{"id":2939,"date":"2024-08-22T12:32:41","date_gmt":"2024-08-22T10:32:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2939"},"modified":"2024-08-22T12:37:59","modified_gmt":"2024-08-22T10:37:59","slug":"brain-freeze-was-steckt-hinter-dem-hirnfrost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/brain-freeze-was-steckt-hinter-dem-hirnfrost\/","title":{"rendered":"Brain Freeze: Was steckt hinter dem Hirnfrost?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ice, ice, baby: 30 Grad Au\u00dfentemperatur, 25 Grad im B\u00fcro. Das Team der bESSERwisser sitzt bei einer Eis-Pause beisammen und versucht, das Eis zu genie\u00dfen, bevor es schmilzt. Pl\u00f6tzlich bekomme ich kurze, stechende Kopfschmerzen \u2013 den mir nur allzu gut bekannten Hirnfrost. Dem Blick meiner Kolleg:innen zu entnehmen haben diese \u00a0keine Ahnung, was mit mir los ist. Der auch als Brain Freeze bekannte K\u00e4ltekopfschmerz ist ihnen bis dahin noch nicht begegnet. Somit gibt es eine neue Aufgabe f\u00fcr mich: Die Wissenschaft hinter diesem Ph\u00e4nomen zu erkl\u00e4ren.<\/strong><\/p>\n<h2>Nicht jeder bekommt Brain Freeze<\/h2>\n<p>Ein Eiskaffee im Schwimmbad, eine Kugel Haselnusseis als Nachspeise oder einfach nur ein Glas eiskaltes Wasser zur Abk\u00fchlung an hei\u00dfen Tagen: Was f\u00fcr die einen der pure Genuss ist, l\u00f6st bei anderen kurze intensive Kopfschmerzen aus \u2013 den sogenannten Hirnfrost. Dieser ist auch als K\u00e4ltekopfschmerz, Eiscreme-Kopfschmerz oder Brain Freeze bekannt. Im wissenschaftlichen Fachjargon wird er als <em>Sphenopalatine Ganglioneuralgia<\/em> bezeichnet, da er einen Schmerz des\u00a0<em>Ganglion sphenopalatinum<\/em> \u2013 zu Deutsch: Fl\u00fcgelgaumenganglions \u2013 ausl\u00f6st. All diese Begriffe beschreiben ein Ph\u00e4nomen, das nicht an warme Umgebungstemperaturen gebunden ist und auch im Winter auftreten kann [1] und wissenschaftlich immer noch nicht vollst\u00e4ndig verstanden ist. Der nur einige Sekunden bis wenige Minuten anhaltende, stechende Kopfschmerz beruht wahrscheinlich auf einer ungew\u00f6hnlich hohen Durchblutung des Gehirns und somit einem erh\u00f6hten Druck als Reaktion auf kalte Speisen und Getr\u00e4nke. Von Hirnfrost ist rund ein Drittel der Bev\u00f6lkerung betroffen [2], wobei die genetische Veranlagung eine Rolle spielen k\u00f6nnte [3].<\/p>\n<h2>Die Durchblutungs-Theorie<\/h2>\n<p>Doch wie kommt der K\u00e4lteschmerz bei Betroffenen zustande? Ber\u00fchrt etwas Kaltes den Gaumen, reagieren die Blutgef\u00e4\u00dfe im Kopf: Sie verengen sich zun\u00e4chst und erweitern sich dann schnell wieder, was einen pl\u00f6tzlichen Anstieg des Blutflusses verursacht. Nicht nur der Verzehr von Eis oder kalten Getr\u00e4nken kann der Ausl\u00f6ser sein \u2013 eine kalte Umgebungstemperatur, der man beispielsweise auch beim Tauchen oder Schwimmen ausgesetzt ist, kann ebenfalls zu stechenden Kopfschmerzen f\u00fchren [4].<\/p>\n<p>Der Brain Freeze wurde auch bereits wissenschaftlich untersucht, mit folgenden Ergebnissen: Bei einer Studie mit (nur) 13 Personen tranken die Proband:innen einmal schnell eiskaltes Wasser und einmal Wasser, das Raumtemperatur hatte. W\u00e4hrenddessen \u00fcberpr\u00fcften die Wissenschaftler:innen die Durchblutung des Gehirns. Solange der Kopfschmerz bei den \u201eBrain Freezern\u201c andauerte, str\u00f6mte besonders viel Blut durch deren vordere Hirnschlagader ins Gehirn, da dieses Blutgef\u00e4\u00df erweitert war. Aktuell gibt es die Theorie, dass Hirnfrost eine Art Schutzmechanismus sein k\u00f6nnte, um durch das einstr\u00f6mende warme Blut zu verhindern, dass das Gehirn zu kalt wird [5, 6].