{"id":2424,"date":"2020-04-30T19:02:42","date_gmt":"2020-04-30T17:02:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2424"},"modified":"2020-05-01T10:08:22","modified_gmt":"2020-05-01T08:08:22","slug":"wie-entstehen-die-loecher-im-kaese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wie-entstehen-die-loecher-im-kaese\/","title":{"rendered":"Wie entstehen die L\u00f6cher im K\u00e4se?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wie die L\u00f6cher im K\u00e4se entstehen? Dass Mikroorganismen daran beteiligt sind, ist den meisten noch bekannt. Doch welche Kleinstlebewesen dies genau sind, und wovon Anzahl und Gr\u00f6\u00dfe der L\u00f6cher im K\u00e4se abh\u00e4ngen, wissen die wenigsten. Die bESSERwisser haben nachgeforscht.<\/strong><\/p>\n<p>Teilweise gibt es die wildesten Spekulationen dar\u00fcber, wie die L\u00f6cher in unseren K\u00e4se kommen, doch so viel ist sicher: Es sind nicht die M\u00e4use, die die L\u00f6cher in den K\u00e4se fressen, auch wenn es sich manche Kinder in ihrer Fantasie so ausmalen. Und auch die Mitarbeiter der Molkerei mit ihren K\u00e4sebohrern sind nicht daf\u00fcr verantwortlich \u2013 diese Ger\u00e4tschaft dient lediglich zur \u00dcberpr\u00fcfung vom K\u00e4se nach der Herstellung. Tatsache ist, dass Bakterien diesen Job bewerkstelligen.<\/p>\n<h2>K\u00e4se: Alte Tradition<\/h2>\n<p>Es wird vermutet, dass es bereits vor mehreren tausend Jahren in der Jungsteinzeit erste Ans\u00e4tze f\u00fcr die Herstellung von K\u00e4se gab. Der fr\u00fcheste Beweis f\u00fcr K\u00e4seherstellung ist ein Tongef\u00e4\u00df, in dem K\u00e4sespuren nachgewiesen werden konnten, und stammt aus dem 6. Jahrtausend vor Christus [1]. Von den \u00c4gyptern und Griechen wei\u00df man, dass sie K\u00e4se herstellten, ebenso von den R\u00f6mern. Von letzteren ist bekannt, dass sie K\u00e4se durch W\u00fcrzen und Beimengen von Kr\u00e4utern verfeinerten. Die von ihnen entwickelte K\u00e4sekultur wurde im weiteren Verlauf der Geschichte durch die christlichen Kl\u00f6ster bewahrt und weitergegeben.<\/p>\n<h2>Herstellung von K\u00e4se<\/h2>\n<p>Das Prinzip der K\u00e4seproduktion ist simpel: Durch Ans\u00e4uern von Milch kann man ihre festen Bestandteile &#8211; vor allem das Milcheiwei\u00df Kasein sowie Fett, Milchzucker und Mineralstoffe &#8211; von den fl\u00fcssigen trennen. Der Gro\u00dfteil des K\u00e4ses wird aus Kuhmilch hergestellt, seltener wird auch Milch von Schafen, Ziegen oder B\u00fcffeln daf\u00fcr verwendet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"highlight\">\n<p><strong>Die Produktion von K\u00e4se &#8211; auch \u201eK\u00e4sen\u201c genannt &#8211; l\u00e4uft in mehreren Schritten ab:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><strong>Vorbereitung<\/strong>: Die Milch wird zun\u00e4chst gefiltert und pasteurisiert (erhitzt). Eine Ausnahme bildet hier der Rohmilchk\u00e4se, f\u00fcr dessen Herstellung unbehandelte Milch verwendet wird. Anschlie\u00dfend wird durch Hinzuf\u00fcgen oder Abtrennen von Rahm der gew\u00fcnschte Fettgehalt eingestellt.<\/li>\n<li><strong>Milchgerinnung<\/strong>: <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/mikroorganismen-in-der-lebensmittelproduktion\/\">Wie bei der Herstellung anderer Lebensmittel<\/a> kommen auch hier Mikroorganismen zum Einsatz. Die Milch wird mit Milchs\u00e4urebakterien \u2013 so genannten Starterkulturen \u2013 versetzt, es entsteht Frischk\u00e4se. Bei der Herstellung von Schnittk\u00e4se und Hartk\u00e4se wird die Milch mit Lab zum Gerinnen gebracht. Lab ist ein Enzymgemisch, das aus dem Magen von K\u00e4lbern oder biotechnologisch gewonnen wird.<\/li>\n<li><strong>Dicklegen<\/strong>: Beim Dicklegen der Milch werden die Milchproteine gef\u00e4llt, und es entsteht eine gallertartige Masse, die so genannte Dickete. Gleichzeitig bildet sich eine Fl\u00fcssigkeit, die als Molke bezeichnet wird. In weiterer Folge wird der Proteinanteil der Milch zu K\u00e4se weiterverarbeitet.<\/li>\n<li><strong>Formen<\/strong>: Die Dickete wird klein geschnitten \u2013 je fester der K\u00e4se werden soll, umso kleiner die St\u00fccke \u2013 dadurch entsteht der K\u00e4sebruch. Dieser wird dann je nach gew\u00fcnschter Sorte noch erhitzt und kommt daraufhin in sortentypische Formen. Dadurch entstehen die typischen K\u00e4selaibe. Dar\u00fcber hinaus werden diese in speziellen Vorrichtungen gepresst, um die Molke zu entfernen.