{"id":2220,"date":"2019-12-02T15:32:33","date_gmt":"2019-12-02T14:32:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2220"},"modified":"2019-12-02T15:32:33","modified_gmt":"2019-12-02T14:32:33","slug":"hilft-alkohol-bei-der-verdauung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/hilft-alkohol-bei-der-verdauung\/","title":{"rendered":"Hilft Alkohol bei der Verdauung?"},"content":{"rendered":"<p>Besonders zu Festtagen isst man oft mehr, als einem guttut, und ein unangenehmes V\u00f6llegef\u00fchl ist die Folge. Die weit verbreitete Meinung, hochprozentiger Alkohol helfe der Verdauung, l\u00e4sst viele nach dem Essen zu Schnaps greifen. Aber stimmt es \u00fcberhaupt, dass ein Digestif die Verdauung f\u00f6rdert? Und wie ist das mit dem V\u00f6llegef\u00fchl? Die bESSERwisser haben recherchiert.<\/p>\n<h1>Was bewirkt Alkohol im K\u00f6rper?<\/h1>\n<p>Bei Alkohol handelt es sich chemisch gesehen um Ethanol, dessen Abbauprodukte auf den menschlichen K\u00f6rper giftig wirken. Die Aufnahme von Alkohol beginnt bereits beim Trinken im Mund \u00fcber die Schleimh\u00e4ute. Den Gro\u00dfteil nimmt aber etwas sp\u00e4ter die Magenschleimhaut auf, und \u00fcber die Blutbahn gelangt der Alkohol zu den inneren Organen. Etwa eine Stunde nach dem Alkoholgenuss ist die gr\u00f6\u00dfte Konzentration im Blut nachweisbar und nimmt dann langsam wieder ab.<\/p>\n<p>Der Alkohol wird bis zu 98% in der Leber abgebaut, und im Durchschnitt sinkt seine Konzentration im Blut um etwa 0,1 Promille pro Stunde. Mehr schafft die Leber nicht, und auch diverse Tricks und Wundermittel beschleunigen den Abbau nicht. So hilft es weder, viel Wasser zu trinken, noch Unmengen an Kaffee zu sich zu nehmen oder Sauerstoff zu tanken, um schneller wieder auszun\u00fcchtern &#8211; die Abbaukapazit\u00e4t der Leber ver\u00e4ndert sich nicht. Minimale Mengen an Alkohol werden zwar \u00fcber Lunge, Haut und Niere ausgeschieden, allerdings ist das im Verh\u00e4ltnis zu dem, was die Leber leisten muss, verschwindend wenig. In der Leber ist vor allem das Enzym Alkoholdeydrogenase (ADH) am Alkoholabbau beteiligt. Als Abbauprodukt entsteht Acetaldehyd, das f\u00fcr den \u201eKater\u201c am Morgen danach verantwortlich ist und sich in Form von Kopfschmerzen, \u00dcbelkeit und Schwindel bemerkbar macht. Das Zellgift Acetaldehyd muss vom K\u00f6rper weiter zerlegt werden und wird mittels Aldehyddehydrogenase (ALDH) in Essigs\u00e4ure umgewandelt und wird schlussendlich als Kohlendioxid und Wasser ausgeschieden. [1]<\/p>\n<h1>Alkohol, die Stoffwechselbremse<\/h1>\n<p>Da w\u00e4hrend des Alkoholabbaus im K\u00f6rper keine anderen Stoffwechselvorg\u00e4nge ablaufen k\u00f6nnen, werden bei Alkoholkonsum Verdauung, Fettverbrennung und Muskelaufbau ausgebremst. \u00a0Das Essen liegt au\u00dferdem l\u00e4nger und schwerer im Magen, da der Weitertransport in den D\u00fcnndarm gestoppt wird.<\/p>\n<ul>\n<li>Bereits im Jahr 2000 konnte eine spanische Studie zeigen, dass Alkohol die Verdauung nicht f\u00f6rdert. [2]<\/li>\n<li>2010 untersuchte eine Schweizer Studie an zwanzig Testpersonen, wie sich Alkoholkonsum w\u00e4hrend des Essens auf die Verdauung auswirkt. W\u00e4hrend eines \u2013 f\u00fcr die Schweiz typischen &#8211; K\u00e4sefondues mit 200 Gramm K\u00e4se und 100 Gramm Wei\u00dfbrot pro Person trank die eine Gruppe ein Glas Wei\u00dfwein, die anderen Teilnehmer eine Tasse Schwarztee zum Essen. Eineinhalb Stunden nach der Mahlzeit bekamen die Weintrinker zus\u00e4tzlich ein Gl\u00e4schen Schnaps, die Teetrinker tranken Wasser. Um wissenschaftlich zu testen, wie schnell die Verdauung funktioniert, wurde der Fonduek\u00e4se mit C-13-Istopen markiert. Der Abbau der Nahrung in Magen und Darm wurde mittels Atemtests erfasst. Dabei konnte festgestellt werden, dass Alkohol die Verdauung nicht beschleunigt, das Gegenteil war der Fall: Es verlangsamte sie sogar. Die Teilnehmer, die Alkohol getrunken hatten,\u00a0 klagten au\u00dferdem \u00fcber V\u00f6llegef\u00fchl. [3] Diesem Fakt liegt die Tatsache zugrunde, dass Alkohol zuerst abgebaut werden muss, bevor die Verdauung starten kann. Somit liegt das Essen bei Alkoholkonsum entgegen vieler Meinungen l\u00e4nger und schwerer im Magen.