{"id":2273,"date":"2020-03-20T11:24:23","date_gmt":"2020-03-20T10:24:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2273"},"modified":"2020-03-26T11:03:28","modified_gmt":"2020-03-26T10:03:28","slug":"warum-naehrstoffe-im-essen-so-wichtig-geworden-sind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/warum-naehrstoffe-im-essen-so-wichtig-geworden-sind\/","title":{"rendered":"Warum N\u00e4hrstoffe im Essen so wichtig (geworden) sind"},"content":{"rendered":"<p>Aroniabeeren haben aufgrund ihrer Inhaltstoffe einen positiven Effekt auf unsere Gesundheit. Solche und \u00e4hnliche Aussagen sind in unserer Gesellschaft omnipr\u00e4sent und werden nahezu unhinterfragt von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen aufgenommen. Die Expertenseite argumentiert mittlerweile immer wieder gegen eine solche eindimensionale Sichtweise zur Beziehung zwischen Nahrung und Gesundheit. Aber welche Annahmen und Vorstellungen stecken eigentlich hinter solchen Slogans? Wie pr\u00e4gt der starke Fokus auf N\u00e4hrstoffe im Essen unsere allt\u00e4gliche Ern\u00e4hrung und die Wahrnehmung unserer K\u00f6rper? Und welche Konsequenzen hat dieser auf die Nahrungsmittelherstellung? Die bESSERwisser sind diesen Fragen nachgegangen.<\/p>\n<h2>Was uns am Essen wichtig ist<\/h2>\n<p>Es gibt unterschiedliche Aspekte, nach denen wir Essen bewerten: Den Grad der Verarbeitung, die Art der Haltbarmachung (frisch oder konserviert), die Herkunft (Pflanzen, Tiere) und die Methode der Produktion (Bio, traditionell, industriell, etc.). Aber auch unsere sinnlichen und verk\u00f6rperten Erfahrungen und die kulturelle oder \u00f6konomische Bedeutung bestimmter Lebensmittel &#8211; wie beispielsweise Reis in Asien &#8211; flie\u00dfen hier mit ein. Seit dem sp\u00e4ten 19. Jahrhundert gibt es einen weiteren Fokus: Den auf die im Essen enthaltenen N\u00e4hrstoffe und dessen biochemische Zusammensetzung. Auch die Beziehung unserer Nahrung mit bestimmten k\u00f6rperlichen Funktionen sowie Gesundheit und Krankheit ist in den Vordergrund ger\u00fcckt.<\/p>\n<h2>Das Nutritionism-Paradigma<\/h2>\n<p>Der Sozialwissenschaftler Gyorgy Scrinis untersuchte das Ph\u00e4nomen der verst\u00e4rkten Wahrnehmung von Nahrung in Hinsicht auf ihre Bestandteile\/N\u00e4hrstoffe und bezeichnete es als Nutritionism-Paradigma [1, 2]. Darunter f\u00e4llt auch die Annahme einer kausalen Verbindung von gewissen Inhaltsstoffen mit k\u00f6rperlicher Gesundheit oder Krankheit. Ganze Di\u00e4ten und Ern\u00e4hrungsweisen, wie die momentan propagierte Ketogene Di\u00e4t, basieren auf einer ausgekl\u00fcgelten Komposition bestimmter Inhalts- oder N\u00e4hrstoffe. Zudem wird Nahrung selbst als dominante Bewertungsgrundlage f\u00fcr Gesundheit herangezogen, was zu einer \u00dcberbewertung der Wirksamkeit von einzelnen \u201egesunden\u201c Nahrungsmitteln f\u00fchrt. So feiern wir in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden sogenanntes \u201esuper food\u201c wie Oliven\u00f6l, Chiasamen oder die Acerola Kirsche. Andere Nahrungsmittel wie etwa Eier hingegen werden wegen ihrer angeblich negativen Auswirkungen auf den Cholesterinspiegel abgewertet.<\/p>\n<p>Das Nutritionism-Paradigma basiert also auf der stark reduktionistischen Denkweise. Demnach wird ein System durch seine Einzelbestandteile (Elemente) vollst\u00e4ndig bestimmt und wirkt losgel\u00f6st vom Nahrungsmittel, Ern\u00e4hrungsweisen und k\u00f6rperlichen Prozessen. Ein Vitamin erf\u00fcllt so gesehen beispielsweise immer seine Funktion als Vitamin, egal in welchem Nahrungsmittel es vorkommt. Es hat deshalb auch immer die gleichen Vorteile oder Risiken in Hinsicht auf die Gesundheit. Komplexe Interaktionen zwischen Inhaltsstoffen und dem K\u00f6rper werden hierbei durch einen simplen Fokus auf die Wirkungsweise einzelner Inhaltsstoffe ersetzt.