{"id":2623,"date":"2021-01-12T18:46:36","date_gmt":"2021-01-12T17:46:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2623"},"modified":"2021-02-16T15:55:10","modified_gmt":"2021-02-16T14:55:10","slug":"kren-natuerliches-antibiotikum-aus-dem-garten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/kren-natuerliches-antibiotikum-aus-dem-garten\/","title":{"rendered":"Kren: Nat\u00fcrliches Antibiotikum aus dem Garten?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aufgrund steigender Antibiotikaresistenzen ist die Forschung stets auf der Suche nach neuen antimikrobiellen Wirkstoffen. Dabei spielen Naturstoffe, die schon in fr\u00fcheren Zeiten eingesetzt wurden, eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. So etwa gilt Kren \u2013 beziehungsweise die Krenwurzel \u2013 als nat\u00fcrliches Antibiotikum aus dem Garten. Doch wirkt Kren wirklich gegen Mikroben? Die bESSERwisser haben recherchiert. \u00a0<\/strong><\/p>\n<h2>Gesunde Wurzel<\/h2>\n<p>Kren, im deutschen Sprachraum auch als Meerrettich bekannt, geh\u00f6rt zur botanischen Familie der Kreuzbl\u00fctler. Die scharfe Wurzel wird seit dem Mittelalter als Gem\u00fcse und Gew\u00fcrz in der K\u00fcche verwendet und darf auf keiner Brettljause fehlen. Kren wird nach dem Frost im sp\u00e4ten Herbst und w\u00e4hrend des Winters geerntet und kann im Garten leicht angebaut werden. Das gesunde Wintergem\u00fcse ist reich an den Vitaminen C und B und besitzt wertvolle Mineralstoffe, wie etwa Natrium, Kalium, Magnesium und Eisen. Das Interesse der Forschung und den Einsatz in der Pflanzenheilkunde verdankt der Kren jedoch den scharfen Senf\u00f6len, die in seinen Wurzeln enthalten sind.<\/p>\n<h2>Senf\u00f6le sch\u00fctzen Kren vor Fra\u00dffeinden<\/h2>\n<p>Die Senf\u00f6le der Wurzeln\u00a0<strong>\u2013<\/strong> so genannte Glukosinolate \u2013 dienen dem Kren als Schutz vor Fra\u00dffeinden. Glukosinolate sind bestimmte sekund\u00e4re Pflanzenstoffe, denen gesundheitsf\u00f6rdernde Wirkung nachgesagt wird. Senf\u00f6le finden sich auch in anderen Kreuzbl\u00fctengew\u00e4chsen wie etwa der Kapuzinerkresse, Senf und vielen Kohlarten. Wird das Gewebe einer solchen Pflanze zerst\u00f6rt, kommt es zur Reaktion der Glukosinolate mit einem speziellen Enzym, das ebenfalls in den Pflanzenzellen gespeichert ist. Dieses Enzym \u2013 die Myrosinase\u00a0<strong>\u2013<\/strong> spaltet die Schwefel-Zucker Verbindung der Glukosinolate zu Isothiocyanat, welches den scharfen Geschmack und Geruch hervorruft. Isothiocyanat kann jedoch nur entstehen, wenn die Pflanzenzellen durch Schneiden oder Kauen zerkleinert werden. Gekochter, intakter Kren hat deshalb auch keinen stechend scharfen Geschmack. \u00dcbrigens: Gegen die bei\u00dfenden D\u00e4mpfe beim Krenreiben helfen <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/warum-weinen-wir-beim-zwiebelschneiden-2\/\">\u00e4hnliche Tricks wie beim Zwiebelschneiden.<\/a><\/p>\n<p>Das bekannteste Senf\u00f6l ist Sinigrin. Vor allem schwarze Senfsamen, Kren, Kresse und Kohlsprossen enthalten nennenswerte Mengen an Sinigrin. Wei\u00dfe Senfsamen hingegen enthalten h\u00f6here Anteile an Sinalbin, einem weniger scharfen Senf\u00f6l.