{"id":2736,"date":"2021-12-20T11:58:03","date_gmt":"2021-12-20T10:58:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2736"},"modified":"2022-05-04T10:52:37","modified_gmt":"2022-05-04T08:52:37","slug":"wie-funktionieren-foodcoops","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wie-funktionieren-foodcoops\/","title":{"rendered":"Wie funktionieren Foodcoops?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit einigen Jahren formieren sich alternative Formen der Lebensmittelversorgung \u2013 sogenannte Foodcoops (Food Cooperatives) oder Lebensmittelkooperativen. Handelt es sich dabei um ein <\/strong><strong>Versorgungsmodell der Zukunft oder um Aktivismus von wenigen? <\/strong><strong>Die bESSERwisser haben recherchiert, wie Foodcoops funktionieren.<\/strong><\/p>\n<p>Momentan erleben wir es fast t\u00e4glich: Produkte wie Ingwer oder Knoblauch, die uns bisher aus den Supermarktregalen entgegenquollen, sind pl\u00f6tzlich \u00fcber Tage nicht mehr lieferbar. Engp\u00e4sse und Lieferverz\u00f6gerungen aus \u00dcbersee, verursacht durch die Coronakrise, sind einer der Hauptgr\u00fcnde daf\u00fcr. Damit wird auch sichtbar, dass Produkte wie Knoblauch nur noch selten in \u00d6sterreich angebaut werden, obwohl sie bei uns ohne Probleme wachsen w\u00fcrden. F\u00e4llt der chinesische Knoblauch aus, greifen wir auf den spanischen zur\u00fcck, der dann aufgrund des gro\u00dfen Bedarfs recht schnell ausverkauft ist. Das Ergebnis: leere Regale.<\/p>\n<p>Die heimische Politik reagiert auf dieses Ph\u00e4nomen mit Schlagw\u00f6rtern wie Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t und F\u00f6rderung der \u00f6sterreichischen Landwirtschaft. Inwieweit dies auch nach der Coronakrise Thema sein wird, bleibt abzuwarten.<\/p>\n<h2><strong>Foodcoops: Das Konzept und seine Werte<\/strong><\/h2>\n<p>Foodcoops funktionieren in mehrfacher Hinsicht kontr\u00e4r zum etablierten System, das durch viele Praktiken gekennzeichnet ist, die weder \u00f6kologisch noch sozial zu verantworten sind. Damit einher geht die Erzeugung von Lebensmitteln hinter \u201cverschlossenen T\u00fcren\u201d und damit abgekoppelt von unserer Wahrnehmung. Die ProduzentInnen und die KonsumentInnen von Nahrung haben jeglichen ersichtlichen Ber\u00fchrungspunkt verloren.<\/p>\n<p>Diese Entfremdung zwischen ErzeugerIn und VerbraucherIn sowie zwischen Waren und KundInnen soll durch das Verk\u00fcrzen der Wertsch\u00f6pfungsketten r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden. Durch den direkten Bezug beim Erzeuger\/der Erzeugerin wird die Lieferkette auf das Minimum beschr\u00e4nkt und damit auch der \u00f6kologische Fu\u00dfabdruck immens verringert. Dies h\u00e4ngt besonders mit zwei weiteren zentralen Merkmalen von Foodcoops zusammen: der geographischen Lage der ProduzentInnen, die im Idealfall im n\u00e4heren Umkreis der Foodcoop angesiedelt sein sollten, und dem m\u00f6glichst saisonalen Angebot an Produkten. Hinsichtlich des Produktionsprozesses werden bei den meisten Foodcoops biologische, konventionell produzierten Waren vorgezogen. Aber auch weitere Qualit\u00e4tsmerkmale, wie faire L\u00f6hne und soziale Arbeitsbedingungen, k\u00f6nnen eine Rolle spielen.<\/p>\n<h2><strong>Wie funktionieren Foodcoops?