{"id":2389,"date":"2020-04-29T16:42:03","date_gmt":"2020-04-29T14:42:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2389"},"modified":"2020-04-29T23:43:33","modified_gmt":"2020-04-29T21:43:33","slug":"koennen-viren-durch-lebensmittel-uebertragen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/koennen-viren-durch-lebensmittel-uebertragen-werden\/","title":{"rendered":"K\u00f6nnen Viren durch Lebensmittel \u00fcbertragen werden?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie gro\u00df ist die Gefahr einer \u00dcbertragung von Viren durch Lebensmittel? Vor allem jetzt in der Corona-Zeit verursacht diese Frage bei vielen gro\u00dfe Unsicherheit. Ob man sich durch offenes Gem\u00fcse aus dem Supermarkt mit SARS-CoV-2 infizieren kann und wie hoch das Risiko bei Essensbestellungen oder beim Essen im Restaurant ist, haben die bESSERwisser recherchiert.<\/strong><\/p>\n<h2>Viren<strong><br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>Bei Viren handelt es sich laut Definition um infekti\u00f6se, organische Strukturen, die sich au\u00dferhalb von Zellen zwar verbreiten, sich ohne geeignete Wirtszellen aber nicht vermehren k\u00f6nnen. Es gibt Viren ohne Membranh\u00fclle (nackte Viren) und solche, die mit einer Lipid-Doppelmembran umh\u00fcllt sind. Die H\u00fclle verleiht einem Virus generell bessere Stabilit\u00e4t gegen\u00fcber Umwelteinfl\u00fcssen. Das erkl\u00e4rt, warum es sich bei den neu auftretenden Viren der letzten gro\u00dfen Pandemien immer um beh\u00fcllte Viren handelte (HI-Virus, Influenzavirus, Ebolavirus, SARS-assoziiertes Coronavirus).<\/p>\n<p>Das Vorhandensein einer H\u00fclle macht Viren jedoch auch angreifbarer: Die H\u00fclle wird beim H\u00e4ndewaschen durch die in Waschmitteln und Seife enthaltenen Tenside zerst\u00f6rt. Dadurch wird das Genom des Virus freigelegt, welches so nicht mehr infekti\u00f6s ist. Noch detailliertere Informationen zu Viren gibt es nachzulesen in <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/de\/wissen\/genetik-und-zellbiologie\/2020-04-02-viren-freunde-oder-feinde-des-menschen\/\">\u201eViren: Freunde oder Feinde des Menschen?\u201c von Open Science.<\/a><\/p>\n<h2>\u00dcbertragung von Viren<\/h2>\n<p>Unterschiedliche Viren haben unterschiedliche Wege der \u00dcbertragung von einem infizierten auf einen gesunden Menschen. Manche Viren werden vor allem sexuell \u00fcbertragen (HIV, Hepatitis B), andere f\u00e4kal-oral, z.B. \u00fcber verschmutztes Wasser (Noroviren, Hepatitis A), und wieder andere \u00fcber die Atemwege durch Tr\u00f6pfcheninfektion (Coronaviren, Influenzaviren).<\/p>\n<p>SARS-CoV-2 wird haupts\u00e4chlich \u00fcber Tr\u00f6pfchen, die beim Niesen oder Husten abgesondert werden, ausgeschieden. \u00dcber Nase, Mund oder Augen kann das Virus in einen neuen Wirt eindringen und dessen Atemwege infizieren. Nachdem Nahrung auch \u00fcber den Mund aufgenommen wird, fragen sich viele, ob die Gefahr besteht, sich \u00fcber Nahrungsmittel beim Essen anzustecken. Bis heute gibt es keinen best\u00e4tigten Fall, in dem SARS-CoV-2 \u00fcber Nahrungsmittel oder deren Verpackung \u00fcbertragen wurde.