{"id":608,"date":"2016-09-05T14:12:47","date_gmt":"2016-09-05T14:12:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=608"},"modified":"2021-02-12T14:06:23","modified_gmt":"2021-02-12T13:06:23","slug":"ines-swoboda-zu-lebensmittelallergien-fleischallergien-und-fischallergien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/ines-swoboda-zu-lebensmittelallergien-fleischallergien-und-fischallergien\/","title":{"rendered":"Ines Swoboda zu Lebensmittelallergien: Fleischallergien und Fischallergien"},"content":{"rendered":"<p><strong>In \u00d6sterreich litt im Jahr 2007 bereits jede f\u00fcnfte Person an einer Allergie [1]. Heute ist mit noch mehr Allergikern und Allergikerinnen zu rechnen, denn die Zahl der Allergie-Erkrankungen steigt weltweit. Die bESSERwisser trafen die Wiener Allergieforscherin Ines Swoboda, die einen besonderen Aspekt von Lebensmittelallergien untersucht: Fleisch- und Fischallergien. Eine Zusammenfassung des Gespr\u00e4chs mit der passionierten Wissenschaftlerin.<\/strong><\/p>\n<h1>Interview mit Ines Swoboda<\/h1>\n<p><strong>bESSERwisser: Frau Swoboda, woran arbeiten Sie aktuell mit ihrer Forschungsgruppe an der FH Campus Wien?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> Wir besch\u00e4ftigen uns momentan mit zwei ganz gro\u00dfen Themen: Mit Fleisch- und Fischallergien. Wir arbeiten aber auch an respiratorischen Epithelzellen &#8211; mit dem Ziel, Allergien, die den Atmungsapparat betreffen, besser zu verstehen. Und vor kurzem haben wir ein sehr spannendes neues Projekt gestartet, das sich mit Schimmelpilzallergien befasst.<\/p>\n<p><strong>bESSERwisser: Zum Thema Lebensmittelallergien: Welche Aspekte der Fleisch- und Fischallergien erforschen Sie mit Ihrem Team?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> \u00dcber Fleischallergien ist noch relativ wenig bekannt. Man wei\u00df allerdings, dass Patienten entweder auf S\u00e4ugetierfleisch (rotes Fleisch) oder auf Gefl\u00fcgelfleisch (wei\u00dfes Fleisch) allergisch sind. Uns ist es vor kurzem gelungen, erste Molek\u00fcle aus Gefl\u00fcgelfleisch zu identifizieren, die eine Allergie gegen Gefl\u00fcgelfleisch ausl\u00f6sen k\u00f6nnen \u2013 da schreiben wir gerade eine Publikation dazu. \u00dcber Fischallergien wei\u00df man schon mehr. Hier wollen wir einerseits neue Allergene &#8211; das sind Substanzen, die Allergien verursachen k\u00f6nnen &#8211; identifizieren, andererseits wollen wir an einer Verbesserung der Immuntherapie mitwirken. Durch das Verwenden modifizierter Einzelallergene statt Extrakten k\u00f6nnte die Immuntherapie in Zukunft spezifischer und starke Nebenwirkungen vermieden werden.<\/p>\n<p><strong>bESSERwisser: Das klingt nach einem sehr umfangreichen Forschungsrahmen. Was ist f\u00fcr Sie eigentlich das Spannende am Thema Allergie?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> Ich mag das wissenschaftliche Arbeiten und die Grundlagenforschung an und f\u00fcr sich. Mir ist es allerdings auch wichtig, ein Fernziel zu verfolgen, das Nutzen bringt. Unsere Forschungsergebnisse sollen auf lange Sicht den Allergikern und Allergikerinnen helfen. Ich m\u00f6chte mit meinem Team einen Beitrag dazu leisten, die Diagnose und die Behandlungsm\u00f6glichkeiten von Allergien zu verbessern.<\/p>\n<p><strong>bESSERwisser: Man h\u00f6rt von vielen Seiten, dass die Tendenz, an einer Allergie zu erkranken, steigt. Stimmt das?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> Dass es immer mehr Allergien gibt, l\u00e4sst sich durch zahlreiche Studien belegen (zusammengefasst in [2]). Es gibt nat\u00fcrlich den Aspekt, dass fr\u00fcher \u00a0die M\u00f6glichkeiten einer verl\u00e4sslichen Diagnose noch nicht gegeben waren und deswegen weniger Allergien registriert wurden. Aber auch seit Einsatz einer verbesserten Allergie-Diagnose wurde ein weiterer Anstieg dieser Erkrankung verzeichnet.<\/p>\n<p><strong>bESSERwisser: Was ist die Ursache f\u00fcr den Anstieg der Allergie-Erkrankungen?