{"id":2746,"date":"2021-12-23T10:57:55","date_gmt":"2021-12-23T09:57:55","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2746"},"modified":"2022-05-04T09:53:28","modified_gmt":"2022-05-04T07:53:28","slug":"corona-hat-die-pandemie-unser-essverhalten-veraendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/corona-hat-die-pandemie-unser-essverhalten-veraendert\/","title":{"rendered":"Corona: Hat die Pandemie unser Essverhalten ver\u00e4ndert?"},"content":{"rendered":"<p>Bestellen beim Lieferservice, Perfektionieren von Brotbacktechniken, vermehrtes Selberkochen sowie essen und trinken, um der Langeweile zu entkommen: Die Covid-19-Pandemie hat die Art und Weise, wie wir essen, was wir essen und wieviel wir essen, beeinflusst. Internationalen Studien haben best\u00e4tigt, dass sich Essenswahl und Essverhalten sowie physische Aktivit\u00e4t w\u00e4hrend der Lockdowns und in Quarant\u00e4ne ver\u00e4ndert haben.<\/p>\n<h2>Ern\u00e4hrung w\u00e4hrend der Lockdowns: Nicht immer unges\u00fcnder und mehr<\/h2>\n<p>Eine niederl\u00e4ndische Studie, die \u00fcber 1000 Erwachsene w\u00e4hrend eines f\u00fcnf Wochen dauernden Lockdowns befragte, ergab: 83 Prozent der Befragten gaben an, ihre Essensgewohnheiten h\u00e4tten sich nicht ver\u00e4ndert. Das zeugt davon, dass Ern\u00e4hrungsroutinen so wie andere Alltagsroutinen konstant sind und nur einem langsamen Wandel unterliegen.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz nahm der Rest \u2013 also etwas weniger als 20 Prozent der Befragten \u2013 eine deutliche Ver\u00e4nderung wahr: Eine H\u00e4lfte berichtete davon, sich unges\u00fcnder zu ern\u00e4hren, die andere, dass sich ihre Ern\u00e4hrungssituation verbessert h\u00e4tte. Ungesunde Ern\u00e4hrung war hierbei stark mit soziodemographischen Merkmalen verkn\u00fcpft: \u00dcbergewicht, Bildungsniveau, Alter und Geschlecht waren relevante Faktoren. So erkl\u00e4rten eher j\u00fcngere Menschen, Frauen, h\u00f6her Gebildete und besonders \u00fcbergewichtige Menschen, dass es ihnen schwerer falle, sich gesund zu ern\u00e4hren und dass sie generell mehr Essen zu sich nehmen als vor der Pandemie [1].<\/p>\n<p>Auch in Gro\u00dfbritannien gab es eine gro\u00df angelegte Befragung zum Thema Gewichtsmanagement w\u00e4hrend der Pandemie. Im Gegensatz zu der niederl\u00e4ndischen Studie berichtete in England nahezu die H\u00e4lfte der Befragten von negativen Ver\u00e4nderungen ihrer Ern\u00e4hrung, Bewegungsaus\u00fcbung und psychischen Gesundheit. Die Befragten nahmen Corona-bedingte H\u00fcrden im Gewichtsmanagement, wie beispielsweise Probleme bei der Motivation und Kontrolle, wahr. Auch wenig soziale Unterst\u00fctzung und mangelnder Zugang zu gesundem Essen erschwerte ihnen den Alltag w\u00e4hrend der Pandemie. Aber in dieser Studie konnte neben den negativen Konsequenzen interessanterweise ebenso das Gegenteil beobachtet werden: 23 Prozent der StudienteilnehmerInnen gaben beispielsweise an, weniger zu \u201esnacken\u201c und 45 Prozent mehr Sport zu betreiben [2].<\/p>\n<h2>Auswirkung der Lockdowns auf Personen mit Essst\u00f6rungen<\/h2>\n<p>Lockdowns lassen den gewohnten Alltag nicht mehr zu und ver\u00e4ndern auch die Art und Weise, wie Menschen miteinander interagieren. Die Einschr\u00e4nkungen betreffen t\u00e4gliche Routinen und erschweren au\u00dferdem den Zugang zu professioneller psychologischer Unterst\u00fctzung. Gerade f\u00fcr Menschen mit bereits vorhandenen Essst\u00f6rungen k\u00f6nnen solche Einschr\u00e4nkungen schwierig sein.<\/p>\n<p>Laut einer weiteren Untersuchung aus Gro\u00dfbritannien empfanden aber auch Personen mit Essst\u00f6rungen die Lockdown-Phasen in Hinsicht auf ihre Erkrankung, unterschiedlich. Bei einem Teil verst\u00e4rkte sich das gest\u00f6rte Essverhalten, der andere nahm die Ruhe, Zur\u00fcckgezogenheit und Privatheit als entlastend wahr und konnte sie f\u00fcr Erholung und Genesung nutzen [3].