{"id":392,"date":"2016-07-06T11:21:51","date_gmt":"2016-07-06T11:21:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=392"},"modified":"2021-09-29T16:56:33","modified_gmt":"2021-09-29T14:56:33","slug":"lebensmittel-im-muell-wegwerfen-vermeiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/lebensmittel-im-muell-wegwerfen-vermeiden\/","title":{"rendered":"Lebensmittel im M\u00fcll: Wegwerfen vermeiden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Weltweit landen j\u00e4hrlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im M\u00fcll. Wieso wird heute so viel Essen weggeworfen, und was kann man dagegen tun? Die bESSERwisser haben dazu recherchiert und auch nachgeforscht, was es mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum auf sich hat.<\/strong><\/p>\n<h1>Zahlen und Fakten zu Lebensmittelabf\u00e4llen<\/h1>\n<p>Jeder hat sich sicher schon einmal selbst bei der Verschwendung von Nahrungsmitteln ertappt, schlechtes Gewissen inklusive: Schnell wird ein Joghurt im M\u00fcll entsorgt, das abgelaufen ist, ohne vorher auch nur hineinzuschauen. Oder der Speiseplan hat sich ge\u00e4ndert, und das zuvor gekaufte und eigentlich zum Kochen schon eingeplante Obst und Gem\u00fcse ist verdorben und wird weggeworfen. Ist ja alles nicht so schlimm, oder? Jeder wirft schlie\u00dflich Essen weg. Jeden Tag. Ein bisschen. Oder manchmal auch mehr. Weiter nicht schlimm. Oder?<\/p>\n<p>Weltweit werden jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel weggeworfen \u2013 das bedeutet, etwa ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel wird nicht verzehrt und muss entsorgt werden [1].<\/p>\n<p>EU-weit landen jedes Jahr stolze 89 Millionen Tonnen Essen pro Jahr im M\u00fcll. Dabei entfallen auf jede Person im Durchschnitt 179 Kilogramm, was in etwa einem Viertel der tats\u00e4chlich konsumierten Lebensmittel entspricht [2]. Und das, obwohl ein Gro\u00dfteil des Weggeworfenen noch ohne weiteres genie\u00dfbar w\u00e4re. Bezieht man die gesamte Wertsch\u00f6pfungskette \u2013 von Anbau, Ernte, Lagerung, Weiterverarbeitung, Produktion und Anlieferung bis zum Endverbraucher &#8211; in die Berechnungen mit ein, sind die Daten noch erschreckender: In Europa wird der j\u00e4hrliche pro Kopf Verlust hier auf 280 bis 300 Kilogramm gesch\u00e4tzt [1]. Und obwohl Menschen in Afrika und im s\u00fcdlichen Asien kaum etwas wegwerfen, gibt es auch dort dort gro\u00dfe Lebensmittelverluste von \u00fcber 40 %. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind in diesen Regionen allerdings vor allem falsche Lagerung der Lebensmittel nach der Ernte sowie Fehler bei der Verpackung und bei der K\u00fchlung.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Lebensmittel, die wir in Europa und Nordamerika wegwerfen, w\u00fcrden ausreichen, um die Hungernden der Welt dreimal zu ern\u00e4hren.&#8220;<\/p>\n<p><cite class=\"cite\">Aus dem Kinofilm <a href=\"http:\/\/www.tastethewaste.com\/\">Taste the waste<\/a> von Valentin Thurn.<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<p>In \u00d6sterreich landen pro Jahr 760.000 Tonnen Lebensmittel im M\u00fcll \u2013 dabei sind die Abf\u00e4lle aus der Landwirtschaft, der Lebensmittelproduktion und des Gro\u00dfhandels noch gar nicht mit einberechnet. Das wirklich besch\u00e4mende daran: Etwa die H\u00e4lfte des Abfalls w\u00e4re durchaus vermeidbar [3].<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;In Wien wird t\u00e4glich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgr\u00f6\u00dfte Stadt \u00d6sterreichs, das ist Graz, versorgt werden kann.&#8220;<\/p>\n<p><cite class=\"cite\">Aus dem Kinofilm <a href=\"http:\/\/www.we-feed-the-world.at\/\">We feed the world<\/a> von Erwin Wagenhofer.