<\/p>\n<h2>Stabilit\u00e4t von Coronaviren<\/h2>\n<p>Es gibt einige Studien zur Stabilit\u00e4t von Coronaviren und Empfehlungen zum Umgang mit Nahrungsmitteln. Generell sind Coronaviren unter Laborbedingungen bei niedrigen Temperaturen recht stabil, aber sehr hitzeempfindlich.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Hitze und K\u00e4lte:<\/strong> Eine neue Studie zeigt, dass SARS-CoV-2 bei 4\u00b0C selbst nach 14 Tagen noch nachzuweisen ist, bei 70\u00b0C hingegen lag die Zeit bis zur Inaktivierung bei nur 5 Minuten [1].<\/li>\n<li><strong>In der Luft:<\/strong> In Aerosolen (feinen Tr\u00f6pchen), \u00fcber die Coronaviren \u00fcblicherweise \u00fcbertragen werden, sind sie bis zu 3 Stunden lang infekti\u00f6s [2].<\/li>\n<li><strong>Auf Oberfl\u00e4chen:<\/strong> Viele Studien untersuchen zurzeit auch die Haltbarkeit der Viren auf Alltagsgegenst\u00e4nden. Auch wenn Ergebnisse leicht variieren, kamen bislang alle Studien zum Schluss, dass Coronaviren auf weichen Materialien wie Papier nur einige Stunden haltbar sind. Auf Plastik, Glas oder Edelstahl hingegen konnten sie auch nach einigen Tagen noch nachgewiesen werden [1,2,3]. Desinfektionsmittel, vor allem jene mit 60-70% Ethanol, 0,5% Wasserstoffperoxid oder 0,1% Natriumhypochlorit, k\u00f6nnen die Coronaviren aber binnen einer Minute eliminieren [3].<\/li>\n<\/ul>\n<p>In all den angef\u00fchrten Studien wurden die Viren unter optimalen Laborbedingungen gez\u00fcchtet und nachgewiesen. Wie weit diese Ergebnisse auf Alltagssituationen \u00fcbertragbar sind, in denen auch Faktoren wie UV-Licht, Trockenheit und Detergenzien auf die Viren einwirken, wurde nicht untersucht. Auch die virale Dosis von SARS-CoV-2 \u2013 also die Menge an Viren, die n\u00f6tig ist, um eine Person zu infizieren \u2013 ist aktuell noch nicht bekannt.<\/p>\n<h2>\u00dcbertragungsarten von SARS-CoV-2<\/h2>\n<p>Um einen neuen Wirt zu infizieren, muss eine ausreichende Zahl infekti\u00f6ser SARS-CoV-2 Viruspartikel auf dessen Atemwege treffen. Viren, die sich auf Oberfl\u00e4chen befinden, k\u00f6nnen sich nicht von selbst von dort fortbewegen. Coronaviren k\u00f6nnen nur durch direkte \u00dcbertragung in einen neuen Wirt gelangen. Dies kann beispielsweise \u00fcber die \u00a0Hand einer Person, die gerade in frische Tr\u00f6pfchen gegriffen hat und sich danach direkt an den Mund oder die Nase greift, erfolgen. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion auf diesem Weg halten Experten aber f\u00fcr gering, als wahrscheinlichste \u00dcbertragungsart gilt die Tr\u00f6pfcheninfektion [4].<\/p>\n<h2>Empfehlungen zum Umgang mit Nahrungsmitteln<\/h2>\n<p>Aus der Erfahrung mit Ausbr\u00fcchen von verwandten Coronaviren \u00a0wie SARS und MERS Coronaviren, die nicht \u00fcber Lebensmittel \u00fcbertragen wurden, schlie\u00dfen Wissenschaftler, dass sich auch SARS-CoV-2 nicht anders verh\u00e4lt [5]. Die allgemeinen Hygieneregeln zum Umgang und Verarbeitung von Lebensmitteln sollten aber auf jeden Fall eingehalten werden.