurst zur\u00fcck, was noch heute im Klassiker W\u00fcrstchen mit Kartoffelsalat in Deutschland und \u00d6sterreich auf den Tisch kommt. Daneben gibt es eine Unzahl anderer regionaler Gerichte mit ihren ganz einzigartigen Entwicklungen und Geschichten.<\/p>\n<h1>Die Bedeutung des Weihnachtsmen\u00fcs<\/h1>\n<p>Was k\u00f6nnen wir heute aus den unterschiedlichen Weihnachtsmen\u00fcs ablesen? Aus einer soziologischen Perspektive k\u00f6nnen sie uns einen Einblick in die Lebenswelten der Menschen geben. Neben der Region konnte das Festmahl fr\u00fcher einen Hinweis auf Schicht und Religiosit\u00e4t geben. Im Zeitalter von Lebensmittel\u00fcberfluss, in dem Traditionen von vielen Menschen nicht mehr mit ihrer religi\u00f6sen Bedeutung verbunden werden, greifen diese Kategorien jedoch nur noch ansatzweise.<\/p>\n<p>Aber warum halten viele Menschen trotzdem an gewissen Speisen fest? Warum nicht mal Sushi und Yogitee zum Weihnachtsfest? Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho meint dazu in einem Interview [2], dass \u00fcber ein gewohntes Weihnachtsmahl \u201eoft Traditionsanschl\u00fcsse gefunden oder sogar erfunden werden, die es nicht mehr wirklich gibt\u201c. Damit werden beispielsweise Familienideale wie die der Gro\u00dffamilie hoch gehalten, die in unserer Gesellschaft tats\u00e4chlich immer seltener werden. Durch die Vielf\u00e4ltigkeit und \u00d6ffnung unserer Gesellschaft wirken aber auch gewisse verpflichtende Normen nicht mehr so stark. So kann es durchaus sein, dass traditionelle Gerichte bewusst gemieden oder durch atypische Speisen ersetzt werden. Indem man beispielweise ein kreatives vegetarisches Gericht serviert, wird Individualit\u00e4t vermittelt und ganz nebenbei ein politisches Zeichen gesetzt.<\/p>\n<h2>Referenzen:<\/h2>\n<ol>\n<li>Weber-Kellermann, Ingeborg (1987): Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. Bucher, Luzern \/ Frankfurt am Main, S.166.<\/li>\n<li>&#8222;Thomas Macho \u00fcber das Festmahl an Weihnachten&#8220;, in: <a href=\"https:\/\/www.tip-berlin.de\/thomas-macho-uber-das-festmahl-weihnachten\/\">https:\/\/www.tip-berlin.de\/thomas-macho-uber-das-festmahl-weihnachten\/<\/a>, 06.12.2013, download am 21.12.2016.<\/li>\n<\/ol>\n<h2>Weiterf\u00fchrende Literatur:<\/h2>\n<p>Winfried Gebhardt (1987): Fest, Feier und Alltag. \u00dcber die gesellschaftliche Wirklichkeit des Menschen und ihre Deutung. Frankfurt \/ Bern \/ New York \/ Paris.<\/p>\n<p>Michael Maurer (Hrsg.): Das Fest. Beitr\u00e4ge zu seiner Theorie und Systematik. B\u00f6hlau, K\u00f6ln \/ Weimar \/ Wien 2004.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Fest ohne Mahl Einem Fest wohnt immer das Au\u00dfergew\u00f6hnliche und Seltene inne, weshalb allt\u00e4gliche T\u00e4tigkeiten zu diesen Anl\u00e4ssen meist ruhen. Feste geh\u00f6ren zum Menschsein, auch wenn sie sich in Ausma\u00df, H\u00e4ufigkeit und Anlass historisch und kulturell permanent ver\u00e4ndert haben. Sie werden gemeinsam begangen, im Kreis der Familie oder mit Freunden, und sind oftmals mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":903,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[31],"tags":[127,130,120],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/902"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=902"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/902\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":922,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/902\/revisions\/922"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/903"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=902"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=902"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=902"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}