<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<h1>Gr\u00fcnde f\u00fcr Essen im M\u00fcll<\/h1>\n<p>In \u00d6sterreich gehen sch\u00e4tzungsweise ein Viertel der Obst- und Gem\u00fcseernte bereits in der Landwirtschaft verloren [3]. Viele Lebensmittel werden hier von vornherein aussortiert und verrotten schon in den Anbaugebieten, da Form und Aussehen nicht der Norm entsprechen. Auch bei der Produktion, im Einzelhandel und in der Gastronomie f\u00e4llt Lebensmittel-M\u00fcll an. Seitens der Konsumenten und Konsumentinnen f\u00fchren fehlende Einkaufsplanung und falsche Lagerung dazu, dass viel zu viel Essen weggeworfen wird. Auch die \u00fcbertriebene Vorsicht der Konsumenten beim Haltbarkeitsdatum tr\u00e4gt dazu bei: Oft finden sich im M\u00fcll der Haushalte noch unge\u00f6ffnete Lebensmittel in Originalverpackung.<\/p>\n<h2>Was tun gegen Essensverschwendung<\/h2>\n<p>Jede\/r von uns kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, die Verschwendung von wertvollen Lebensmitteln so gering wie m\u00f6glich zu halten. Oft sind es nur Kleinigkeiten, die nicht einmal mehr Aufwand bedeuten, die aber effizient sind \u2013 und so ganz nebenbei auch das Geldb\u00f6rserl schonen.<\/p>\n<ul>\n<li>Einkaufsliste erstellen. Vor dem Einkauf den K\u00fchlschrank auf Vorr\u00e4te checken, eine Einkaufsliste schreiben und gezielt einkaufen. Ein kleiner Tipp: Wenn m\u00f6glich, nicht hungrig einkaufen gehen, denn dann wird meistens mehr gekauft \u00a0als geplant.<\/li>\n<li>Auch Obst und Gem\u00fcse kaufen, das nicht der Norm entspricht. Zum Gl\u00fcck gibt es schon Initiativen gegen den Sch\u00f6nheitswahn bei Obst und Gem\u00fcse. So k\u00f6nnen im \u00d6sterreichischen Handel beispielsweise seit 2013 Obst- und Gem\u00fcse- \u201eWunderlinge\u201c von REWE zu sehr g\u00fcnstigen Preisen erstanden werden \u2013 die Form beeinflusst ja in keinster Weise den Geschmack dieser Produkte. Auch eine zweibeinige Karotte kann durchaus dem Gaumen erfreuen.<\/li>\n<li>Kleine Packungen und Mengen kaufen, die auch aufgegessen werden k\u00f6nnen.<\/li>\n<li>Lebensmittel richtig lagern.<\/li>\n<li>Lebensmittel einfrieren, bevor sie schlecht werden.<\/li>\n<li>Food-Coops nutzen. Lebensmittelkooperativen \u2013 sogenannte Food Cooperatives &#8211; sind Zusammenschl\u00fcsse von Personen und Haushalten, die selbstorganisiert biologische Produkte direkt vom Produzenten beziehen. Aufbewahrt werden diese dann in einem gemeinsamen Lagerraum. So kommt Essen auf den Teller, das bio, fair und nachhaltig ist, und es k\u00f6nnen kleine Mengen bestellt werden.<\/li>\n<li>Das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) nicht \u00fcberbewerten und Lebensmittel auf tats\u00e4chlichen Verderb pr\u00fcfen, bevor sie im M\u00fcll landen. Das MHD ist nur eine Art Garantieerkl\u00e4rung der Hersteller und sollte nicht als Verfallsdatum interpretiert werden. Bei \u00dcberschreiten muss das Produkt nicht entsorgt werden, es ist oft noch lange dar\u00fcber hinaus genie\u00dfbar.<\/li>\n<\/ul>\n<h1>Kleines Experiment zum Mindesthaltbarkeitsdatum<\/h1>\n<p>Die bESSERwisser haben getestet, wie genau man es mit dem MHD &#8211; oft f\u00e4lschlicherweise auch als \u201eAblaufdatum\u201c bezeichnet \u2013 wirklich nehmen muss und einen kleinen Versuch gestartet. 9 Naturjoghurts wurden gekauft, unter gleichen Bedingungen transportiert und aufbewahrt. \u00a0Nach Ablauf des MHD &#8211; angegeben wurde der 9. Mai 2016 &#8211; wurde w\u00f6chentlich je ein Joghurt ge\u00f6ffnet und getestet, und das bis 7 Wochen nach dem \u201eAblaufen\u201c. Bewertet wurden Aussehen, Geruch \u00a0und Geschmack.<\/p>\n<p>Fazit des Eigenversuchs: Aussehen und Geruch des Joghurts ver\u00e4nderten sich im Lauf der 7 Wochen nicht. Im Testzeitraum gab es keine Schimmelbildung oder \u00c4hnliches. Auch geschmacklich konnte das Joghurt selbst 7 Wochen nach \u00dcberschreiten des MHD noch voll \u00fcberzeugen. Ab der Woche sieben wurde nur ein leicht sahnigerer Geschmack als zu Beginn wahrgenommen, der aber nicht als unangenehm eingestuft wurde.<\/p>\n<h1>Ablauf des MHD: was kann noch gegessen werden, was nicht<\/h1>\n<p>Viele Produkte sind auch lange nach dem MHD noch problemlos zu genie\u00dfen. Zeigen sich jedoch Schimmelspuren, kann es problematisch werden.