{"id":2667,"date":"2021-03-29T16:47:10","date_gmt":"2021-03-29T14:47:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2667"},"modified":"2021-07-22T07:33:50","modified_gmt":"2021-07-22T05:33:50","slug":"wieso-gibt-es-osterhasen-aus-schokolade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wieso-gibt-es-osterhasen-aus-schokolade\/","title":{"rendered":"Wieso gibt es Osterhasen aus Schokolade?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Warum werden zu Ostern massenhaft Osterhasen aus Schokolade verschenkt und Hasen aus M\u00fcrbteig oder Sandmasse gebacken? Die bESSERwisser haben recherchiert, was Hasen eigentlich mit Ostern zu tun haben. Auch eine Antwort auf die Frage, ob \u00fcbrige Schoko-Weihnachtsm\u00e4nner tats\u00e4chlich zu Schoko-Osterhasen werden, gibt es hier.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/ostertraditionen-von-spinat-besonderen-eiern-und-dem-osterhasen\">Wie bereits ausgef\u00fchrt<\/a>, gibt es zum Osterfest sehr viel Traditionelles &#8211; sowohl Eier als auch spezielles Ostergeb\u00e4ck sind schon lange bekannt. Aber Osterhasen? Gleich vorweg: Eine sehr alte Tradition sind Osterhasen nicht. Diese k\u00f6nnen weder auf das christliche Fest und schon gar nicht auf sogenannte \u201euralte\u201c heidnische Br\u00e4uche zur\u00fcckgef\u00fchrt werden. In etlichen l\u00e4ndlichen Regionen waren Osterhasen oft noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch unbekannt.<\/p>\n<h2>Der Osterhase \u2013 eine st\u00e4dtische Erfindung<\/h2>\n<p>Wir ahnen es also schon: Der Osterhase ist eine b\u00fcrgerliche Erfindung. Und an seiner massenhaften Verbreitung hat die aufkommende Schokoladenindustrie einen ganz wesentlichen Anteil.<\/p>\n<p>Erste historische Quellen zum Osterhasen gibt es seit der zweiten H\u00e4lfte des 17. Jahrhunderts, wo er beim st\u00e4dtischen protestantischen B\u00fcrgertum in Deutschland auftauchte. Im 18. wurde es in diesen Kreisen im deutschsprachigen Raum \u00fcblich, Eier zu verstecken und die Kinder danach suchen zu lassen \u2013 sozusagen Spiel und Unterhaltung im Familienkreis. Als Urheber der versteckten Eier wurde dabei der Osterhase pr\u00e4sentiert [1]. Durch Zeitschriften mit Illustrationen, Gedichten und Kinderliedern verbreitete sich dieses Bild. Im 19. Jahrhundert setzte sich der Osterhase, nun meist wie ein Mensch bekleidet dargestellt, ganz allgemein im B\u00fcrgertum durch. In Kinderliedern, Gedichten und Kinderb\u00fcchern sowie auf Oster-Postkarten bekam der flei\u00dfige Osterhase Familie und wurde beim Bemalen und Austragen der Eier dargestellt.<\/p>\n<p>Schon im 19. Jahrhundert wurde \u2013 bedingt durch Nationalismus und Germanenschw\u00e4rmerei \u2013 der Osterhase mit der germanischen G\u00f6ttin Ostara in Verbindung gebracht. So zum Beispiel von Jacob Grimm in seiner Deutschen Mythologie (1835). Deutschnationale oder nationalsozialistische Volkskundler bef\u00f6rderten ihn dann sp\u00e4ter zum \u201euralten\u201c germanischen Brauch. Allerdings handelt es sich dabei um reine Spekulation \u2013 \u201eFake News\u201c, wie man heute sagen w\u00fcrde.<\/p>\n<h2>Osterhasen aus Schokolade<\/h2>\n<p>Im 19. Jahrhundert entstanden erste Schokoladefabriken, die auch bereits Ostereier aus Schokolade produzierten. Diese waren allerdings hart und eher bitter. Durch die laufenden Verbesserungen in der Produktion wurde die Schokolade allm\u00e4hlich besser. Individuell gefertigte Hohlformen aus Wei\u00dfblech wurden f\u00fcr Figuren aus Schokolade verwendet. Allerdings war noch relativ viel Handarbeit n\u00f6tig, und Schokolade war sehr teuer. Erst durch das Aufkommen der Massenproduktion wurde Schokolade erschwinglich. Die Beliebtheit dieser S\u00fc\u00dfigkeit machte sie auch zum idealen Geschenkartikel. In den 1920iger Jahren wurden vollautomatische Produktionsanlagen f\u00fcr Hohlformen eingef\u00fchrt, die Schokoladefiguren weiter verbilligten. Allerdings reduzierte das die Vielfalt an Osterhasenformen.