{"id":504,"date":"2016-08-03T09:05:38","date_gmt":"2016-08-03T09:05:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=504"},"modified":"2016-10-18T11:29:18","modified_gmt":"2016-10-18T11:29:18","slug":"essen-der-zukunft-insekten-und-algen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/essen-der-zukunft-insekten-und-algen\/","title":{"rendered":"Essen der Zukunft: Insekten und Algen?"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht haben Sie auch schon davon gelesen oder geh\u00f6rt: Die Erdbev\u00f6lkerung w\u00e4chst, und um ein \u00dcberleben der menschlichen Rasse auf diesem Planeten zu sichern, muss es ein generelles Umdenken bei der Ern\u00e4hrung geben. Experten raten dringend dazu, in Zukunft weniger Fleisch zu essen und stattdessen auf andere Proteinquellen wie beispielsweise Insekten umzusteigen. Nur so kann laut vielen Wissenschaftlern langfristig genug Nahrung f\u00fcr alle sichergestellt werden. Was ist wahr daran? M\u00fcssen bei den n\u00e4chsten Generationen wirklich W\u00fcrmer &amp; Co auf den Teller? Die bESSERwisser haben nachgeforscht und berichten von den wissenschaftlichen Grundlagen dieser Thematik.<\/p>\n<h1>Weltbev\u00f6lkerung &#8211; Daten und Fakten<\/h1>\n<p>Laut der Weltern\u00e4hrungsorganisation (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) hat die Zahl der Weltbev\u00f6lkerung einen Wert erreicht, bei dem es bei gleichbleibenden Ern\u00e4hrungsgewohnheiten zu erheblichen Nahrungsmittelengp\u00e4ssen kommen wird. Zum Jahreswechsel 2015\/2016 gab es 7,39 Milliarden Menschen auf unserem Planeten [1]. F\u00fcr das Jahr 2050 prognostiziert die UN eine Weltbev\u00f6lkerung 9,7 Milliarden Menschen, und f\u00fcr das Jahr 2100 schon etwa 11,2 Milliarden Menschen [2].<\/p>\n<h1>Steigender Fleischkonsum<\/h1>\n<p>Die Menschheit w\u00e4chst stetig, und sie isst heute so viel Fleisch wie nie zuvor. Das ist nicht nur in den Industriel\u00e4ndern, sondern auch in den Entwicklungsl\u00e4ndern der Fall. Laut einem Bericht der FAO wurden im Jahr 2012 insgesamt 300 Millionen Tonnen Fleisch produziert \u2013 das entspricht einem weltweiten pro-Kopf-Konsum von 42,5 Kilogramm pro Jahr [3]. Trotz klarer Unterschiede zwischen Arm und Reich holen auch die \u00e4rmeren L\u00e4nder hier rasch auf: In Entwicklungsl\u00e4ndern lag der Fleischkonsum im Jahr 2006 noch bei 30,7 Kilogramm pro Jahr, 2012 waren es mit 32,7 Kilogramm bereits um 7 % mehr.<\/p>\n<h1>Fleischproduktion und Umweltzerst\u00f6rung<\/h1>\n<p>Die Herstellung von Fleisch ist mit einem enormen Aufwand verbunden. Die Tiere m\u00fcssen gez\u00fcchtet und untergebracht werden und ben\u00f6tigen gro\u00dfe Mengen an Futtermitteln. Diese wiederum werden auf riesigen Ackerfl\u00e4chen angebaut und brauchen entsprechende Bew\u00e4sserung. So erfordert beispielsweise die Herstellung eines einzigen Kilogramms Schweinefleisch etwa 10.000 Liter Wasser, f\u00fcr einen Kilogramm Rindfleisch werden sogar rund 15.000 Liter ben\u00f6tigt. Diese Daten klingen absurd, wenn man bedenkt, dass gleichzeitig 1,1 Milliarden Menschen auf der Erde keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Auch die CO2-Bilanz der Fleischproduktion sollte zu denken geben: So errechneten japanische Wissenschaftler, dass bei der Rinderhaltung von der Geburt bis zur Schlachtung eines Tieres Gase mit einer Treibhauswirkung von 36 Kilogramm Kohlendioxid freigesetzt werden. Das entspricht in etwa einer dreist\u00fcndigen Autofahrt, w\u00e4hrend man zu Hause alle Lichter aufgedreht l\u00e4sst [4].