<\/p>\n<h2>Das neue Feld der Nutrigenomik<\/h2>\n<p>Die Entwicklungen im Bereich der Nutrigenomik gehen in dieser Hinsicht noch einen Schritt weiter, von der Betrachtung des biochemischen hin zum genetischen Level. Hier wird analysiert, wie gewisse Inhaltsstoffe mit Genen interagieren, um so eine noch pr\u00e4zisere, optimierte und individualisierte Ern\u00e4hrungsempfehlung abgeben zu k\u00f6nnen. Die bESSERwisser haben dieses Thema bereits im Artikel <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/gene-und-ernaehrung-essen-was-den-genen-schmeckt\/\">Gene und Ern\u00e4hrung: Essen, was den Genen \u201eschmeckt\u201c?<\/a> ausf\u00fchrlich behandelt.<\/p>\n<p>Obwohl das Forschungsgebiet erst ganz am Anfang steht, bieten schon zahlreiche Firmen im Rahmen von sogenannten direct-to-consumer Gentests Ern\u00e4hrungsberatung auf der Basis des individuellen genetischen Profils der Kunden an. Momentan gibt es einige wenige Gene, deren eindeutige ph\u00e4nogenetische Auswirkungen bekannt sind, zum Beispiel jene, die der Laktoseintoleranz oder der Koffeinverstoffwechselung zugrunde liegen. Daneben ist es jedoch fragw\u00fcrdig, welche Aussagen solche eindimensionale Tests liefern und welchen tats\u00e4chlichen Nutzen diese f\u00fcr das Individuum haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<h2>Funktionale K\u00f6rper \u2013 funktionales Essen<\/h2>\n<p>Die beschriebenen Vorstellungen speisen gegenw\u00e4rtig dominante Sichtweisen in der \u00d6ffentlichkeit, die andere Formen der Begegnung mit und Bewertung von Essen verdr\u00e4ngen oder unterdr\u00fccken. Sie beg\u00fcnstigen aber auch eine Sichtweise auf Essen, bei der seine k\u00f6rperliche Funktion im Vordergrund steht.<\/p>\n<p>Ein Verst\u00e4ndnis vom K\u00f6rper, der wie eine Maschine funktioniert, ist nicht neu. Aber in Bezug auf Ern\u00e4hrung\u00a0 bewegte sich dieses in den letzten Jahrzehnten immer st\u00e4rker ins Zentrum von Alltagsdiskursen und Konsumpraktiken. Funktionale K\u00f6rper sind auch die Basis f\u00fcr den Erfolg von Functional food. Man denke an die Visualisierungen der Funktionsweise probiotischer Joghurts und darin enthaltener Mikroorganismen im K\u00f6rper.<\/p>\n<h2>Messen von N\u00e4hrstoffen im Essen<strong><br \/>\n<\/strong><\/h2>\n<p>Neue technische Ger\u00e4te erm\u00f6glichen es, die Zusammensetzung von Nahrungsmitteln pr\u00e4zise zu messen und zu quantifizieren. Auf dieser Basis werden die enthaltenen Komponenten mit jenen anderer Lebensmittel verglichen und bewertet. Dies wiederum f\u00fchrt dazu, dass bestimmte Inhaltsstoffe gezielt Nahrungsmitteln beigemengt werden, in denen diese urspr\u00fcnglich gar nicht vorkommen. Solche hoch verarbeiteten Lebensmittel werden als Functional Food bezeichnet. Sie erlangen im Gegensatz zu traditioneller, unverarbeiteter Nahrung durch Zus\u00e4tze ein sehr hohes N\u00e4hrstoffprofil und k\u00f6nnen auf \u201eModestr\u00f6mungen\u201c in der Ern\u00e4hrungsbranche schnell reagieren. Die Kehrseite dieser Entwicklungen reicht von der Abwertung bis zur Verdr\u00e4ngung von traditioneller und unverarbeiteter Nahrung aufgrund ihres \u201eschlechteren\u201c N\u00e4hrstoffprofils.