<\/li>\n<li><strong>Solebad<\/strong>: Anschlie\u00dfend werden die K\u00e4selaibe in einer Salzlake gebadet, um ihnen weiteres Wasser zu entziehen und zur Geschmacksbildung beizutragen.<\/li>\n<li><strong>Reifung<\/strong>: Eine Reifung \u00fcber Tage, Wochen oder Monate hilft dabei, das sortentypische Aroma zu entwickeln.<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<h2>Die L\u00f6cher im K\u00e4se<\/h2>\n<p>Einige K\u00e4sesorten zeichnen sich durch charakteristische L\u00f6cher aus. Kleine L\u00f6cher \u2013 wie etwa jene des Tilsiters \u2013 entstehen, wenn der K\u00e4se nach dem Dicklegen nicht in Formen gepresst wird, sondern nur sanft geschichtet wird. Die lockere Struktur des K\u00e4sebruchs bleibt auch beim H\u00e4rten bestehen und ist von feinen L\u00f6chern durchzogen.<\/p>\n<p>Andere K\u00e4sesorten, wie etwa der Emmentaler, haben relativ gro\u00dfe L\u00f6cher. Diese L\u00f6cher entstehen erst w\u00e4hrend der Reifung des K\u00e4ses. Verantwortlich daf\u00fcr sind Propions\u00e4urebakterien: Diese bauen die von den Milchs\u00e4urebakterien erzeugte Milchs\u00e4ure weiter zu Propions\u00e4ure, Essigs\u00e4ure und Kohlendioxid ab. Das Kohlendioxid kann wegen der harten Textur und Rinde des K\u00e4ses aber nicht entweichen. Es sammelt sich an verschiedenen Stellen im K\u00e4se an und bildet so die L\u00f6cher. Die Propions\u00e4urebakterien verleihen dem K\u00e4se zus\u00e4tzlich einen nussigen, leicht s\u00fc\u00dflichen Geschmack [2].<\/p>\n<h2>Moderne Verfahren in der K\u00e4seproduktion<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend man sich fr\u00fcher darauf verlassen musste, dass sich das Verh\u00e4ltnis und die Zusammensetzung der verschiedenen Bakterien im K\u00e4se von selbst richtig einstellt, ist dieser Prozess heutzutage streng kontrolliert. Die Produktion gro\u00dfer K\u00e4semengen mit einheitlichen, regelm\u00e4\u00dfig verteilten L\u00f6chern ist aber nicht ganz einfach. Reifung und Lochbildung im K\u00e4se m\u00fcssen laufend kontrolliert werden. Da die K\u00e4selaibe aber nicht alle aufgeschnitten werden k\u00f6nnen, um die Qualit\u00e4t zu pr\u00fcfen, wurden in den vergangenen Jahren eigene Technologien daf\u00fcr entwickelt.<\/p>\n<p>Heute kommen verschiedene Methoden der Spektroskopie zum Einsatz, um die Qualit\u00e4t und chemische Zusammensetzung von K\u00e4se zu bestimmen. Zum Erfassen der Verteilung und Gr\u00f6\u00dfe der L\u00f6cher werden R\u00f6ntgenstrahlung oder Computertomographie eingesetzt [3].<\/p>\n<h2>Emmentaler: Schweizer haben R\u00e4tsel gel\u00f6st<\/h2>\n<p>Vor ein paar Jahren konnten Schweizer Forscher das R\u00e4tsel l\u00f6sen, welcher Mechanismus genau f\u00fcr die Ansammlung und Verteilung der L\u00f6cher im Emmentaler K\u00e4se verantwortlich ist. Sie fanden heraus, dass Mikropartikel von Pflanzen \u2013 vermutlich von Heu \u2013 in der Milch verteilt vorliegen. An diesen kleinen Teilchen setzt sich das Kohlendioxid fest, das w\u00e4hrend der Reifung entsteht. Durch Experimente mit filtrierter, unfiltrierter und mit Heupulver versetzter Milch konnten die Wissenschaftler zeigen, dass die Menge an Heupartikel entscheidend f\u00fcr die Anzahl und Gr\u00f6\u00dfe der L\u00f6cher im fertigen Emmentaler ist [4].<\/p>\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Salque M., Bogucki PI, Pyzel J. et al.: Earliest evidence for cheese making in the sixth millennium BC in northern Europe (2013). Nature 493 (7433), S. 522\u2013525. DOI: 10.1038\/nature11698.<\/p>\n<p>[2] Fr\u00f6hlich-Wyder MT, Bisig W., Guggisberg D. et al.: Cheeses With Propionic Acid Fermentation (2017). Cheese: Elsevier, S. 889-910. https:\/\/doi.org\/10.1016\/B978-0-12-417012-4.00035-1<\/p>\n<p>[3] Lei T. and Sun DW: Developments of nondestructive techniques for evaluating quality attributes of cheeses (2019). A review. Trends in Food Science &amp; Technology 88, S. 527\u2013542. DOI: 10.1016\/j.tifs.2019.04.013.<\/p>\n<p>[4] Guggisberg D., Schuetz P., Winkler H. et al.: Mechanism and control of the eye formation in cheese (2015). International Dairy Journal 47, S. 118\u2013127. DOI: 10.1016\/j.idairyj.2015.03.001.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wie die L\u00f6cher im K\u00e4se entstehen? Dass Mikroorganismen daran beteiligt sind, ist den meisten noch bekannt. Doch welche Kleinstlebewesen dies genau sind, und wovon Anzahl und Gr\u00f6\u00dfe der L\u00f6cher im K\u00e4se abh\u00e4ngen, wissen die wenigsten. Die bESSERwisser haben nachgeforscht. 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