{"id":2823,"date":"2022-12-29T11:47:50","date_gmt":"2022-12-29T10:47:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2823"},"modified":"2024-01-17T13:35:51","modified_gmt":"2024-01-17T12:35:51","slug":"laktosefreie-milch-nur-bei-laktoseintoleranz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/laktosefreie-milch-nur-bei-laktoseintoleranz\/","title":{"rendered":"Laktosefreie Milch nur bei Laktoseintoleranz?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Viele Menschen leiden heute unter Laktoseintoleranz. Diese stellt genau genommen keine Erkrankung, sondern die normale genetische Variante des menschlichen Metabolismus dar. F\u00fcr Personen mit Laktoseintoleranz sind laktosefreie Milch und Milchprodukte eine gro\u00dfe Erleichterung. Doch ist laktosefreie Milch f\u00fcr alle sinnvoll? Und wieso schmeckt laktosefreie Milch s\u00fc\u00df? Die bESSERwisser haben recherchiert.<\/strong><\/p>\n<p>Laktoseintoleranz ist heute weit verbreitet und tritt meist bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf [1]. Weltweit sind etwa 65 Prozent der Bev\u00f6lkerung davon betroffen, wobei es hier gro\u00dfe Unterschiede bei verschiedenen Ethnien gibt. W\u00e4hrend etwa 85 Prozent der Personen mit afroasiatischer Abstammung unter Laktoseintoleranz leiden, sind es Europa nur etwa 15 Prozent der Bev\u00f6lkerung [2, 3]. Die \u201egef\u00fchlte Betroffenheit\u201c ist jedoch vermutlich gr\u00f6\u00dfer als das tats\u00e4chliche Vorliegen einer solchen Erkrankung. So zeigte eine Umfrage in \u00d6sterreich im Jahr 2017 unter Personen, die angegeben hatten, an einer Laktoseintoleranz, Allergie oder sonstiger Unvertr\u00e4glichkeit von Milchprodukten zu leiden: Nur etwa die H\u00e4lfte von ihnen lie\u00df sich die Erkrankung auch von Fach\u00e4rztin\/-arzt, Allgemeinmediziner*in oder in einem Allergieambulatorium best\u00e4tigen, rund 40 Prozent der Betroffenen reichte die Selbstdiagnose [4].<\/p>\n<h2>Fehlendes Enzym als Ursache von Laktoseintoleranz<\/h2>\n<p>Im Gegensatz zu einer Milchallergie, bei der das Immunsystem eine entscheidende Rolle spielt, erfolgt bei einer Laktoseintoleranz keine immunologische Reaktion des K\u00f6rpers auf Bestandteile der Milch [5]. Bei der als Laktoseintoleranz bekannten Unvertr\u00e4glichkeit von Milch mangelt es dem K\u00f6rper an einem bestimmten Enzym, der so genannten Laktase. Diese wird im D\u00fcnndarm gebildet und spaltet normalerweise den in der Milch vorhandenen Zweifachzucker Laktose im Darm in die beiden Einfachzucker Glukose (Traubenzucker) und Galaktose (Schleimzucker) auf. Diese k\u00f6nnen dann zun\u00e4chst \u00fcber ein spezielles Transporterprotein in die Zellen der Darmwand aufgenommen und anschlie\u00dfend an die Blutbahn abgegeben werden. Wird der Milchzucker im D\u00fcnndarm wegen Laktasemangels nicht oder nicht vollst\u00e4ndig aufgespalten, kann er nicht \u00fcber die D\u00fcnndarmschleimhaut ins Blut aufgenommen und vom K\u00f6rper verwertet werden. Unverdaute Laktose gelangt so weiter in den Dickdarm. Dort wird sie von den Darmbakterien in einem G\u00e4rungsprozess zersetzt, und es entstehen vermehrt Gase und andere Abbauprodukte.