<\/p>\n<p>Die WHO empfiehlt generell, vor dem Kontakt mit Lebensmitteln zuerst die H\u00e4nde mit Seife zu waschen. So werden schon einmal m\u00f6gliche Keime auf den H\u00e4nden des Koches oder der K\u00f6chin inaktiviert und werden nicht auf das Essen \u00fcbertragen. Erst danach sollen frische Lebensmittel gewaschen und verarbeitet werden. Von der Desinfektion von Lebensmitteln wird abgeraten, da dies zu Allergien f\u00fchren k\u00f6nnte. Auch eine \u00dcbertragung von Coronaviren durch fertig zubereitete Speisen ist sehr unwahrscheinlich. Wichtig ist aber, bei der Abholung oder Lieferung Abstand zu anderen Personen zu halten und sich auch danach gr\u00fcndlich die H\u00e4nde zu waschen [6].<\/p>\n<h2>Andere virale Infektionen durch Lebensmittel<\/h2>\n<p>Auch wenn dies auf SARS-CoV-2 nicht zutrifft, k\u00f6nnen Lebensmittel durchaus andere krankmachende Viren \u00fcbertragen. Die h\u00e4ufigsten viralen Lebensmittelinfektionen werden durch Noroviren und Hepatitis A Viren verursacht. Noroviren sind hoch infekti\u00f6s, schon wenige Viruspartikel k\u00f6nnen eine Magen-Darm-Grippe ausl\u00f6sen. Oft sind die Verl\u00e4ufe aber nur leicht oder asymptomatisch. Hepatitis A verursacht ebenfalls Magen-Darm-Beschwerden, kann aber auch Fieber und eine Leberentz\u00fcndung zur Folge haben. Diese f\u00fcr Lebensmittelinfektionen typische Viren werden vor allem f\u00e4kal-oral \u00fcbertragen, meistens durch infizierte Menschen in der Verarbeitungskette von Lebensmitteln. Aber auch bei der D\u00fcngung oder Bew\u00e4sserung mit verschmutztem Wasser k\u00f6nnen Nahrungsmittel in Kontakt mit Noroviren kommen. Die gr\u00f6\u00dfte Gefahr der Ansteckung ist bei Meeresfr\u00fcchten, frischem Blattgem\u00fcse und Fr\u00fcchten, die nicht gekocht werden [7].<\/p>\n<p>Virale Infektionen durch Lebensmittel werden aufgrund ihres oft milden Verlaufs h\u00e4ufig nicht erkannt. Verunreinigte Speisen, die in gro\u00dfem Ma\u00dfstab zubereitet werden, k\u00f6nnen aber auch zu gro\u00dfen Krankheitsausbr\u00fcchen f\u00fchren. Im Herbst 2012 erkrankten beispielsweise 11.000 Menschen in f\u00fcnf deutschen Bundesl\u00e4ndern an Brechdurchf\u00e4llen infolge von Norovirus-Infektionen. Als Ursache konnten Tiefk\u00fchl-Erdbeeren einer bestimmten Charge identifiziert werden, die an Gro\u00dfk\u00fcchen ausgeliefert worden waren [8].<\/p>\n<p>Um das Risiko von lebensmittelbedingten Infektionen zu minimieren, ist die Einhaltung von Hygienestandards in der Landwirtschaft und nahrungsmittelverarbeitenden Betrieben unerl\u00e4sslich. Im Zweifelsfall ist das Kochen von Lebensmitteln vor dem Verzehr die beste Strategie, um virale Erreger abzut\u00f6ten.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Generell k\u00f6nnen Viren durch Nahrungsmittel \u00fcbertragen werden. Noroviren und Hepatitis A Viren sind die h\u00e4ufigsten Ausl\u00f6ser viraler Nahrungsmittelinfektionen. Im Fall des derzeit grassierenden Coronavirus, SARS-CoV-2, ist die \u00dcbertragung durch Lebensmittel aber sehr unwahrscheinlich. \u00dcbliche Hygienema\u00dfnahmen sollten aber trotzdem unbedingt eingehalten werden. In diesem Sinne: Vor dem Essen \u2013 und Kochen \u2013 H\u00e4ndewaschen nicht vergessen!<\/p>\n<p>[1] <a href=\"https:\/\/www.thelancet.com\/journals\/lanmic\/article\/PIIS2666-5247(20)30003-3\/fulltext\">Chin AWH, Chu JTS, Perera MRA et al.: Stability of SARS-CoV-2 in different environmental conditions (2020). <em>The Lancet Microbe. <\/em><em>DOI: <\/em>10.1016\/S2666-5247(20)30003-3.