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> Man geht dabei von einer Multikomponentenursache aus, es sind also mehrere Faktoren daran beteiligt. Eine wichtige Rolle spielt sicher die genetische Veranlagung, aber es gibt noch weit mehr Faktoren, von denen angenommen wird, dass sie die Entstehung von allergischen Erkrankungen beg\u00fcnstigen k\u00f6nnen, So zum \u00a0Beispiel die steigende Umweltverschmutzung und ver\u00e4nderte Lebensgewohnheiten. Auch vermehrte Hygienema\u00dfnahmen scheinen laut Hygienetheorie das Auftreten von Allergien zu beg\u00fcnstigen. Diese Theorie besagt,, dass fr\u00fcher das Immunsystem des Menschen durch die Notwendigkeit, unterschiedlichste Pathogene abzuwehren, viel mehr gefordert war. Heutzutage ist aufgrund der verbesserten Hygienebedingungen unser Immunsystem teilweise \u201eunterfordert\u201c und sozusagen nicht in \u00dcbung. So kann es auf harmlose Stoffe \u00fcberreagieren. Aus diesem Grund nehmen auch Autoimmunerkrankungen zu. Ein weiterer Punkt ist auch, dass die Nahrung, die wir heute zu uns nehmen, nicht mehr der \u201enat\u00fcrlichen Nahrung\u201c entspricht. Durchschnittsb\u00fcrger von heute konsumieren Junk Food und eine wahre Bombe an E-Nummern in diversen Nahrungsmitteln. Die Nahrung ist k\u00fcnstlich, und auch die Art der Verarbeitung und Aufbereitung f\u00fcr den Handel ist heute anders. Dass dies auch zu Allergien f\u00fchren kann, ist allerdings noch nicht bewiesen, das ist bis jetzt reine Vermutung.<\/p>\n<div class=\"highlight\">\n<p><strong>bESSERwisser: Allergien und Nahrungsmittelunvertr\u00e4glichkeiten werden oft in einem Atemzug genannt, sind aber grundlegend verschieden. Wo liegt der gro\u00dfe Unterschied?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> Obwohl die Symptome wie Jucken im Mund, Hautr\u00f6tungen oder Magen-Darm-Beschwerden durchaus \u00e4hnlich sein k\u00f6nnen, muss man klar zwischen Allergien und einer Nahrungsmittel\u00adunvertr\u00e4glichkeit unterscheiden. An einer allergischen Reaktion ist immer das Immunsystem beteiligt. Es sind Antik\u00f6rper der IgE-Klasse involviert, und der Botenstoff Histamin wird ausgesch\u00fcttet. Erst ab dem Zweit- bzw. Folgekontakt kommt es zur Reaktion auf die Allergenquelle, vorher findet die sogenannte Sensibilisierung statt \u2013 der K\u00f6rper wird in Alarmbereitschaft versetzt. Bei einer Nahrungsmittelunvertr\u00e4glichkeit hingegen laufen keine immunlogischen Prozesse im K\u00f6rper ab. Es ist meist zu wenig eines bestimmten Enzyms vorhanden \u2013 wie zum Beispiel bei der Laktose- oder Fruktoseintoleranz \u2013 und Nahrungsmittel k\u00f6nnen nicht gut verarbeitet und in kleinere Teile gespalten werden. Bei einer Unvertr\u00e4glichkeit gibt es keine Sensibilisierungsphase, eine Reaktion kann schon beim Erstkontakt erfolgen. Es gibt auch noch die Z\u00f6liakie. Diese Erkrankung, bei der es im Extremfall zum Abbau der Darmzotten kommen kann, ist ein Spezialfall und stellt eine Unvertr\u00e4glichkeit auf Gluten mit immunologischer Basis dar.<\/p>\n<\/div>\n<p><strong>bESSERwisser: Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft aus? Werden Allergien zur\u00fcckgehen, k\u00f6nnen sie einmal vollst\u00e4ndig geheilt werden?<\/strong><\/p>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> Eines ist sicher: In Zukunft werden immer bessere M\u00f6glichkeiten \u00a0zur Diagnose von Allergien zur Verf\u00fcgung stehen. Es wird auch bessere Mittel f\u00fcr Therapien geben. Eine komplette Vermeidung von Allergien ist trotz verbesserter Diagnose aber teilweise nicht m\u00f6glich. Bei Nahrungsmitteln kann man bei vorliegender Diagnose versuchen, diese nicht mehr zu sich zu nehmen, bei Pollen und Hausstaubmilben aber beispielsweise l\u00e4sst sich der Kontakt oft nicht vermeiden.<\/p>\n<p><strong>bESSERwisser: Was ist Ihre Prognose f\u00fcr zuk\u00fcnftige Trends und Entwicklungen? Geht alles wieder zur\u00fcck zum Nat\u00fcrlichen, werden wir unsere Produkte wieder vom Bauern beziehen?<\/strong><\/p>\n<div id=\"attachment_616\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN9026_Maschinen.