{"id":597,"date":"2016-08-30T11:42:36","date_gmt":"2016-08-30T11:42:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=597"},"modified":"2017-03-20T00:11:23","modified_gmt":"2017-03-20T00:11:23","slug":"kulinarische-erinnerungen-wie-sie-funktionieren-und-wie-sie-uns-praegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/kulinarische-erinnerungen-wie-sie-funktionieren-und-wie-sie-uns-praegen\/","title":{"rendered":"Kulinarische Erinnerungen \u2013 wie sie funktionieren und uns pr\u00e4gen"},"content":{"rendered":"<p>Essen hat neben seiner Funktion uns zu ern\u00e4hren eine weitere besondere F\u00e4higkeit: es kann Erinnerungen hervorrufen.<\/p>\n<p>So allt\u00e4glich sich der Begriff Erinnerung f\u00fcr uns anh\u00f6rt, so umstritten ist er in der wissenschaftlichen Community. Einigkeit besteht darin, dass unter Erinnerungen, vergangene Erfahrungen verstanden werden, die, je nach Situation und Umgebung, immer wieder ein bisschen anders erz\u00e4hlt, erinnert und (wieder)erlebt werden. Der Prozess des Erinnerns kann aktiv passieren oder passiv durch etwas ausgel\u00f6st werden. Erinnerungen enthalten neben Bildern und Szenen auch ein gro\u00dfes Repertoire an Ger\u00fcchen, Empfindungen und Gef\u00fchlen. Durch seine sinnliche Komponente erzeugt Essen Erinnerungen, die eben nicht blo\u00df kognitiver, sondern auch emotionaler und k\u00f6rperlicher Art sind.<\/p>\n<p>Mit dem Essen ist somit ein reichhaltiges Repertoire verschiedenster Formen des Erinnerns verbunden. Das reicht vom sehr pers\u00f6nlichen Erlebnis, wie dem Verspeisen von Omas wunderbarer Geburtstagstorte in der Kindheit, bis zu gemeinsam erinnerten, kulturell geteilten Erfahrungen, wie dem spezifischen Hungeressen in der Nachkriegszeit. Somit k\u00f6nnen Erinnerungen soziale Beziehungen aber auch die Identit\u00e4ten von ganzen Generationen mitpr\u00e4gen.<\/p>\n<h1>Der Zweck kulinarischer Erinnerungen<\/h1>\n<p>Aber wie h\u00e4ngen Essen und Erinnerung zusammen und wie beeinflussen sie unser t\u00e4gliches Handeln?<\/p>\n<h2>Nostalgische Kindheitserinnerungen<\/h2>\n<p>Um diese Frage beantworten zu k\u00f6nnen, muss zuallererst untersucht werden, wie und zu welchem Zweck die Vergangenheit in Erinnerung gerufen wird. So werden etwa im pers\u00f6nlichen Bereich Erinnerungen an Speisen aus der Kindheit, bewusst oder unbewusst, abgerufen, um in der Gegenwart meist positive Gef\u00fchle wieder zu erleben. Die Erinnerung ist gerade in diesem Bereich sehr selektiv. So werden bestimmte Situationen gesch\u00f6nt oder romantisiert. Dies kann zu Nostalgie f\u00fchren, wo den \u00bbguten alten Zeiten\u00ab nachgetrauert und negative Bereiche ausgeblendet werden.<\/p>\n<h2>Die Vergangenheit als Marketingstrategie<\/h2>\n<p>Aber auch das Ersehnen einer Vergangenheit, die selbst nie erfahren wurde, kann einen Einfluss auf unsere gegenw\u00e4rtigen Handlungen haben. Gerade im Konsumbereich wird diese Form der Nostalgie geschickt als Marketingstrategie eingesetzt, indem Begriffe aus der Vergangenheit verwendet werden oder die spezielle traditionelle Herstellungsweise eines Produktes herausgestrichen wird.<\/p>\n<h2>Erfundene Traditionen<\/h2>\n<p>Eine spezielle Form dieses Ph\u00e4nomens stellen die sogenannten \u201eerfundenen Traditionen\u201c dar. Dieses mittlerweile schon klassische Konzept der beiden Historiker Eric Hobsbawm und Terence Ranger [1] zeigt, dass scheinbar in der Vergangenheit fest verankerte Traditionen, oftmals gar nicht so weit zur\u00fcckreichen, sondern sich erst vor kurzem entwickelt haben. Trotzdem verf\u00fcgen sie \u00fcber eine enorme Wirkung. Sie k\u00f6nnen zum Beispiel kollektive Identit\u00e4ten erzeugen oder gesellschaftliche Normen und Strukturen stabilisieren. Aber wie kann eine Tradition, die, wie es scheint, \u00fcber Generationen hinweg weitergegeben und etabliert wurde, \u201eerfunden\u201c werden? In der Welt der Ern\u00e4hrung gibt es eine Menge an Beispielen f\u00fcr diese Paradoxie. So wurde etwa eine urspr\u00fcngliche Form der Pizza von italienischen Einwanderern in die USA exportiert und dort bearbeitet und ver\u00e4ndert. Danach gelangte sie in ihrer heutigen Form wieder nach Italien zur\u00fcck, wo sie zur bekanntesten traditionellen Speise der italienischen K\u00fcche avancierte und in der ganzen Welt als solche betrachtet und vermarktet wird.