{"id":311,"date":"2016-06-22T07:09:18","date_gmt":"2016-06-22T07:09:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=311"},"modified":"2017-02-21T12:50:37","modified_gmt":"2017-02-21T12:50:37","slug":"aspekte-der-ernaehrung-im-sozialen-und-kulturellen-wandel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/aspekte-der-ernaehrung-im-sozialen-und-kulturellen-wandel\/","title":{"rendered":"Aspekte der Ern\u00e4hrung im sozialen und kulturellen Wandel"},"content":{"rendered":"<p>Essen ist mehr als die Zufuhr von verdaulichen Substanzen um zu \u00fcberleben. \u00a0Neben biologischen m\u00fcssen beim Thema Ern\u00e4hrung auch immer gesellschaftliche und kulturelle Aspekte in Betracht gezogen werden. Allein der Begriff \u201eEssen\u201c hat verschiedene Bedeutungen. Er umfasst Objekte und Praktiken, erscheint inszeniert und extravagant sowie allt\u00e4glich und selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<h1>Kultur ist Ern\u00e4hrung &#8211; \u00a0Ern\u00e4hrung ist Kultur<\/h1>\n<p>Was, wir wann und wo essen, h\u00e4ngt heute nur von relativ wenigen biologischen Konstanten wie der Verdaulichkeit und Vertr\u00e4glichkeit ab. Unterschiedliche Ern\u00e4hrungsweisen, wie beispielsweise der Konsum von rohem Fisch, sind vielmehr historisch und kulturell bedingt. Auch die Art der Verarbeitung und Zubereitung sowie der Ablauf und Zeitpunkt des Verzehrs einer Speise unterliegen kulturspezifischen Regeln und Wertsystemen, in die jedes einzelne Individuum hineingeboren wird. Als Kulturt\u00e4tigkeit erf\u00fcllt Essen jedoch gleichzeitig den Zweck soziale Gemeinschaften mit zu formen, zu erhalten und weiterzuentwickeln und ist somit auch als Kultur gestaltend zu verstehen. Nahrungsordnungen sind dabei keineswegs starr sondern einer st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderung unterworfen, was der Siegeszug von Sushi in Europa verdeutlicht.<\/p>\n<h1>Essen als soziales Totalph\u00e4nomen<\/h1>\n<p>Der franz\u00f6sische Soziologe Marcel Mauss [1] hat schon 1923 Essen als soziales Totalph\u00e4nomen bezeichnet. Denn Ern\u00e4hrung betrifft nicht nur einzelne und abgetrennte Aspekte des individuellen oder sozialen Lebens. Anhand des Studiums von Nahrungsangebot, -wahl und Essverhalten k\u00f6nnen unterschiedliche gesellschaftliche Aspekte erforscht werden. Damit ber\u00fchrt Essen und Ern\u00e4hrung \u00a0klassische sozial- und kulturwissenschaftliche Forschungsbereiche wie K\u00f6rper, Identit\u00e4t, Macht und Raum.<\/p>\n<h1>Essen ist politisch<\/h1>\n<p>Essen sowie Fragen des Geschmacks dienten \u00fcber die Jahrhunderte als soziales Unterscheidungsmerkmal [2]. So war es etwa im Adel \u00fcblich Besteck zu benutzen, wohingegen im b\u00e4uerlichen Milieu allenfalls ein gemeinsamer L\u00f6ffel verwendet wurde. Das jeweilige Ern\u00e4hrungsverhalten best\u00e4tigte damit t\u00e4glich den Platz des Menschen in der sozialen Ordnung (Gesellschaft) und festigte diese im Gesamten. In diesem Sinne sind und waren Fragen der Ern\u00e4hrung schon immer politisch. Man denke nur an die Verteilung von Nahrung, den Zugang zu bestimmten Nahrungsmitteln und Regelungen dar\u00fcber wie Nahrung hergestellt, verarbeitet und beworben wird.<\/p>\n<h1>Essen ist individuell und kollektiv<\/h1>\n<p>In der Ern\u00e4hrung zeigen sich auch Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Individuum. So k\u00f6nnen sich ganze nationale Identit\u00e4ten \u00fcber eine Esskultur definieren. Geschichtliche Perioden, wie das Wirtschaftswunder der 1950er Jahre, k\u00f6nnen dabei das Essverhalten pr\u00e4gen und eine gemeinsame Erinnerung wird geformt. Gleichzeitig definieren unterschiedliche Nahrungsstile unser ganz individuelles Bild von uns selbst, unseren K\u00f6rper und den damit verbundenen allt\u00e4glichen Umgang mit Nahrung.<\/p>\n<h1>Essen gestern und heute<\/h1>\n<p>Als \u201eAllesfresser\u201c befindet sich der Mensch in der Situation grunds\u00e4tzlich nahezu alles essen und verdauen zu k\u00f6nnen. Um seine spezifische Auswahl zu rechtfertigen, entwickelt er unterschiedliche Mechanismen. War die Ern\u00e4hrung in fr\u00fcheren Zeiten stark von religi\u00f6sen Vorgaben und gesellschaftlichen Einschr\u00e4nkungen gepr\u00e4gt, so stellt der \u201eindividuelle Esser\u201c die heute in der westlichen Welt dominante Figur dar. Er erlangte Autonomie durch die Befreiung von sozialen Zw\u00e4ngen und vorgegebenen Essensrhythmen, was zu einer Individualisierung der Ern\u00e4hrungspraktiken f\u00fchrte. Auch technische Neuerungen wie der K\u00fchlschrank spielten in diesem Prozess eine tragende Rolle.<\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtige Nahrungspr\u00e4ferenzen sind daneben stark abh\u00e4ngig von jeweils aktuellen medizinischen, wissenschaftlichen oder gastronomischen Themen. Individuen basteln aus diesen Ressourcen \u201eeigene kleine Religionen\u201c so der Soziologe Kaufmann ([3], S. 20) die auch auf moralischen Werturteilen basieren.<\/p>\n<p>Was als essbar angesehen wird, ist also Teil eines st\u00e4ndigen soziokulturellen Aushandlungsprozesses und umfasst immer auch die gesellschaftspolitischen Ordnungsvorstellungen und Debatten der jeweiligen Zeit und Kultur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Referenzen:<\/h2>\n<p>[1] Mauss, M. ([1923\/24]1968): Die Gabe. Die Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/p>\n<p>[2] Bourdieu, P. ([1979]1982): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.<\/p>\n<p>[3] Kaufmann, J.-C. (2006): Die Nahrungsmittel. Von der Ordnung zur Unordnung, in: Kochende Leidenschaft. Soziologie vom Kochen und Essen (pp. 15-72). Konstanz: UVK.<\/p>\n<h2>Vertiefende Literatur:<\/h2>\n<p>Barl\u00f6sius, E. (1999): Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einf\u00fchrung in die Ern\u00e4hrungsforschung. M\u00fcnchen\/Weinheim: Juventa.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essen ist mehr als die Zufuhr von verdaulichen Substanzen um zu \u00fcberleben. \u00a0Neben biologischen m\u00fcssen beim Thema Ern\u00e4hrung auch immer gesellschaftliche und kulturelle Aspekte in Betracht gezogen werden. Allein der Begriff \u201eEssen\u201c hat verschiedene Bedeutungen. Er umfasst Objekte und Praktiken, erscheint inszeniert und extravagant sowie allt\u00e4glich und selbstverst\u00e4ndlich. 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