<\/p>\n<p>Um gen\u00fcgend Weidefl\u00e4che f\u00fcr die Viehzucht und Ackerfl\u00e4che f\u00fcr die Futterproduktion zu haben, werden in manchen L\u00e4ndern wie Argentinien oder Brasilien gro\u00dffl\u00e4chig W\u00e4lder abgeholzt. Die ans\u00e4ssigen Kleinbauern m\u00fcssen der Gro\u00dfproduktion weichen. Mittlerweile f\u00e4llt fast ein Drittel der Agrarfl\u00e4che unserer Erde der Futterproduktion zum Opfer. Da Futtermittel wie Soja aus diesen L\u00e4ndern auch nach Europa exportiert wird, geht der Fleischkonsum der Europ\u00e4er hiermit auch auf Kosten dieser L\u00e4nder. Auch in den Industriel\u00e4ndern wird die Umwelt durch die Fleischproduktion in Mitleidenschaft gezogen: Pflanzenarten sterben aus, das Grundwasser wird mit Unkraut-, D\u00fcnge- und Insektenvernichtungsmitteln belastet, und Antibiotika kommen zum Einsatz. Fleischproduktion bedeutet somit auch Umweltzerst\u00f6rung.<\/p>\n<h1>Alternativen zu Fleisch<\/h1>\n<p>Aus Gr\u00fcnden der \u00f6kologischen Notwendigkeit und zur L\u00f6sung des Welthungerproblems wird von Experten dringend eine drastische Verringerung des Fleischkonsums empfohlen. Das bringt die Suche nach alternativen Eiwei\u00df-Quellen mit sich, denn etwa 15 Prozent unserer Nahrung sollten durch Eiwei\u00df abgedeckt werden. Ein Erwachsener ben\u00f6tigt etwa 60 Gramm hochwertiges Eiwei\u00df pro Tag. Heute gibt es bereits mehrere M\u00f6glichkeiten, um die Eiwei\u00df-L\u00fccke zu schlie\u00dfen.<\/p>\n<h2>Insekten<\/h2>\n<p>In manchen Teilen der Welt ist Entomophagie \u2013 der Verzehr von Insekten durch den Menschen \u2013 schon lange verbreitet. Bereits bei 2 Milliarden Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika stehen Insekten zumindest teilweise am Speiseplan. Bei uns l\u00f6st oft allein die Vorstellung vom Verzehr von Heuschrecken, Fliegenlarven, Mehlw\u00fcrmern oder \u00c4hnlichem schon Ekelgef\u00fchle aus. Sch\u00f6n langsam jedoch findet auch hierzulande ein Umdenken statt. So werden in \u00d6sterreich schon seit l\u00e4ngerem Insektenkochkurse angeboten und auch von der Bev\u00f6lkerung angenommen. Und die Heimzucht von Insekten wird bald einfacher: zwei \u00d6sterreicherinnen haben mit der \u201eLivin Farm\u201c eine Brutbox f\u00fcr den Eigenanbau von Mehlk\u00e4ferlarven entwickelt, die es bald am Markt gibt. Insekten werden dabei mit Bioabfall gef\u00fcttert und wandeln diesen in hochwertiges Protein um. Auch EU-weit wird der systematisch Einsatz von Insekten als Proteinquelle gef\u00f6rdert: So wird etwa in dem Forschungsprojekt \u201ePoteinsect\u201c der Einsatz von insektenbasierten Futtermittel untersucht. Auch als Futtermittel f\u00fcr die Tierhaltung werden heute teilweise schon Insekten verwendet.<\/p>\n<div class=\"highlight\">\n<p>Weltweit gibt es mindestens 1.400 essbare Insektenarten [5], teilweise ist gar von 1.900 die Rede [6]. Insekten enthalten hochwertiges Eiwei\u00df und liefern au\u00dferdem unges\u00e4ttigte Fetts\u00e4uren, Vitamine, Eisen, Magnesium, Zink, Kalzium, Kalium, Phosphor und viele andere Mineralstoffe und Spurenelemente. Im Vergleich zur Viehzucht verbraucht die Insektenzucht weit weniger an Futtermitteln. So ergeben zwei Kilo Futtermittel ein Kilogramm Insekten \u2013 im Vergleich dazu m\u00fcssen bei Rindern acht Kilogramm Futtermasse f\u00fcr ein Kilogramm K\u00f6rpermasse aufgebracht werden. Insekten k\u00f6nnen als Ganzes verzehrt werden, alternativ gibt es aber auch Mehl aus gemahlenen Insekten. Als beliebte Insekten gelten beispielsweise K\u00e4fer, Raupen, Grash\u00fcpfer und Ameisen.<\/p>\n<\/div>\n<h2>Algen<\/h2>\n<p>Mikroalgen wie Chlorella oder Spirulina (Arthrospira) enthalten hochwertiges Eiwei\u00df, mehrfach unges\u00e4ttigte Fetts\u00e4uren und Farbpigmente. Sie zeichnen sich durch schnelles Wachstum und geringen Platzbedarf aus und machen bestehenden Landwirtschaftsfl\u00e4chen keine Konkurrenz. Algen sind als Ganzes und als Extrakt erh\u00e4ltlich und sind vor allem im asiatischen Raum beliebt. Auch bei uns halten sie langsam Einzug. Es gibt allerdings teilweise widerspr\u00fcchliche Meinungen dazu, ob Algen toxische Stoffe beinhalten [7] oder nicht.