<\/p>\n<h2>Vom Getr\u00e4nk zu ersten Schokolade-Tafeln<\/h2>\n<p>Kakaob\u00e4ume stammen aus Zentralamerika und wachsen nur in tropischen Regenw\u00e4ldern. Heute kommt der meiste Kakao aus Westafrika, besonders von der Elfenbeink\u00fcste und aus Ghana. Die Schokoladenproduktion ist aber in k\u00fchlen L\u00e4ndern einfacher und billiger, da der Schmelzpunkt von Schokolade schon bei 36 Grad liegt.<\/p>\n<p>Schokolade, wie wir sie heute kennen, ist erst sehr sp\u00e4t erfunden worden. Bis ins 19. Jahrhundert wurde sie nur als Getr\u00e4nk genossen, vorwiegend im katholischen s\u00fcdlichen Europa, da sie als Fastenspeise anerkannt war. Allerdings war sie sehr teuer und nur Wohlhabenden zug\u00e4nglich. F\u00fcr das Getr\u00e4nk mussten die Kakaobohnen gemahlen und die Kakaobutter, die etwa die H\u00e4lfte der Bohnen ausmacht, entfernt werden.<\/p>\n<p>In den Niederlanden wurde 1828 erstmals eine hydraulische Presse zur Trennung der Kakaobutter verwendet und somit Kakaopulver mit hoher Qualit\u00e4t erzeugt. Was aber tun mit der Kakaobutter? In Gro\u00dfbritannien wurde unterdessen versucht, Schokolade in einer festen Form zu erzeugen. Und siehe da, es war die Zugabe der \u00fcbrigen Kakaobutter, mit der man Schokoladetafeln erzeugen konnte. 1847 begann die Produktion von Schokoladetafeln in Gro\u00dfbritannien (Fry &amp; Sons). Um diese Zeit wurden auch Kakaoplantagen in Afrika und Asien angelegt, und so konnten gr\u00f6\u00dfere Mengen Kakaobohnen erzeugt werden. Der Preis f\u00fcr Kakaobohnen fiel.<\/p>\n<h2>Billige Qualit\u00e4ts-Schokolade<\/h2>\n<p>Jetzt kamen die Schweizer ins Spiel: Erst erfanden sie Milchpulver (1875, Nestl\u00e9), das die Schokolade wesentlich haltbarer machte als jene, die mit Frischmilch erzeugt wurde. Und dann entwickelten sie das Conchieren (1879, Lindt), das Schokolade zu einem weicheren, zartschmelzenden Produkt macht. Beim Conchieren wurden die Zutaten der Schokolade erw\u00e4rmt und mit Granitwalzen bearbeitet, sodass die Zuckerkristalle zerbrachen und die Masse geschmeidiger wurde. Zus\u00e4tzlich verfl\u00fcchtigten sich Bitterstoffe durch diesen Prozess. W\u00e4hrend Schweizer Schokolade lange Zeit 72 Stunden lang conchiert wurde, konnte der Prozess inzwischen durch leistungsf\u00e4higere Conchiermaschinen auf 12 bis 48 Stunden verk\u00fcrzt werden. Bis heute halten es die verschiedenen L\u00e4nder anders mit dem Conchieren \u2013 in manchen L\u00e4ndern ist es nicht beliebt, in manchen wird k\u00fcrzer oder l\u00e4nger conchiert. Das tr\u00e4gt neben dem verschiedenen Anteil der Zutaten dazu bei, dass Schokolade nicht \u00fcberall gleich schmeckt.<\/p>\n<p>Durch die bessere Qualit\u00e4t und die Verbilligung aufgrund der industriellen Erzeugung wurde Schokolade um 1900 ein Produkt, das auch gr\u00f6\u00dfere Teile der Bev\u00f6lkerung erreichte. Und warum sollte diese Schokolade nicht in spezieller Form f\u00fcr allerlei Feste verkauft werden, bei denen Kinder beschenkt werden &#8211; wie zum Beispiel zum Nikolaus oder zu Ostern? Die Automatisierung in den Produktionsanlagen machte die Massenproduktion von Sonderformen deutlich billiger.