<\/p>\n<div id=\"attachment_2826\" style=\"width: 571px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Lactoseintoleranz_1s_Pharmawiki_genehmigt.jpg\"><img aria-describedby=\"caption-attachment-2826\" loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2826 size-full\" src=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Lactoseintoleranz_1s_Pharmawiki_genehmigt.jpg\" alt=\"Eine Abbildung zeigt: Laktase spaltet Laktose in Galaktose und Glukose. Bei Laktoseintoleranz ist dieser Vorgang gest\u00f6rt.\" width=\"561\" height=\"278\" srcset=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Lactoseintoleranz_1s_Pharmawiki_genehmigt.jpg 561w, https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-content\/uploads\/2022\/12\/Lactoseintoleranz_1s_Pharmawiki_genehmigt-300x149.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 561px) 100vw, 561px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2826\" class=\"wp-caption-text\">Bei einer Laktoseintoleranz wird der Milchzucker (Laktose) nicht in Galaktose und Glukose gespalten. Ungespaltene Laktose kann nicht resorbiert werden und gelangt in den Dickdarm. Mit freundlicher Genehmigung von \u00a9 PharmaWiki.<\/p><\/div>\n<h2>Laktoseintoleranz: Weltweit h\u00e4ufigster Enzymmangel<\/h2>\n<p>Bei S\u00e4ugetieren wird die gr\u00f6\u00dfte Menge an Laktase kurz nach der Geburt im D\u00fcnndarm produziert, damit das Neugeborene die Muttermilch verdauen kann. Laktose ist das h\u00e4ufigste Kohlenhydrat in der Muttermilch und eine der Haupt-Energiequellen w\u00e4hrend der Stillperiode bei S\u00e4ugetieren. S\u00e4ugetiere verlieren generell die F\u00e4higkeit, Laktose zu verdauen, wenn sie erwachsen werden. Der Mensch stellt hier eine Ausnahme dar: Beim Gro\u00dfteil der Menschheit sinkt nach dem Abstillen die Mengen dieses Enzyms trotz kontinuierlicher Aufnahme von Milchzucker \u2013 ein nat\u00fcrlicher Verlauf und keine Erkrankung. Daher k\u00f6nnen rund zwei Drittel der Weltbev\u00f6lkerung Laktose im Erwachsenenalter nicht verdauen [6]. Doch das \u00fcbrige Drittel der Menschheit beh\u00e4lt die F\u00e4higkeit, Laktose zu verwerten. Darunter fallen vor allem Nachkommen von Populationen, die Viehzucht betrieben haben. Beim Menschen tendieren Menschen mit Wurzeln in S\u00fcdamerika, Asien und Afrika zu Laktoseintoleranz. Personen aus Nordeuropa oder Nordwestindien hingegen behalten normalerweise die F\u00e4higkeit, Laktose zu verdauen [7].<\/p>\n<h2>Genetisch bedingte und erworbene Laktoseintoleranz<\/h2>\n<p>Bei der Unvertr\u00e4glichkeit von Milchzucker unterscheidet man prinzipiell zwei verschiedene Formen: die prim\u00e4re und die sekund\u00e4re Laktoseintoleranz.<\/p>\n<p>Am h\u00e4ufigsten tritt die prim\u00e4re adulte Form der Laktoseintoleranz auf, die genetisch bedingt ist. Bei dieser Form des Laktasemangels nimmt die Enzymaktivit\u00e4t langsam kontinuierlich nach dem S\u00e4uglingsalter ab. Das Vorliegen der Anlage f\u00fcr diese Laktoseintoleranz stellt genau genommen keine Erkrankung, sondern die normale genetische Variante des menschlichen Metabolismus dar. Am h\u00e4ufigsten liegt hier ein Unterschied in einem bestimmten einzelnen Nukleotid und somit einer einzelnen Base in einer regulatorischen Region des Laktase (LTC)-Gens vor, doch auch andere Stellen k\u00f6nnen betroffen sein [8]. In Populationen, die intensiv Milchwirtschaft betreiben, kam es vor ca. 7500 Jahren zu Ver\u00e4nderungen des Genmaterials: Es entstanden sch\u00fctzende Mutationen und Genvarianten, die es den Tr\u00e4ger*innen sichern, das Enzym ein Leben lang weiter zu produzieren und Milchprodukte weiterhin beschwerdefrei verzehren zu k\u00f6nnen. Man spricht von Laktasepersistenz.