<\/strong><\/h2>\n<p>Eine Foodcoop ist ein Zusammenschluss von KonsumentInnen, denen eben diese Werte ein Anliegen sind und die gemeinsam Lebensmittel beziehen. Die Foodcoop wird von den KonsumentInnen selbst organisiert und verwaltet, das hei\u00dft, dass Bestellung, Abholung, Verteilung und Abrechnung selbst und ehrenamtlich erledigt wird. Meist sind die KonsumentInnen auch Mitglieder in einem Verein und damit auch alle verantwortlich f\u00fcr den Betrieb. Entscheidungen werden gemeinsam und egalit\u00e4r getroffen. Die KonsumentInnen holen die Waren entweder selbst von den ProduzentInnen ab, oder sie werden von diesen an ein Lager angeliefert. In seltenen F\u00e4llen besteht eine Art Laden, in dem eine oder mehrere Personen angestellt sind.<\/p>\n<p>Ein unternehmerisches Ziel im klassischen Sinn ist nicht vorhanden, denn Foodcoops sind nicht gewinnorientiert. Sie dienen lediglich der Versorgung ihrer Mitglieder mit qualitativ hochwertigen Nahrungsmitteln.<\/p>\n<h2><strong>Motivation von KonsumentInnen und ProduzentInnen<\/strong><\/h2>\n<p>Doch was motiviert Menschen in unserer konsumoptimierten Gesellschaft, Teile ihrer Freizeit f\u00fcr den eigenst\u00e4ndigen Bezug ihrer Lebensmittel aufzuwenden?<\/p>\n<p>Nachdem biologische und hochqualitative Produkte bereits Einzug in die Supermarktregale gehalten haben, ist dieser Grund nicht mehr so dominant wie noch vor 10 oder 20 Jahren. Seyfang (2008) geht davon aus, dass die Hauptmotive darin liegen, einen st\u00e4rkeren Einfluss auf die eigene Lebensmittelversorgung zu haben und bei den unterschiedlichen Fragen und Entscheidungen, die dabei auftauchen, partizipieren zu k\u00f6nnen. Eine weit gr\u00f6\u00dfere Rolle als gedacht spielt aber die, durch die Beteiligung an einem alternativen System, ausgedr\u00fcckte Kritik an der globalen, konventionellen Nahrungsmittelindustrie (Little 2010). Bostr\u00f6m und Klintman (2009) w\u00fcrden hier wohl vom \u201egreen political food consumer\u201c sprechen, der die pers\u00f6nliche Pr\u00e4ferenz f\u00fcr eine biologische, nachhaltige Lebensweise immer auch mit einer politischen Agenda verkn\u00fcpft. Das Engagement in Foodcoops kann damit als Strategie gedeutet werden, die Nahrungsbeschaffung wieder in das soziale Leben einzubetten.<\/p>\n<p>\u00dcber die Motivation von ProduzentInnen, die an Foodcoops verkaufen oder diese beliefern, ist bislang weit weniger bekannt. F\u00fcr ProduzentInnen stellt sich oft die Frage, wie sie die doch eher kleinen und divers zusammengestellten Margen, die von Foodcoops bestellt werden, und die oftmals einen im Verh\u00e4ltnis gro\u00dfen organisatorischen Aufwand bedeuten, in ihr unternehmerisches Denken integrieren k\u00f6nnen. In den meisten F\u00e4llen stehen auch auf dieser Seite ein ethischer Aspekt oder der pers\u00f6nliche Wunsch dahinter, Lebensmittel abseits der gegenw\u00e4rtigen Marktlogik zu produzieren und zu vertreiben.<\/p>\n<h2><strong>Br\u00fcche und Schwierigkeiten<\/strong><\/h2>\n<p>Einkaufen in der Foodcoop muss von langer Hand geplant werden, da auch Produkte des t\u00e4glichen Bedarfs mehrere Tage im Voraus oder im Wochenrhythmus angefordert werden m\u00fcssen. Auch die Abholung, die in manchen F\u00e4llen von den Mitgliedern selbst erledigt wird, kann, je nach Wohnort, einen gro\u00dfen Aufwand an Weg und Zeit bedeuten. Hinzu kommen organisatorische Belange, wie Bestellen und Abrechnen und das sich Einbringen in Arbeitskreise und Plena der Gruppe. Gerade die fehlende Spontaneit\u00e4t beim Einkaufen erfordert gro\u00dfe Flexibilit\u00e4t und Umdenken hinsichtlich des bestehenden Versorgungsverhaltens bei den Foodcoopmitgliedern.