<\/p>\n<h2>Schokoladenkonsum heute: Deutschsprachige L\u00e4nder vorne<\/h2>\n<p>Schokolade wird heute haupts\u00e4chlich in Nordamerika und Europa konsumiert. Weltweit hatte die Schweiz lange die Nase beim Schokoladenessen mit j\u00e4hrlich rund 8,8 Kilogramm &#8222;Schoggi&#8220; pro Kopf vorn. Inzwischen wurde sie von Deutschland \u00fcberholt. Auch \u00d6sterreich kann da gut mithalten: Der j\u00e4hrliche pro Kopf-Verbrauch von Schokolade in \u00d6sterreich liegt \u00fcber 8 Kilogramm [2]. Drei Viertel der \u00d6sterreicher und \u00d6sterreicherinnnen gaben 2020 an, mindestens einmal in der Woche Schokolade zu konsumieren.<\/p>\n<p>Vor Ostern wird bei uns mehr Schokolade gekauft als zu Weihnachten. Deutschland und \u00d6sterreich produzieren bei den Festtags-Schokoladen nicht nur f\u00fcr die eigene Bev\u00f6lkerung: Die deutsche S\u00fc\u00dfwarenindustrie erzeugt rund 220 Millionen Osterhasen j\u00e4hrlich und exportiert davon beinahe die H\u00e4lfte. Von den in \u00d6sterreich produzierten Schokolade-Saisonwaren gehen ebenfalls mehr als die H\u00e4lfte in den Export. Exportiert wird in andere europ\u00e4ische L\u00e4nder sowie Nordamerika und teilweise auch Australien. In der Schweiz stehen etwa 16 Millionen Osterhasen j\u00e4hrlich in den Regalen \u2013 doppelt so viele wie Einwohner &#8211; und warten auf K\u00e4ufer.<\/p>\n<p>Bei Bio- und Fairtrade-Schokolade wird darauf geachtet, dass der Anbau und die Ernte der Kakaobohnen ohne Kinderarbeit erfolgt und keine Umweltgifte eingesetzt werden. Bio- und Fairtrade-Osterhasen sind jedoch noch eine winzige Marktnische und machen gerade einmal ein paar Prozent aus. Dem Gro\u00dfteil der K\u00e4ufer sind hier Quantit\u00e4t und niedrige Preise wichtiger als Qualit\u00e4t und faire Erzeugung.<\/p>\n<h2>Werden Schoko-Weihnachtsm\u00e4nner wirklich zu Schoko-Osterhasen?<\/h2>\n<p>Gerade im Coronajahr 2020 kam durch einen massiven Einbruch beim Kauf der Osterware wieder die Frage auf, was denn mit der nicht verkauften Osterware passiert. Die Hersteller versicherten, dass die \u00fcbrige Ware an caritative Organisationen oder Krankenh\u00e4user verschenkt wurde. Teilweise wird \u00fcbrige Osterware auch stark verbilligt in nicht christliche L\u00e4nder exportiert.<\/p>\n<p>Doch was ist dran an dem Mythos, dass Weihnachtsm\u00e4nner zu Osterhasen aus Schokolade umgepackt oder weiterverarbeitet werden? Das ist ein M\u00e4rchen, da ausgelieferte Schokolade schon von Gesetzes wegen nicht zur\u00fcck genommen werden darf. Au\u00dferdem w\u00fcrde dies extrem teure Handarbeit erfordern\u00a0 \u2013 die Produktion l\u00e4uft ja weitgehend vollautomatisiert \u2013 und der Qualit\u00e4t schaden. Was nicht verschenkt oder weiterverkauft wird, landet im M\u00fcll, auch wenn das niemand zugeben m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>[1] <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1080\/00438243.2018.1515655\">Lauritsen M., Allen R., Alves JM et.al: Celebrating Easter, Christmas and their associated alien fauna (2018). World Archaeology Volume 50, 2018 &#8211; Issue 2: The Archaeology of Celebrations<\/a><\/p>\n<p>[2]<a href=\"http:\/\/www.marktmeinungmensch.at\/studien\/oesterreich-bei-schokoladenkonsum-weltweit-an-2-st\/\"> Erhebung von Euromonitor, 2017<\/a><\/p>\n<p>[3] <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/infografik\/7089\/schokoladen-osterhasen-und-weihnachtsmaenner-in-deutschland\/\">Statista: Osterhase schl\u00e4gt Weihnachtsmann<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum werden zu Ostern massenhaft Osterhasen aus Schokolade verschenkt und Hasen aus M\u00fcrbteig oder Sandmasse gebacken? Die bESSERwisser haben recherchiert, was Hasen eigentlich mit Ostern zu tun haben. 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