<\/p>\n<h2>Kunstfleisch (&#8222;Cultured meat&#8220;)<\/h2>\n<p>Zellen von Tieren k\u00f6nnen in vitro vermehrt werden. So gez\u00fcchteter Zellbrei konnte als \u201eFleisch\u201c geschmacklich zwar bereits \u00fcberzeugen, ist aber aktuell viel zu teuer in der Herstellung und daher noch nicht am Markt verf\u00fcgbar.<\/p>\n<h2>H\u00fclsenfr\u00fcchte<\/h2>\n<p>Auch Erbsen, Linsen und Bohnen stellen hervorragende Eiwei\u00dflieferanten dar.<\/p>\n<p>Ob sich Insekten, Algen oder ganz andere Alternativen f\u00fcr die Zukunft durchsetzen werden, bleibt offen. Eines ist auf alle F\u00e4lle sicher: gernerell weniger Fleisch zu essen und daf\u00fcr qualitativ hochwertigere und teurere Erzeugnisse zu kaufen ist auch schon ein Schritt in die richtige Richtung. Gutes Gewissen inklusive.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Einen Erfahrungsbericht der bESSERwisser \u00fcber eine Insektenverkostung finden Sie <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/insekten-essen-ein-erfahrungsbericht\/\"><span style=\"text-decoration: underline;\">hier<\/span><\/a>.<\/em><\/p>\n<p><span id=\"sample-permalink\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Referenzen<\/h2>\n<p>[1] Stiftung Weltbev\u00f6lkerung, abgerufen am 1.1.2016<\/p>\n<p>[2] Stiftung Weltbev\u00f6lkerung: Korrekturen der Hochrechnungen aus dem Jahr 2013 (2015).<\/p>\n<p>http:\/\/www.weltbevoelkerung.de\/aktuelles\/details\/show\/details\/news\/weltbevoelkerung-waechst-bis-2050-staerker-als-angenommen.html<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.fao.org\/3\/a-i4136e.pdf\">[3] Hallam D., Calpe C. and Abbassian A.: Food Outlook. Biannual report on global food markets (2014). Food and Agriculture Organization of the United Nations.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1111\/j.1740-0929.2007.00457.x\/epdf?r3_referer=wol&amp;tracking_action=preview_click&amp;show_checkout=1&amp;purchase_referrer=www.google.at&amp;purchase_site_license=LICENSE_DENIED\">[4] Ogino I., Orito H., Shimada K. et al.: Evaluating environmental impacts of the Japanese beef cow\u2013calf system by the life cycle assessment method. Animal Science Journal (2007), 9 JUL 2007, DOI: 10.1111\/j.1740-0929.2007.00457.x<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.fao.org\/docrep\/012\/i1380e\/i1380e00.pdf\">[5]: Durst PB, Johnson DV, Leslie RN and Shono K.: Edible forest insects. Humans bite back (2010). Food and Agriculture Organization of the United Nations.<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.fao.org\/docrep\/018\/i3253e\/i3253e.pdf\">[6] Van Huis A., Van Itterbeeck J., Klunder H. et al: Edible insect. Future prospects for food and feed security (2013). Food and Agriculture Organization of the United Nations.<\/a><\/p>\n<p>[7] Wagner KH and Siddiqui I.: Die toxischen Inhaltsstoffe der Mikroalge Scenedesmus obliquus (1973). The Science of Nature 60(2):109-110. DOI: 10.1007\/BF00610423<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht haben Sie auch schon davon gelesen oder geh\u00f6rt: Die Erdbev\u00f6lkerung w\u00e4chst, und um ein \u00dcberleben der menschlichen Rasse auf diesem Planeten zu sichern, muss es ein generelles Umdenken bei der Ern\u00e4hrung geben. Experten raten dringend dazu, in Zukunft weniger Fleisch zu essen und stattdessen auf andere Proteinquellen wie beispielsweise Insekten umzusteigen. 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