<\/p>\n<p>Oftmals f\u00fchren unterschiedliche Meinungen und Motivationen der Mitglieder zu schwierigen und langwierigen Aushandlungsprozessen (Bean und Sharp, 2011). Wandlungsprozesse durch wachsende Mitgliederzahlen, Entscheidungen \u00fcber neue Produkte und \u00c4nderungen in der Rechtsform k\u00f6nnen intensive Diskussionen ausl\u00f6sen. Ein Beispiel hierf\u00fcr ist die Aufnahme von Fleisch ins Sortiment. W\u00e4hrend manche Personen dies strikt ablehnen, m\u00f6chten andere auch diese Produkte aus einer transparenten und verantwortungsvollen Quelle beziehen.<\/p>\n<h2><strong>Fazit<\/strong><\/h2>\n<p>Die Zahl der Foodcoops steigt in \u00d6sterreich und weltweit. Waren in Wien im Jahr 2011 gerade einmal vier Lebensmittelkooperativen aktiv, sind es heute bereits 37. Seit dem Jahr 2017 besteht die Interessensgemeinschaft FoodCoops, die \u00f6sterreichische Foodcoops in rechtlichen und finanziellen Agenden und bei Neugr\u00fcndungen unterst\u00fctzt, politische Arbeit und Vernetzung vorantreibt, und Forschung zu Foodcoops dokumentiert und anregt.<\/p>\n<p>Welchen Stellenwert werden Lebensmittelkooperativen also in Zukunft in unserer Gesellschaft einnehmen? K\u00f6nnen sie eine breite Alternative zum Supermarkt sein? Mitglied einer Foodcoop zu sein bedeutet eine Umstellung der pers\u00f6nlichen Lebensmittelversorgung und damit eine tiefgreifende Ver\u00e4nderung und Reorganisation des Alltags. Es erfordert einen hohen Grad an Anpassung, was vielleicht einzelnen Menschen aus \u00dcberzeugung gelingt, aber f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Menschen wohl nicht mit ihrem Alltag und ihren Priorit\u00e4ten vereinbar ist. Was Foodcoops aber tun, ist durch Gegenmodelle, gegenw\u00e4rtige Missst\u00e4nde aufzeigen und den in den westlichen Industriestaaten als selbstverst\u00e4ndlich erachteten Lebensstandard und Lebensstil in Frage stellen. Und das kann uns allen zugute kommen!<\/p>\n<h5><strong><cite class=\"cite\">Referenzen:<\/cite><\/strong><\/h5>\n<p><cite class=\"cite\"><a href=\"https:\/\/foodcoops.at\/\">https:\/\/foodcoops.at\/<\/a><\/cite><\/p>\n<p><cite class=\"cite\">Bean M., Sharp J.: Profiling alternative food system supporters: Personal and social basis of local and organic food support (2011). Renewable Agriculture and Food Systems, 26 (3), 243\u2013254.<\/cite><\/p>\n<p><cite class=\"cite\">Bostr\u00f6m M., Klintman,M.: The green political food consumer: A critical analysis of the research and policies (2009).<\/cite><cite class=\"cite\"><\/cite><cite class=\"cite\"><\/cite><\/p>\n<p><cite class=\"cite\">Seyfang G.: Avoiding Asda? Exploring consumer motivations in local organic food networks (2008). Local Environment, 13 (3), 187-201.<\/cite><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Jahren formieren sich alternative Formen der Lebensmittelversorgung \u2013 sogenannte Foodcoops (Food Cooperatives) oder Lebensmittelkooperativen. Handelt es sich dabei um ein Versorgungsmodell der Zukunft oder um Aktivismus von wenigen? Die bESSERwisser haben recherchiert, wie Foodcoops funktionieren. 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