<\/a><\/p>\n<p>[2]\u00a0<a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pmc\/articles\/PMC7121658\/pdf\/NEJMc2004973.pdf\">van Doremalen N., Bushmaker T., Morris DH et al.: Aerosol and Surface Stability of SARS-CoV-2 as Compared with SARS-CoV-1 (2020). <em>The New England journal of medicine <\/em>382 (16), S. 1564\u20131567. DOI: 10.1056\/NEJMc2004973.<\/a><\/p>\n<p>[3] <a href=\"https:\/\/www.journalofhospitalinfection.com\/action\/showPdf?pii=S0195-6701%2820%2930046-3\">Kampf G., Todt, D., Pfaender S. and Steinmann E.: Persistence of coronaviruses on inanimate surfaces and their inactivation with biocidal agents (2020). <em>The Journal of hospital infection <\/em>104 (3), S. 246\u2013251. DOI: 10.1016\/j.jhin.2020.01.022.<\/a><\/p>\n<p>[4] Bundesinstitut f\u00fcr Risikobewertung: <a href=\"https:\/\/www.bfr.bund.de\/de\/kann_das_neuartige_coronavirus_ueber_lebensmittel_und_gegenstaende_uebertragen_werden_-244062.html\">https:\/\/www.bfr.bund.de\/de\/kann_das_neuartige_coronavirus_ueber_lebensmittel_und_gegenstaende_uebertragen_werden_-244062.html<\/a>, abgerufen: 28.04.2020<\/p>\n<p>[5] <a href=\"https:\/\/www.efsa.europa.eu\/de\/news\/coronavirus-no-evidence-food-source-or-transmission-route\">EFSA:\u00a0Coronavirus: keine Anhaltspunkte, dass Lebensmittel eine Quelle f\u00fcr eine Infektion oder ein \u00dcbertragungsweg sind,\u00a0<\/a>abgerufen: 28.04.2020<\/p>\n<p>[6] <a href=\"https:\/\/www.lebensmittelverband.de\/de\/lebensmittel\/sicherheit\/coronavirus-sars-cov-2-und-lebensmittel-fragen-und-antworten\">Lebensmittelverband Deutschland<\/a>, abgerufen: 28.04.2020<\/p>\n<p>[7] Bosch A., Gkogka E., Le Guyader FS et al.: Foodborne viruses. Detection, risk assessment, and control options in food processing (2018). <em>International journal of food microbiology <\/em>285, S. 110\u2013128. DOI: 10.1016\/j.ijfoodmicro.2018.06.001.<\/p>\n<p>[8] <a href=\"https:\/\/www.bfr.bund.de\/de\/norovirus_ausbruch_2012-133211.html\">Bundesinstitut f\u00fcr Risikobewertung:\u00a0Norovirus-Ausbruch 2012,\u00a0<\/a>abgerufen: 28.04.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie gro\u00df ist die Gefahr einer \u00dcbertragung von Viren durch Lebensmittel? Vor allem jetzt in der Corona-Zeit verursacht diese Frage bei vielen gro\u00dfe Unsicherheit. Ob man sich durch offenes Gem\u00fcse aus dem Supermarkt mit SARS-CoV-2 infizieren kann und wie hoch das Risiko bei Essensbestellungen oder beim Essen im Restaurant ist, haben die bESSERwisser recherchiert. Viren [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":2397,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[30],"tags":[284,287,142,286,285],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2389"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2389"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2389\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2400,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2389\/revisions\/2400"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/2397"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}