<\/p>\n<p>Bei der sekund\u00e4ren oder erworbenen Laktoseintoleranz handelt es sich um die Folge einer Sch\u00e4digung des D\u00fcnndarms. Sie kann durch verschiedene Darmerkrankungen oder nach Operationen im Magen-Darm-Trakt auftreten. Wird sie als solche erkannt, kann sie therapiert werden. Regeneriert sich die D\u00fcnndarmschleimhaut wieder, kann die Produktion von Laktase wieder gesteigert werden, und laktosehaltige Produkte sind wieder besser und in gr\u00f6\u00dferen Mengen vertr\u00e4glich.<\/p>\n<h2>Bei Beschwerden testen lassen<\/h2>\n<p>Der zuvor erw\u00e4hnte G\u00e4rungsprozess im Darm ist f\u00fcr die meisten Symptome bei der Unvertr\u00e4glichkeit von Laktose verantwortlich: Aufgebl\u00e4hter Bauch, V\u00f6llegef\u00fchl, Unterbauchschmerzen, starke Bl\u00e4hungen, Durchfall, \u00dcbelkeit, Erbrechen und manchmal auch Verstopfung. Treten diese Symptome auf, k\u00f6nnte eine Laktoseintoleranz dahinterstecken. Es kann allerdings auch ein anderes Problem die Ursache sein. Ob wirklich eine Laktoseintoleranz vorliegt, kann allerdings nur durch den Arzt\/ die \u00c4rztin festgestellt werden.<\/p>\n<p>Es ist gut zu wissen, dass es hier eine relativ gro\u00dfe Toleranzgrenze gibt. Daher muss man bei Laktoseintoleranz meist nicht v\u00f6llig auf Milch und Milchprodukte verzichten. Laut Europ\u00e4ischer Beh\u00f6rde f\u00fcr Lebensmittelsicherheit (EFSA) vertragen die meisten Betroffenen eine Dosis von 12 Gramm Laktose mit wenigen oder gar keinen Symptomen. Bei der Verteilung \u00fcber den Tag k\u00f6nnen sogar h\u00f6here Dosen (20-24 Gramm) ohne Beschwerden konsumiert werden [5]. In vielen F\u00e4llen reicht es, die Laktosemengen um die H\u00e4lfte bis ein Drittel zu reduzieren. Nach dem Austesten der individuellen Toleranzgrenze kann man nach zwei laktosefreien Wochen die Laktosemenge langsam steigern.<\/p>\n<p>Die Ern\u00e4hrung sollte bei verringertem bzw. keinem Milchkonsum entsprechend angepasst werden, da es sonst zu Mangelerscheinungen kommen kann. Die Wirkung von Laktase-Tabletten, welche unmittelbar vor dem Verzehr eines milchhaltigen Produkts eingenommen werden und gegen Beschwerden vorbeugen sollen, ist aktuell nicht gut belegt [9].<\/p>\n<h2>Unterschied laktosefreie Milch \u2013 konventionelle Milch<\/h2>\n<p>Laktosefreie Milch wird so wie konventionelle Milch aus frischer Kuhmilch hergestellt und besteht aus denselben Inhaltsstoffen. Allerdings wird bei der Herstellung von laktosefreier Milch der nat\u00fcrliche Zweifachzucker Laktose schon k\u00fcnstlich in seine Bestandteile Glukose und Galaktose aufgespalten. Diese Spaltung wird durch den Zusatz des Enzyms Laktase erreicht und entspricht im Prinzip dem gleichen Vorgang, der im K\u00f6rper von Personen abl\u00e4uft, die normale Milch gut vertragen. Laktoseintolerante Personen k\u00f6nnen die beiden Einfachzucker Glukose und Galaktose aus der Milch dann ohne Beschwerden aufnehmen. Da Glukose und Galaktose s\u00fc\u00dfer als Laktose sind, schmeckt laktosefreie Milch s\u00fc\u00dflich.