<\/li>\n<\/ul>\n<h1>Entspanntes Gef\u00fchl<\/h1>\n<p>Alkohol, vor allem sehr hochprozentiger, kann dennoch ein entspanntes Gef\u00fchl nach einer \u00fcppigen Mahlzeit vermitteln: Er erweitert die Blutgef\u00e4\u00dfe und \u00fcbt eine entspannende Wirkung auf Muskelzellen aus. So wird der Magenmuskel nach einem Schnaps lokerer, das V\u00f6llegef\u00fchl wird weniger, und man f\u00fchlt sich leichter. Allerdings ist das nur eine gef\u00fchlte Leichtigkeit, denn in Wahrheit steht die Verdauung solange still, bis der Alkohol abgebaut ist. Nur in sehr geringen Konzentrationen konnte hier ein positiver Effekt auf die Verdauung gemessen werden. Ein kleines Glas Bier oder weniger als ein Achtel Wein regen die Schleimhautzellen im Magen dazu an, mehr S\u00e4ure zu produzieren. [4]<\/p>\n<h1>Verdauung f\u00f6rdern mit Kr\u00e4utern<\/h1>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit Kr\u00e4uterlik\u00f6ren oder Kr\u00e4uterschn\u00e4psen. Diese unterst\u00fctzen die Verdauung, allerdings durch die darin enthaltenen Kr\u00e4uter, und nicht durch den Alkohol. Eine Tasse Kr\u00e4utertee \u00a0w\u00fcrde hier denselben Zweck ebenso oder sogar noch besser erf\u00fcllen. Pfefferminztee oder Fencheltee wirken durch ihre \u00e4therischen \u00d6le positiv auf die Verdauung. Eine Tasse Kaffee wirkt ebenfalls positiv auf die Bildung von Magens\u00e4ure und f\u00f6rdert so die Verdauung. In einer Studie konnten Extrakte aus Ingwer, Pfefferminze, Anis, Fenchel, Zitrusfr\u00fcchte, L\u00f6wenzahn, Artischocke, Melisse und Kamille eine positive Wirkung auf die Verdauung zeigen. [5]<\/p>\n<p>Auch ein Spaziergang nach \u00fcppigem Essen kann eine gute Alternative zu einem Schnaps sein, da durch die Bewegung der Darm indirekt massiert wird. [6]<\/p>\n<h1>Fazit<\/h1>\n<p>Die Annahme, dass ein Schnaps nach dem Essen die Verdauung f\u00f6rdert, stimmt nicht. Im Gegenteil, das Essen liegt bei gleichzeitigem Genuss von Hochprozentigem sogar l\u00e4nger im Magen. Geringe Mengen an Wein oder Bier hingegen wirken sich positiv auf die Bildung von Verdauungss\u00e4ften aus. Kr\u00e4utertees, Bitterstoffe oder ein Spaziergang helfen besser als Alkohol, um ein \u00fcppiges Essen leichter zu verdauen.<\/p>\n<pre>Quellen\r\n[1] <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007%2F978-3-662-05657-8_8\">https:\/\/link.springer.com\/chapter\/10.1007%2F978-3-662-05657-8_8<\/a>\r\n[2]<a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pubmed\/22010973\">Bujanda L.: The effects of alcohol consumption upon the gastrointestinal tract. DOI: 10.1111\/j.1572-0241.2000.03347.x<\/a>\r\n[3]<a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pubmed\/21156747\">Heinrich H., Goetze O., Menne D., et al.: Effect on gastric function and symptoms of drinking wine, black tea, or schnapps with a Swiss cheese fondue: randomised controlled crossover trial, BMJ. 2010 Dec 14;341:c6731. doi: 10.1136\/bmj.c6731.<\/a> \r\n[4]<a href=\"https:\/\/www.uni-heidelberg.de\/uni\/presse\/RuCa1_97\/singer.htm\">https:\/\/www.uni-heidelberg.de\/uni\/presse\/RuCa1_97\/singer.htm<\/a>\r\n[5]<a href=\"https:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pubmed\/22010973\">Valussi M.:Functional foods with digestion-enhancing properties, DOI:10.3109\/09637486.2011.627841<\/a>\r\n[6] <a href=\"https:\/\/www.gesund-vital.de\/hilft-alkohol-der-verdauung\">https:\/\/www.gesund-vital.de\/hilft-alkohol-der-verdauung\r\n<\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Besonders zu Festtagen isst man oft mehr, als einem guttut, und ein unangenehmes V\u00f6llegef\u00fchl ist die Folge. 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