<\/p>\n<h2>Antimikrobielle Wirkung<\/h2>\n<p>Neben ihrer kulinarischen Verwendung wird die Krenwurzel seit jeher auch zur Behandlung von Krankheiten, besonders von Entz\u00fcndungen und Rheumatismus, eingesetzt. Seit dem fr\u00fchen 20. Jahrhundert werden Kreuzbl\u00fctengew\u00e4chse wissenschaftlich auf ihre antimikrobiellen Eigenschaften hin untersucht. Die scharfen Senf\u00f6le konnten sich wirksam gegen verschiedene Erreger zeigen. Neben Viren und infekti\u00f6sen Pilzen konnten sie in Versuchen auch krankmachende Bakterien hemmen.<\/p>\n<p>Die steigenden Antibiotikaresistenzen und der damit einhergehende dringende Bedarf an neuen Antibiotika macht die antibakterielle Wirkung von Senf\u00f6len besonders interessant. In den letzten Jahren konnten einige Studien wichtige Erkenntnisse zur Wirkung von Senf\u00f6len gegen Bakterien liefern und machen Kren somit als nat\u00fcrliches Antibiotikum interessant:<\/p>\n<ul>\n<li>Kapuzinerkresse und Krenextrakte zeigten gute Wirkung gegen bakterielle Erreger im Mundraum, die etwa Zahnfleischentz\u00fcndungen hervorrufen. In klinischen Studien hatten die Extrakte au\u00dferdem eine Wirkung gegen Atemwegsinfekte (Bronchitis) und leichte Harnwegsinfekte, die mit jener von klassischen Antibiotika vergleichbar war [1].<\/li>\n<li>Interessanterweise war eine Mischung von Isothiozyanaten aus Kren und Kapuzinerkresse nicht nur gegen Keime, die auch mit herk\u00f6mmlichen Antibiotika bek\u00e4mpft werden k\u00f6nnen, wirksam, sondern auch gegen antibiotikaresistente Keime [2].<\/li>\n<li>Eine weitere Studie zeigte, dass Isothiozyanate die Wirkung von klassischen Antibiotika unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Das macht ihren Einsatz vielversprechend, da so vielleicht das Risiko der Bildung von resistenten Keimen verringert werden k\u00f6nnte. Bei einer Kombination mit nat\u00fcrlichen Isothiozyanaten k\u00f6nnten geringere Dosen von herk\u00f6mmlichen Antibiotika eingesetzt werden [3].<\/li>\n<\/ul>\n<h2>Nat\u00fcrliches Antibiotikum mit Sch\u00e4rfe<\/h2>\n<p>Der Mechanismus, mit dem die in den Senf\u00f6len enthaltenen Isothiozyanate Bakterien sch\u00e4digen, ist nicht vollst\u00e4ndig gekl\u00e4rt. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sie \u00e4hnlich wie Antibiotika die Zellmembranen von Bakterien, deren Proteinsynthese und ihren Metabolismus angreifen.<\/p>\n<p>Ein Nachteil nat\u00fcrlicher Isothiozyanate im medizinischen Gebrauch ist deren scharfer Geschmack und die damit einhergehende Reizung des Verdauungstraktes. Eine M\u00f6glichkeit, dieses Problem zu umgehen, ist die Inaktivierung der in den Pflanzen enthaltenen Myrosinase durch Hitze. Die Glukosinolate werden dann nicht schon im Mund, sondern erst im Darm von den Myrosinasen der nat\u00fcrlich vorkommenden Darmbakterien zu Isothiozyanaten gespalten [4].<\/p>\n<h2>Einsatz von Kren: Ayurveda und Lebensmittelproduktion<\/h2>\n<p>Auch in der traditionellen indischen Heilkunst (Ayurveda) werden Senf\u00f6le aus Pflanzen f\u00fcr die Ern\u00e4hrung und als Heilmittel eingesetzt. In Indien und Afrika findet vor allem der sogenannte Meerrettichbaum (<em>Moringa oleifera<\/em>), der Senf\u00f6lglykoside in Bl\u00e4ttern und Wurzeln enth\u00e4lt, gegen Entz\u00fcndungen und Rheuma Anwendung [5].<\/p>\n<p>Weiters wird der Einsatz von Isothiozyanaten gegen Pflanzenkrankheiten und als Konservierungsstoff f\u00fcr Lebensmittel diskutiert. \u00a0Allylisothiocyanat aus nat\u00fcrlichen Quellen ist in Japan bereits als Konservierungsstoff f\u00fcr Lebensmittel zugelassen [4].