<\/p>\n<h2>N\u00e4hrstoffe im Essen und die Lebensmittelindustrie<\/h2>\n<p>Der Fokus auf N\u00e4hrstoffen im Essen und ihren positiven Einfluss auf die Gesundheit ist nat\u00fcrlich auch ein Mittel, um Lebensmittel zu vermarkten. Das Produkt wird dabei mit einer \u201en\u00e4hrwertbezogenen Fassade&#8220; wie beispielsweise niedrigem Fettgehalt oder hohem Proteinanteil ausgestattet und gezielt damit beworben. Durch den Fokus auf ein oder zwei Inhaltsstoffe wird sowohl vom gesamten N\u00e4hrstoffprofil als auch von der &#8211; oft minderen &#8211; Qualit\u00e4t und Charakteristik des Nahrungsmittels abgelenkt. Sogar stark verarbeitetes Essen wird m\u00f6glicherweise aufgrund von beigemengten Inhaltsstoffen als gesund wahrgenommen. Damit entsteht auf der Basis von kommerziellen Logiken und Interessen der Lebensmittelindustrie ein Bedarf an derart bearbeiteten Produkten und wird an die Charakteristiken des Agrar- und Lebensmittelsystems angeglichen.<\/p>\n<h2>Nutrizentrierte Individuen<\/h2>\n<p>In der Sph\u00e4re der allt\u00e4glichen Erfahrungen mit und Bewertungen von Essen hat sich also ein \u201en\u00e4hrwertbezogener Blick\u201c auf Lebensmittel etabliert. Das erzeugt widerspr\u00fcchliche Tendenzen im Individuum: Einerseits ein Gef\u00fchl der Abh\u00e4ngigkeit, Machtlosigkeit und Verwirrtheit, andererseits jedoch die Vorstellung, ein aktives, erm\u00e4chtigtes und kritisch-informiertes Individuum zu sein. Das kann zu Unsicherheiten und \u00c4ngsten f\u00fchren. Die Abh\u00e4ngigkeit von wissenschaftlicher Expertise steigt, und Menschen werden empf\u00e4nglicher f\u00fcr Marketingbehauptungen, die auf Inhaltsstoffe und ihre Wirkweise fokussieren. Damit entstehen neue Bed\u00fcrfnissen und die Vorstellung, dass Menschen einen Bedarf an Informationen und Bewertungen auf dieser Basis haben.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Wie erleben heute eine gesellschaftliche Entwicklung, in der Menschen Nahrung immer st\u00e4rker in Hinsicht auf ihre einzelnen Bestandteile\/N\u00e4hrstoffe und deren Wirkung auf ihre Gesundheit begreifen. Diese neue Str\u00f6mung wird als Paradigma des Nutritionism bezeichnet. Andere Arten, mit Essen umzugehen &#8211; traditionell, kulturell, sinnlich, \u00f6kologisch &#8211; spielen vor diesem Hintergrund eine untergeordnete Rolle. Die Lebensmittelindustrie nutzt und festigt das neue Credo, und sowohl Superfood als auch Functional Food werden mit entsprechenden Marketingstrategien beworben.<\/p>\n<p>Der tats\u00e4chliche Nutzen dieser Lebensmittel f\u00fcr unsere Gesundheit ist jedoch fraglich. Dieser sollte immer im Kontext der restlichen Ern\u00e4hrung und zahlreichen anderen Faktoren, wie beispielsweise der Qualit\u00e4t des Anbaus und der Verarbeitung des Produktes, beurteilt werden.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>[1] Scrinis, G. (2008). On the Ideology of Nutritionism. <em>Gastronomica<\/em>, 8(1), 39-48.<\/p>\n<p>[2] Scrinis, G. (2013). Nutritionism: the science and politics of dietary advice. Columbia University Press.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aroniabeeren haben aufgrund ihrer Inhaltstoffe einen positiven Effekt auf unsere Gesundheit. Solche und \u00e4hnliche Aussagen sind in unserer Gesellschaft omnipr\u00e4sent und werden nahezu unhinterfragt von B\u00fcrgern und B\u00fcrgerinnen aufgenommen. Die Expertenseite argumentiert mittlerweile immer wieder gegen eine solche eindimensionale Sichtweise zur Beziehung zwischen Nahrung und Gesundheit. 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