<\/p>\n<h2>\u00c4nderungen der Motive f\u00fcr Nahrungswahl<\/h2>\n<p>Der Frage, ob sich auch die Ursachen f\u00fcr die Nahrungswahl im Lockdown ver\u00e4ndert haben, ging eine Studie in Frankreich nach. W\u00e4hrend eines Lockdowns wurden neun Ern\u00e4hrungsmotive im Vergleich zu der Vor-Corona-Zeit untersucht: Gesundheit, Bequemlichkeit, sinnlicher Anspruch, nat\u00fcrliche Inhaltsstoffe, ethische \u00dcberlegungen, Gewichtskontrolle, Stimmung, Vertrautheit und Preis.<\/p>\n<p>Das Motiv Stimmung wurde weit h\u00e4ufiger genannt als vor der Krise, wobei hier die Kompensierung von Langeweile und Emotionsregulation die gr\u00f6\u00dfte Rolle spielen. Interessanterweise sank die Bedeutung von Bequemlichkeit und Preis bei Nahrungsmitteln, w\u00e4hrend jene von Gesundheit, nat\u00fcrlichen Inhaltsstoffe und ethischen Motive zunahm [4].<\/p>\n<h2>Selbst Kochen w\u00e4hrend der Pandemie<\/h2>\n<p>Auch im Bereich der Kochpraktiken wurden in einer weiteren franz\u00f6sischen Studie w\u00e4hrend der Lockdowns positive und negative Ver\u00e4nderungen wahrgenommen. Manchen Personen verschafften die Umst\u00e4nde im Lockdown mehr Zeit zum Kochen, auch mit frischen Produkten. Andere berichteten \u00fcber einen R\u00fcckgang ihrer Ern\u00e4hrungsqualit\u00e4t, haupts\u00e4chlich verursacht durch weniger Wahlm\u00f6glichkeiten und der erh\u00f6hten Konsumation von \u201eKomfortnahrung\u201c und Snacks. Durch weniger Zeitzwang kam es w\u00e4hrend der Lockdowns beim selber Kochen zu einem Anstieg von \u00fcber 50 Prozent bei jenen, die positive Ver\u00e4nderungen wahrnahmen. Dies geht laut vorangehenden Studien mit einer besseren Ern\u00e4hrungsqualit\u00e4t und Gesundheit einher. Die H\u00e4ufigkeit von Selberkochen unterschied sich allerdings bei verschiedenen Personengruppen. So etwa tendierten Personen mit finanziellen Schwierigkeiten dazu, weniger selbst zu kochen [5].<\/p>\n<h2>Vorratsbildung in der Pandemie: Hamsterk\u00e4ufe eher die Ausnahme<\/h2>\n<p>Ein weiteres interessantes Ph\u00e4nomen beim Einkaufsverhalten w\u00e4hrend der Pandemie ist das vermehrte Anlegen von Vorr\u00e4ten. In dieser Hinsicht werden die medial transportierten Bilder unvergessen bleiben, die ausverkaufte Regale zeigen und aufgeregte Menschen, die Toilettenpapier in ihren Einkaufsw\u00e4gen stapeln.<\/p>\n<p>Beth Benker beschreibt dieses Verhalten als nur eine von sechs Resilienzstrategien w\u00e4hrend der Pandemie [6]. In ihrer Studie zu den Lockdowns stellte sie fest, dass zwar moderate Mehreink\u00e4ufe durchaus vorkamen, panisches Einkaufen und Vorratsbildung jedoch nicht die Regel waren. Die interviewten StudienteilnehmerInnen distanzierten sich sogar von dieser Praxis und bezeichneten sie als panisches, individualistisches und egoistisches Verhalten. Das Einkaufsverhalten w\u00e4hrend der Lockdowns und die Vorbereitung f\u00fcr kommende Lockdowns war stattdessen von erheblicher und sorgf\u00e4ltiger Planungsarbeit gekennzeichnet [6].<\/p>\n<h2>Ge\u00e4ndertes Essverhalten der Kinder w\u00e4hrend der Lockdowns<\/h2>\n<p>Auch Kinder wurden in den Lockdowns anders versorgt als zuvor. Laut einer US-amerikanischen und einer franz\u00f6sischen Studie [7, 8] f\u00fchrte Lockdown-bedingter Stress dazu, dass Eltern ihren Spr\u00f6sslingen Essen und Snacks vermehrt auch zwischen den Mahlzeiten anboten. Das verursachte eine grunds\u00e4tzliche Zunahme von s\u00fc\u00dfen und pikanten Snacks, die haupts\u00e4chlich f\u00fcr emotionale Zwecke wie Beruhigen und Besch\u00e4ftigen eingesetzt wurden. Der Hauptfaktor daf\u00fcr, mehr Essen und Snacks zu sich zu nehmen, war Langeweile der Kinder in der Isolation.<\/p>\n<p>Auf der Seite der Eltern wurde eine tolerantere Grundeinstellung im Lockdown beobachtet: weniger Regeln als sonst, und mehr Autonomie der Kinder. Von ihnen wurden auch positive Seiten des Lockdowns erw\u00e4hnt: Das Selberkochen half den Eltern bei einer Strukturierung des Alltags, und die Interaktionen zwischen ihnen und ihren Kindern rund um die Mahlzeiten wurden als positiv wahrgenommen.