<\/p>\n<h2>Laktosefreie Produkte: teuer und ohne Unvertr\u00e4glichkeit nicht n\u00f6tig<\/h2>\n<p>F\u00fcr Personen mit Laktoseintoleranz k\u00f6nnen laktosefreie Milch und Milchprodukte die Lebensqualit\u00e4t deutlich verbessern. Sie m\u00fcssen so nicht auf Milchprodukte verzichten und k\u00f6nnen dem K\u00f6rper weiterhin die wertvollen in der Milch enthaltenen Inhaltsstoffe zuf\u00fchren. Laktosefreie Alternativen sind allerdings nicht ges\u00fcnder als normale Milch und Milchprodukte und haben f\u00fcr Nicht-Betroffene keine gesundheitlichen Vorteile. F\u00fcr Personen, die Laktose vertragen, lohnt es sich daher nicht, f\u00fcr die deutlich teurere laktosefreie Milch tiefer in die Geldtasche zu greifen. Trotzdem boomt aktuell der Verkauf von laktosefreien Produkten.<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>[1] <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/books\/NBK532285\/#article-24003.s2\">Malik TF, Panuganti KK. Lactose Intolerance (2022) May 16, StatPearls, Treasure Island (FL): StatPearls Publishing; 2022 Jan\u2013. PMID: 30335318.<\/a><\/p>\n<p>[2] <a href=\"https:\/\/pubmed.ncbi.nlm.nih.gov\/28421381\/\">Bayless TM, Brown E, Paige DM. Lactase Non-persistence and Lactose Intolerance. Curr Gastroenterol Rep. 2017 May;19(5):23.<\/a><\/p>\n<p>[3]<a href=\"https:\/\/www.gesundheit.gv.at\/krankheiten\/stoffwechsel\/nahrungsmittelunvertraeglichkeit\/laktoseintoleranz.html\"> \u00d6ffentliches Gesundheitsportal \u00d6sterreichs: Laktoseintoleranz. Abgerufen am 28.11.2022<\/a><\/p>\n<p>[4]<a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/732180\/umfrage\/unvertraeglichkeit-intoleranz-oder-allergie-gegenueber-laktose-in-oesterreich\/#:~:text=Diese%20Statistik%20zeigt%20das%20Ergebnis,Laktose%20selbst%20festgestellt%20zu%20haben.\"> Statista Research Department, 21.01.2022: Unvertr\u00e4glichkeit, Intoleranz oder Allergie gegen\u00fcber Laktose in \u00d6sterreich 2017<\/a><\/p>\n<p>[5] <a href=\"https:\/\/www.forum-ernaehrung.at\/artikel\/detail\/news\/detail\/News\/milchzuckerunvertraeglichkeit-laktosefrei-war-gestern\/\">forum.ern\u00e4hrung heute. Verein zur F\u00f6rderung von Ern\u00e4hrungsinformation: Milchzuckerunvertr\u00e4glichkeit: Laktosefrei war gestern! (2018)<\/a><\/p>\n<p>[6] <a href=\"https:\/\/www.annualreviews.org\/doi\/pdf\/10.1146\/annurev-genom-091416-035340\">S\u00e9gurel L., Bon C: On the Evolution of Lactase Persistence in Humans (2017). Annu. Rev. Genom. Hum. Genet. 2017; 18:297\u2013319. doi: 10.1146\/annurev-genom-091416-035340<\/a><\/p>\n<p>[7] <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/books\/NBK532285\/#article-24003.s2\">Malik TF, Panuganti KK: Lactose Intolerance (2022). StatPearls Publishing; 2022 Jan<\/a><\/p>\n<p>[8] <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC7551416\/\">Anguita-Ruiz A., Aguilera CM, Gil \u00c1.: Genetics of Lactose Intolerance: An Updated Review and Online Interactive World Maps of Phenotype and Genotype Frequencies (2020). Nutrients. 2020 Sep 3;12(9):2689. doi: 10.3390\/nu12092689. PMID: 32899182; PMCID: PMC7551416.<\/a><\/p>\n<p>[9] <a href=\"https:\/\/www.medizin-transparent.at\/laktoseintoleranz-tabletten-laktase\/\">Medizin transparent: Laktoseintoleranz: Besser mit Laktase-Tabletten?<\/a> Abgerufen am 29.12.2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Menschen leiden heute unter Laktoseintoleranz. 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