<\/p>\n<h2>Herstellung und Bewahrung einer gemeinsamen Identit\u00e4t<\/h2>\n<p>Essen kann aber auch zur Etablierung von nationalen Identit\u00e4ten beitragen. Ein besonders sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr stammt von dem Anthropologen Richard Wilk [2]. In seiner Untersuchung zeigt er, wie die Konstruktion der Nation Belize, nach der Erlangung der Unabh\u00e4ngigkeit von Gro\u00dfbritannien, mit der Wiederentdeckung einer lokalen K\u00fcche Hand in Hand ging. Gerade bei MigrantInnen und Vertriebenen kann das kulturspezifische Einkaufen, Zubereiten und Einnehmen von Gerichten Erfahrungen und Emotionen einer Zeit hervorrufen, in denen die Identit\u00e4ten dieser Menschen noch nicht zerrissen waren und damit ein Gef\u00fchl von Sicherheit und Zugeh\u00f6rigkeit schaffen. In diesem Zusammenhang, zeigt eine Studie mit \u00e4lteren koreanischen Einwanderern, dass diese nach Jahren in der japanischen Emigration das scharfe koreanische Essen nicht mehr richtig verdauen konnten. Dies l\u00f6ste bei ihnen Zweifel an ihrer koreanischen Identit\u00e4t aus und wurde als moralische Verfehlung ihrem Heimatland gegen\u00fcber betrachtet.<\/p>\n<p>Wie aus den obigen Ausf\u00fchrungen klar wird, bewegen sich Ern\u00e4hrungsthemen\u00a0 immer zwischen dem Intimen und dem \u00d6ffentlichen, dem Individuellen und dem Kollektiven. Das darin liegende Potential, diese Ebenen miteinander zu verbinden, macht es auch f\u00fcr die Zukunft zu einem der spannendsten sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschungsgebiete.<\/p>\n<h2>Referenzen:<\/h2>\n<p>[1] Hobsbawm, E. and Ranger, T. (1983). The Invention of Tradition. Cambridge: Cambridge University Press.<\/p>\n<p>[2] Wilk, R. (1999). \u2018Real Belizian food\u2019: Building local identity in the transnational Caribbean. American Anthropologist, 101(2), 244-255.<\/p>\n<h2>Vertiefende Literatur:<\/h2>\n<p>Holtzman, Jon D. (2006). Food and Memory. The Annual Review of Anthropology, 35, 361-378.<\/p>\n<p>Sutton, D. (2001). Remembrance of Repasts. An Anthropology of Food and Memory.\u00a0 New York: Berg Publishing.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essen hat neben seiner Funktion uns zu ern\u00e4hren eine weitere besondere F\u00e4higkeit: es kann Erinnerungen hervorrufen. So allt\u00e4glich sich der Begriff Erinnerung f\u00fcr uns anh\u00f6rt, so umstritten ist er in der wissenschaftlichen Community. Einigkeit besteht darin, dass unter Erinnerungen, vergangene Erfahrungen verstanden werden, die, je nach Situation und Umgebung, immer wieder ein bisschen anders erz\u00e4hlt, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":603,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[31],"tags":[],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/597"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=597"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/597\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1141,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/597\/revisions\/1141"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/603"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=597"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=597"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=597"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}