<\/p>\n<h2>Schimmel<\/h2>\n<p>Manche Schimmelpilzarten produzieren bei ihrem Wachstum giftige Stoffwechselprodukte, die Mykotoxine. Schimmelpilze der Gattung Aspergillus bilden sogenannte Aflatoxine, die f\u00fcr Mensch und Tier \u00e4u\u00dferst gef\u00e4hrlich sind. In hoher Dosis k\u00f6nnen sie Lebersch\u00e4den hervorrufen, und die wiederholte Aufnahme geringer Mengen gilt als h\u00f6chst krebserregend [4]. Aflatoxine sind auch in den Sporen der Schimmelpilze enthalten, die f\u00fcr das Auge nicht sichtbar sind, und k\u00f6nnen so auch unbemerkt Lebensmittel vergiften. Sie sind sehr stabil und k\u00f6nnen durch Kochen, Braten, Backen, Trocknen oder Einfrieren nicht zerst\u00f6rt werden. Lebensmittel sollten deshalb auch schon bei geringem Schimmelbefall entsorgt werden, da sich giftige Stoffwechselprodukte schon im Lebensmittelinneren befinden k\u00f6nnen. Das gilt beispielsweise f\u00fcr schimmeliges Brot, Getreide, M\u00fcsli und Milchprodukte wie K\u00e4se, Joghurt oder Topfen sowie f\u00fcr Wasserhaltige Lebensmittel wie Kompott, Saft, Suppe, Saucen, Obst, Gem\u00fcse oder Marmelade. Diese Lebensmittel \u00a0sollten alle bei Schimmelbildung zur G\u00e4nze entsorgt werden, da sich die Schimmelpilzgifte auch unsichtbar ausbreiten k\u00f6nnen. Die Empfehlungen gehen bei Hartk\u00e4se oder Parmesan auseinander: sind manche hier der Meinung, dass man die vom Schimmel befallenen Stellen gro\u00dfz\u00fcgig wegschneiden kann, raten manche Expertinnen auch hier zur vollst\u00e4ndigen Entsorgung.<\/p>\n<h2>Keime<\/h2>\n<p>Fisch und Fleisch sollten nach dem Verbrauchsdatum unbedingt entsorgt werden, da hier die Gefahr erh\u00f6hter Keimbelastung besteht. So k\u00f6nnen vor allem Faschiertes und H\u00fchnerfleisch mit Salmonellen kontaminiert sein. Auch das Bakterium <em>Clostridium botulinum<\/em> kann sich auf Fleischwaren ansiedeln und schwere Vergiftungserscheinungen hervorrufen. Es produziert das extrem gef\u00e4hrliche Toxin Botulinustoxin, das st\u00e4rkste bekannte Bakterientoxin. F\u00fcr den Menschen sind bereits weniger als ein Milligramm davon t\u00f6dlich [5]. <em>Clostridium<\/em> bzw. seine Sporen sind \u00e4u\u00dferst widerstandsf\u00e4hig gegen Hitze, Frost und Austrocknen. Auch der Inhalt von Konservendosen, deren Deckel sich nach au\u00dfen w\u00f6lbt, mu\u00df deshalb unbedingt entsorgt werden, da die Ursache daf\u00fcr oft Clostridien sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Referenzen<\/h2>\n<p>[1]<a href=\"http:\/\/www.fao.org\/docrep\/014\/mb060e\/mb060e.pdf\"> Gustavsson J., Cederberg C. and Sonesson U. et al.: Global food losses and food waste \u2013 extent, causes and prevention (2011),Food and Agriculture Organization of the United Nations<\/a><\/p>\n<p>[2] <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/environment\/eussd\/pdf\/bio_foodwaste_report.pdf\">Preparatory study on food waste across EU 27 (2010), Europ\u00e4ische Kommission<\/a><\/p>\n<p>[3] <a href=\"http:\/\/www.wwf.at\/de\/view\/files\/download\/showDownload\/?tool=12&amp;feld=download&amp;sprach_connect=3069\">Pladerer C., Bernhofer G., Kalleitner-Huber M.\u00a0 und Hietler P.: Lagebericht. Lebensmittelabf\u00e4lle &amp; -Verluste in \u00d6sterreich (2016), WWF \u00d6sterreich &amp; MUTTER ERDE<\/a><\/p>\n<p>[4] Frisvad JC, Thrane U., Samson RA and Pitt JI: Important mycotoxins and the fungi which produce them (2006), Adv. Exp. Med. Biol. 571, p. 3\u201331<\/p>\n<p>[5] Peck MW: Biology and Genomic Analysis of Clostridium botulinum (2009). Advances in Microbial Physiology, Vol 55, p. 183\u2013265, 320<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Weiterf\u00fchrende Links<\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wien.gv.at\/umweltschutz\/abfall\/lebensmittel\/\">https:\/\/www.wien.gv.at\/umweltschutz\/abfall\/lebensmittel\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.umweltberatung.at\/themen-essen-lebensmittelabfaelle\">http:\/\/www.umweltberatung.at\/themen-essen-lebensmittelabfaelle<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weltweit landen j\u00e4hrlich 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel im M\u00fcll. 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