<\/p>\n<h2>Eisessen f\u00fcr die Wissenschaft: Geschwindigkeit f\u00fcr Hirnfrost relevant<\/h2>\n<p>Studien deuten des Weiteren darauf hin, dass die Geschwindigkeit, mit der Kaltes konsumiert wird, eine Rolle beim Hirnfrost spielt. So etwa lie\u00dfen kanadische Wissenschaftler:innen eine Gruppe von Sch\u00fcler:innen 100\u00a0Milliliter Eiscreme, was in etwa eineinhalb Kugeln Eis entspricht, innerhalb von f\u00fcnf Sekunden essen. Parallel dazu nahm sich die Kontrollgruppe hierf\u00fcr mehr als 30 Sekunden Zeit. Die Studie lieferte folgende Ergebnisse: \u00a0Rund ein Viertel der f\u00fcnf-Sekunden-Gruppe bekam Hirnfrost, wobei nur 13 Prozent der Kontrollgruppe davon betroffen war. Bei mehr als der H\u00e4lfte der vom Hirnfrost Betroffenen waren die Kopfschmerzen schon nach weniger als zehn Sekunden vorbei [1].<\/p>\n<h2>Zusammenhang mit Migr\u00e4ne<\/h2>\n<p>Mehr als 8.000 taiwanesische Sch\u00fcler:innen nahmen vor l\u00e4ngerer Zeit an einer weiteren Studie \u00a0teil [7]. Deren Ziel war es, einen Zusammenhang zwischen Migr\u00e4ne und Hirnfrost zu untersuchen. Migr\u00e4ne ist eine komplexe Erkrankung, die mit schweren Kopfschmerzen, \u00dcbelkeit und erh\u00f6hter Licht- und Ger\u00e4uschsensitivit\u00e4t einher geht. W\u00e4hrend eine Migr\u00e4neattacke bis zu 72 Stunden dauern kann, h\u00e4lt Hirnfrost nur kurz an. Und doch fanden die Wissenschaftler:innen heraus, dass die beiden Arten von Kopfschmerz etwas gemeinsam haben: Sch\u00fcler:innen, die bereits einmal an Migr\u00e4ne gelitten hatten, bekamen eher Hirnfrost als jene, die von Migr\u00e4ne nicht betroffen waren. Dieses Ergebnis reiht sich in eine Reihe von Studien ein, die einen Zusammenhang zwischen Migr\u00e4ne und Hirnfrost vermuten lassen [8, 9, 10].<\/p>\n<p>Interessanterweise waren in der taiwanischen Studie Burschen anf\u00e4lliger f\u00fcr Hirnfrost als M\u00e4dchen. Das widerspricht anderen Studien, in denen es diesbez\u00fcglich keinen Geschlechterunterschied bei Heranwachsenden gab [1]. Vermutet wird, dass die Burschen im Vergleich zu den M\u00e4dchen einfach schneller a\u00dfen und daher anf\u00e4lliger f\u00fcr Brain Freeze waren als ihre Mitsch\u00fclerinnen. Ein Prozent der Studienteilnehmer:innen gab an, beim Eisessen immer Hirnfrost zu bekommen. Bei 4,4 Prozent der Proband:innen dauerte der Schmerz \u00fcber zehn Minuten und ca. 3 Prozent hatten heftige Kopfschmerzen. Einige machten in der Vergangenheit sogar so schlechte Erfahrungen, dass sie sich schweren Herzens dazu entschieden, komplett auf Eis zu verzichten [7].<\/p>\n<h2>Herausforderung f\u00fcr die Forschung<\/h2>\n<p>Die Studien zum Thema Hirnfrost basieren meist auf Symptomen, die von den Proband:innen an sich selbst beobachtet und oft durch einen Fragebogen davor und danach abgefragt wurden. Symptome und Erfahrungen sind allerdings sehr subjektiv und k\u00f6nnen so die Schlussfolgerungen verzerren. Mit Ausnahme der oben erw\u00e4hnten taiwanesischen Studie sind die Stichprobengr\u00f6\u00dfen in den Brain Freeze-Studien meist auch sehr klein, was allgemein g\u00fcltige Aussagen erschwert. Die wenigen Studien, die es gibt, widersprechen sich teilweise auch, zumindest was Geschlechterunterschiede oder die Anf\u00e4lligkeit von Migr\u00e4nepatient:innen betrifft.<\/p>\n<p>Auch wenn manche Studien suboptimal sind, erhoffen sich Forscher:innen\u00a0 durch mehr Wissen \u00fcber den Mechanismus des Hirnfrosts auch Fortschritte beim Verst\u00e4ndnis anderer Arten von Kopfschmerzen, wie eben Migr\u00e4ne. Eine Studie zum Brain Freeze wurde sogar von der NASA unterst\u00fctzt \u2013 was vermuten l\u00e4sst, dass das Wissen \u00fcber Hirnfrost auch f\u00fcr das (\u00dcber-)Leben im All hilfreich sein k\u00f6nnte. <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/was-essen-astronauten\/\">Die Astronaut:innen auf der ISS bekommen unter anderem regelm\u00e4\u00dfig ihre Austronaut:innen-Nahrung geliefert.<\/a> Auch Eiscreme ist hier manchmal dabei [11, 12]. \u00a0Und Kopfschmerzen bei einer wichtigen Mission im All sind sicher nicht f\u00f6rderlich.