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-616\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-616 size-medium\" src=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN9026_Maschinen-300x201.jpg\" alt=\"Ausstattung im Labor von Ines Swoboda\" width=\"300\" height=\"201\" srcset=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN9026_Maschinen-300x201.jpg 300w, https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN9026_Maschinen-768x516.jpg 768w, https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN9026_Maschinen-1024x688.jpg 1024w, https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/DSCN9026_Maschinen.jpg 1656w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-616\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Ausstattung im Labor von Ines Swoboda (Open Science &#8211; Lebenswissenschaften im Dialog)<\/p><\/div>\n<p><strong>Swoboda:<\/strong> Hier wage ich es nicht, Prognosen abzugeben. Es w\u00e4re schon m\u00f6glich, dass Landwirte als direkte Lieferanten f\u00fcr die Endverbraucher wieder wichtiger werden. Teilweise werden mit den Produkten vom Bauernhof auch Endotoxine &#8211; das sind Zerfallsprodukte von Bakterien &#8211; mitgeliefert, die das Immunsystem stimulieren und trainieren. Es gibt Hinweise darauf, dass es bei nat\u00fcrlichen Produkten zu weniger Allergien kommt, das ist aber alles im Moment noch zu wenig belegt.<\/p>\n<h1>Zur Person<\/h1>\n<p>Univ. Doz. Dr. Ines Swoboda ist als Allergieforscherin in Wien t\u00e4tig und untersucht mit ihrem Team die Mechanismen von Fleisch- und Fischallergien sowie allergische Reaktionen des Atmungsapparates. Die promovierte Biologin studierte in Wien, absolvierte einen Forschungsaufenthalt an der University of Melbourne (Australien) und war mehr als 10 Jahre lang an der Medizinischen Universit\u00e4t Wien t\u00e4tig, wo sie sich auch habilitierte. Seit September 2011 leitet sie eine <a href=\"https:\/\/www.fh-campuswien.ac.at\/content\/personen\/ines-swoboda-univdoz-dr.html\">eigene Forschungsgruppe an der Fachhochschule Campus Wien, Fachbereich Biotechnologie.<\/a> Ihre Forschungsprojekte werden aktuell von der Stadt Wien (MA 23), dem FWF und der FFG finanziert.<\/p>\n<p>Ines Swoboda ist neben ihrer wissenschaftlichen T\u00e4tigkeit auch in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit sehr aktiv. So nahm sie unter anderem schon am Wiener Forschungsfest, dem Junior Science Club, dem Science Day und der Langen Nacht der Forschung \u00a0teil, um mit Besuchern zu diskutieren und wirkte auch bei der Entwicklung einer Allergie-Station f\u00fcr eine <a href=\"http:\/\/www.wirkungswechsel.at\/\">interaktive Wanderausstellung des Science Center Netzwerks<\/a> mit. Aktuell bereitet sie sich auf zwei weitere \u00d6ffentlichkeitsprojekte &#8211; eine <a href=\"http:\/\/www.openscience.or.at\/schulcorner\/medizin---mensch---ernhrung\/allergie-fortbildung-fuer-biologie-lehrerinnen-am-21112016\">Lehrerfortbildung<\/a> und ein <a href=\"http:\/\/www.openscience.or.at\/projekte\/projektnews\/aktionstage-vortraege-und-experimente-zum-thema-ernaehrung\">Projekt zum Thema Ern\u00e4hrung<\/a> &#8211; vor. Sie ist auch als Expertin unterst\u00fctzend f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.openscience.or.at\/\">Open Science <\/a>t\u00e4tig.<\/p>\n<p>Mehr Information zu Ines Swoboda und Ihrer Forschung unter:<\/p>\n<p>https:\/\/www.fh-campuswien.ac.at\/content\/personen\/ines-swoboda-univdoz-dr.html<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Referenzen<\/strong><\/p>\n<p>[1]: Dorner T., Lawrence K., Rieder A. und Kunze M.: \u00d6sterreichischer Allergiebericht. In: Verein Altern mit Zukunft, Juni 2006.<\/p>\n<p>[2]: Pawankar R, Canonica GW, ST Holgate ST, Lockey RF, Blaiss M. The WAO White Book on Allergy (Update. 2013)<\/p>\n<p><strong>Ausgew\u00e4hlte Publikationen von Ines Swoboda<\/strong><\/p>\n<p>Swoboda I, K\u00fchn A. Fischallergie \u2013 neue Ans\u00e4tze zur Verbesserung von Diagnose und Therapie. In Allergien durch tierische Lebewesen. Stiller D (ed) Dustri-Verlag Dr. Karl Feistle, Oberhaching, Germany, pp 17-32.<\/p>\n<p>Swoboda, I., Bugajska-Schretter, A., Linhart, B., Verdino, P., Keller, W., Schulmeister, U., Sperr, W.R., Valent, P., Peltre, G., Quirce, S., Douladiris, N., Papadopoulos, N.G., Valenta, R. and Spitzauer, S. (2007). <a href=\"http:\/\/www.jimmunol.org\/content\/178\/10\/6290.full.pdf+html\">A recombinant hypoallergenic parvalbumin mutant for immunotherapy of IgE-mediated fish allergy<\/a>. Journal of Immunology, 178(10), 6290-6296.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In \u00d6sterreich litt im Jahr 2007 bereits jede f\u00fcnfte Person an einer Allergie [1]. 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