<\/p>\n<p>Da die Sch\u00e4rfe des Krens jedoch auf das Verdauungssystem leicht reizend wirkt, sollten Personen mit Magen- oder Darmgeschw\u00fcren Kren nicht zu gesundheitlichen Zwecken zu sich nehmen. Auch Patientinnen und Patienten mit Schilddr\u00fcsenfehlfunktion sollten Kren nicht in gro\u00dfen Mengen konsumieren, da hohe Mengen der Glukosinolate die Jodaufnahme der Schilddr\u00fcse beeintr\u00e4chtigen k\u00f6nnen [6].<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n<p>[1] Eichel V., Sch\u00fcller A., Biehler K. et al.: Antimicrobial effects of mustard oil-containing plants against oral pathogens. An in vitro study (2020). BMC complementary medicine and therapies 20 (1), S. 156. DOI: 10.1186\/s12906-020-02953-0.<\/p>\n<p>[2] Conrad A., Biehler D., Nobis T. et al.: Broad spectrum antibacterial activity of a mixture of isothiocyanates from nasturtium (Tropaeoli majoris herba) and horseradish (Armoraciae rusticanae radix) (2013). Drug Res (Stuttg). 2013 Feb;63(2):65-8. doi: 10.1055\/s-0032-1331754<\/p>\n<p>[3] Palaniappan K. and Holley RA: Use of natural antimicrobials to increase antibiotic susceptibility of drug resistant bacteria (2010). International journal of food microbiology 140 (2-3), S. 164\u2013168. DOI: 10.1016\/j.ijfoodmicro.2010.04.001.<\/p>\n<p>[4] Dufour V., Stahl M. and Baysse C.: The antibacterial properties of isothiocyanates (2015). Microbiology (Reading, England) 161 (Pt 2), S. 229\u2013243. DOI: 10.1099\/mic.0.082362-0.<\/p>\n<p>[5] <a href=\"http:\/\/www.fao.org\/traditional-crops\/moringa\/en\/\">Food and Agriculture Organization of the United Nations: Traditional crops<\/a><\/p>\n<p>[6] <a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC4892312\/pdf\/nuv110.pdf\">Felker P., Bunch R. and Leung AM: Concentrations of thiocyanate and goitrin in human plasma, their precursor concentrations in brassica vegetables, and associated potential risk for hypothyroidism (2016). Nutrition reviews 74 (4), S. 248\u2013258. DOI: 10.1093\/nutrit\/nuv110.<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund steigender Antibiotikaresistenzen ist die Forschung stets auf der Suche nach neuen antimikrobiellen Wirkstoffen. Dabei spielen Naturstoffe, die schon in fr\u00fcheren Zeiten eingesetzt wurden, eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. So etwa gilt Kren \u2013 beziehungsweise die Krenwurzel \u2013 als nat\u00fcrliches Antibiotikum aus dem Garten. Doch wirkt Kren wirklich gegen Mikroben? Die bESSERwisser haben recherchiert. \u00a0 Gesunde [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":2633,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[29],"tags":[344,347,342,346,343,345],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2623"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2623"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2623\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2635,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2623\/revisions\/2635"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2633"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2623"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2623"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2623"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}