<\/p>\n<h2>Tipps<\/h2>\n<p>Die gute Nachricht also an alle Brain-Freezer- und -Freezerinnen: Denkt beim n\u00e4chsten Gehirnfrost daran, dass ihr nicht allein seid und Eisessen definitiv keine ernsthafte Gefahr f\u00fcr eure Gesundheit darstellt. Und: Gier tut selten gut, so auch beim Brain Freeze! Denn um Hirnfrost so gut wie m\u00f6glich zu vermeiden, empfiehlt es sich, kalte Speisen und Getr\u00e4nke langsamer zu konsumieren und den Kontakt mit dem Gaumen zu minimieren. Kommt es doch zum Freeze, kann es helfen, den Gaumen mit der Zunge oder etwas Warmem wieder zu erw\u00e4rmen [13].<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Meine Recherche hat ergeben, dass ich nicht alleine bin mit meinem Hirnfrost und erstaunlicherweise jede dritte Person davon betroffen ist. Und doch gibt es bis heute noch keine zufriedenstellende wissenschaftliche Antwort darauf hat, was dieses Ph\u00e4nomen eigentlich genau ist. Also dann, mal abwarten, was die Forschung in den n\u00e4chsten Jahren zu diesem Thema zu berichten hat. Und am besten so lange Eiscreme schlecken \u2013 aber langsam!<\/p>\n<p><strong>Referenzen:<\/strong><\/p>\n<p>[1] <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC139031\/pdf\/1445.pdf\">Kaczorowski M. and Kaczorowski J: Ice cream evoked headaches (ICE-H) study: randomised trial of accelerated versus cautious ice cream eating regimen (2002).\u00a0BMJ (Clinical research ed.),\u00a0325(7378), 1445\u20131446. https:\/\/doi.org\/10.1136\/bmj.325.7378.1445<\/a><\/p>\n<p>[2] Raskin NH.\u00a0Headache.\u00a02nd ed. London: Churchill Livingstone; 1988.<\/p>\n<p>[3] Held LK, Vink JM, Vitaro F., Brendgen M., Dionne G., Provost L., Boivin M., Ouellet-Morin I. and \u00a0Roelofs K.: The gene environment aetiology of freezing and its relationship with internalizing symptoms during adolescence (2022).\u00a0EBioMedicine,\u00a081, 104094. https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.ebiom.2022.104094<\/p>\n<p>[4] Bonemazzi I., Pelizza MF, Berti G., Ancona C., Nosadini M., Sartori S. and Toldo I.: Cold-Stimulus Headache in Children and Adolescents.\u00a0Life\u00a02023,\u00a013, 973. https:\/\/doi.org\/10.3390\/life13040973<\/p>\n<p>[5] Blatt M., Falvo M.,\u00a0 Jasien J., Deegan B., Laighin G. and Serrador J.: Cerebral Vascular Blood Flow Changes During \u2018Brain Freeze\u2019 (2012). The FASEB Journal. 26. 10.1096\/fasebj.26.1_supplement.685.4.<\/p>\n<p>[6] Hensel O., Burow P., Mages S., Wienke A., Kraya T. and Zierz S.: Increased Blood Flow Velocity in Middle Cerebral Artery and Headache Upon Ingestion of Ice Water. (2019).\u00a0Frontiers in neurology,\u00a010, 677. https:\/\/doi.org\/10.3389\/fneur.2019.00677<\/p>\n<p>[7] Fuh JL, Wang SJ, Lu SR and Juang KD: Ice-cream headache&#8211;a large survey of 8359 adolescents (2003).\u00a0Cephalalgia : an international journal of headache,\u00a023(10), 977\u2013981. https:\/\/doi.org\/10.1046\/j.1468-2982.2003.00620.x<\/p>\n<p>[8] Zierz AM, Meh T., Kraya T.,Wienke A. and Zierz, S.: Ice cream headache in students and family history of headache: A cross-sectional epidemiological study.\u00a0J. Neurol.\u00a02016,\u00a0263, 1106\u20131110.<\/p>\n<p>[9] Raskin NH and Knittle SC: Ice cream headache and orthostatic symptoms in patients with migraine (1976).\u00a0Headache,\u00a016(5), 222\u2013225. https:\/\/doi.org\/10.1111\/j.1526-4610.1976.hed1605222.x<\/p>\n<p>[10] Bird N., MacGregor EA and Wilkinson MI: Ice cream headache&#8211;site, duration, and relationship to migraine (1992).\u00a0Headache,\u00a032(1), 35\u201338. https:\/\/doi.org\/10.1111\/j.1526-4610.1992.hed3201035.x<\/p>\n<p>[11] ISS: Nasa schickt Astronauten Eis, Avocados und Zitronen (berliner-zeitung.de). Abgerufen am 22.08.2024<\/p>\n<p>[12] Eiscreme-Lieferung f\u00fcr Astronauten: Raumfrachter &#8222;Dragon&#8220; an ISS angedockt (kurier.at). Abgerufen am 22.08.2024<\/p>\n<p>[13] You don&#8217;t say? The scoop on ice cream headaches &#8211; Harvard Health. Abgerufen am 22.08.2024<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ice, ice, baby: 30 Grad Au\u00dfentemperatur, 25 Grad im B\u00fcro. 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