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Zusammenfassend kann man sagen, dass Lockdowns das Essverhalten und den Konsum sowohl positiv als auch negativ beeinflussen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend das Ern\u00e4hrungsmuster der meisten Befragten w\u00e4hrend der Pandemie stabil blieb, gab es auch andere Personen, bei denen es hier zu gravierenden \u00c4nderungen kam. Bei vielen verschlechterte sich die Ern\u00e4hrungssituation w\u00e4hrend der Lockdowns und Quarant\u00e4ne. Gerade jene, die schon vorher von Essst\u00f6rungen betroffen oder in schwierigen finanziellen oder sozialen Situationen waren, trifft der Lockdown hart: Sie sind oftmals mit den Konsequenzen von emotionalem Essen, ma\u00dflosem Essen und Snacks zwischen den Mahlzeiten konfrontiert. Somit kann Essen auch in der Corona- Krise als Spiegel gesellschaftlicher Ungleichheit betrachtet werden.<\/p>\n<p>Referenzen:<\/p>\n<p>(1) Poelman MP, Gillebaart M., Schlinkert C., Dijkstra S., Derksen E., Mensink F., Hermans RCJ,\u00a0 Aardening P., de Ridder D., de Vet E.: Eating behavior and food purchases during the COVID-19 lockdown: A cross-sectional study among adults in the Netherlands, Appetite, Volume 157, 2021, 105002, ISSN 0195-6663, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.105002\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.105002<\/a>.<\/p>\n<p>(2) Robinson E., Boyland E., Chisholm A., Harrold J., Maloney NG, Marty L., Mead BR, Noonan R., Hardman CA: Obesity, eating behavior and physical activity during COVID-19 lockdown: A study of UK adults, Appetite, Volume 156, 2021, 104853, ISSN 0195-6663, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.104853\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.104853<\/a>.<\/p>\n<p>(3) Brown SM, Opitz MC, Peebles AI, Sharpe H., Duffy F., Newman E.: A qualitative exploration of the impact of COVID-19 on individuals with eating disorders in the UK, Appetite, Volume 156, 2021, 104977, ISSN 0195-6663, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.104977\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.104977<\/a>.<\/p>\n<p>(4) Marty L., de Lauzon-Guillain B., Labesse M., Nicklaus S.: Food choice motives and the nutritional quality of diet during the COVID-19 lockdown in France, Appetite, Volume 157, 2021, 105005, ISSN 0195-6663, https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.105005.<\/p>\n<p>(5) Sarda B., Delamaire C, Serry AJ, Ducrot P.: Changes in home cooking and culinary practices among the French population during the COVID-19 lockdown, Appetite, Volume 168, 2022, 105743, ISSN 0195-6663, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2021.105743\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2021.105743<\/a>.<\/p>\n<p>(6) Benker B.: Stockpiling as resilience: Defending and contextualising extra food procurement during lockdown, Appetite, Volume 156, 2021, 104981, ISSN 0195-6663, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.104981\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2020.104981<\/a>.<\/p>\n<p>(7) Jansen E., Thapaliya G., Aghababian A., Sadler J., Smith K., Carnell S.: Parental stress, food parenting practices and child snack intake during the COVID-19 pandemic, Appetite, Volume 161, 2021, 105119, ISSN 0195-6663, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2021.105119\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2021.105119<\/a>.<\/p>\n<p>(8) Philippe K., Chabanet C., Issanchou S., Monnery-Patris S.: Child eating behaviors, parental feeding practices and food shopping motivations during the COVID-19 lockdown in France: (How) did they change?, Appetite, Volume 161, 2021, 105132, ISSN 0195-6663, <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2021.105132\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.appet.2021.105132<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bestellen beim Lieferservice, Perfektionieren von Brotbacktechniken, vermehrtes Selberkochen sowie essen und trinken, um der Langeweile zu entkommen: Die Covid-19-Pandemie hat die Art und Weise, wie wir essen, was wir essen und wieviel wir essen, beeinflusst. Internationalen Studien haben best\u00e4tigt, dass sich Essenswahl und Essverhalten sowie physische Aktivit\u00e4t w\u00e4hrend der Lockdowns und in Quarant\u00e4ne ver\u00e4ndert haben. 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