{"id":2183,"date":"2019-08-28T11:45:58","date_gmt":"2019-08-28T09:45:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2183"},"modified":"2019-08-28T11:45:58","modified_gmt":"2019-08-28T09:45:58","slug":"nahrungstabus-warum-wir-nicht-alles-essen-was-wir-koennten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/nahrungstabus-warum-wir-nicht-alles-essen-was-wir-koennten\/","title":{"rendered":"Nahrungstabus \u2013 warum wir nicht alles essen, was wir k\u00f6nnten"},"content":{"rendered":"<p>Als Allesfresser befindet sich der Mensch in der Situation, grunds\u00e4tzlich nahezu alles essen und verdauen zu k\u00f6nnen. Nichtsdestotrotz gibt es in unterschiedlichen Kulturen oder sozialen Gruppen eine Vielzahl an Nahrungstabus \u00a0&#8211; darunter versteht man bindende, meist informelle und verinnerlichte Vorschriften, bestimmte Tiere, Pflanzen oder Pilze nicht zu essen. Die bESSERwisser recherchieren wie Nahrungstabus in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Literatur erkl\u00e4rt werden.<\/p>\n<p>Es gibt kein Nahrungstabu, das absolute und universelle G\u00fcltigkeit hat. Oftmals sind Nahrungstabus f\u00fcr Au\u00dfenstehende sogar schwer nachzuvollziehen und zu respektieren. Das deutet darauf hin, dass diese nicht physiologisch verankert, sondern kulturell und sozial erworben und erlernt sind. Nahrungstabus betreffen in erster Linie Fleisch, obwohl auch Pflanzen, wie beispielsweise die Bohne im antiken Griechenland, einem Nahrungstabu unterlag. Besonders strikt erscheinen religi\u00f6se Nahrungstabus, wie das Verbot Rinder zu essen und zu schlachten im Hinduismus. Betrachten wir aber die in unseren Breiten tiefgehende Ablehnung, Hunde- und Katzenfleisch zu verzehren, wird klar, dass diese nicht religi\u00f6s motiviert sein mu\u00df.<\/p>\n<p>Doch wie kann man Nahrungstabus erkl\u00e4ren? Wie entstehen sie und warum? Ein Blick in die klassischen Theorien zur Erkl\u00e4rung von Nahrungstabus zeigt, dass je nach Theoriengeb\u00e4ude und disziplin\u00e4rem Background die Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze durchaus variabel sind.<\/p>\n<h2>Verweigerung von Nahrung aus praktischen Gr\u00fcnden<\/h2>\n<p>Das rationalistische oder kulturmaterialistische Modell [1] geht davon aus, dass Nahrungstabus zuallererst auf materiellen Ursachen beruhen. Dahinter steht die Annahme, dass Individuen\/Gesellschaften die (begrenzten) Nahrungsressourcen rational und m\u00f6glichst effizient nutzen und sich damit optimal an die gegebenen Umweltbedingungen anpassen. Somit weisen jene Nahrungsmittel, die bevorzugt werden, auch eine bessere Kosten-Nutzen Bilanz auf. Das j\u00fcdische Schweinefleischtabu beispielsweise wird damit erkl\u00e4rt, dass durch die Entwicklung des Ackerbaus das Schwein zum Nahrungskonkurrenten des Menschen wurde, weil es im Stall gehalten von Getreide ern\u00e4hrt werden muss. Es erzeugt keine Nebenprodukte wie Wolle und kann auch nicht als Arbeitstier eingesetzt werden. Deshalb wurde es aus rationalen und \u00f6konomischen Gr\u00fcnden als zu kostspielig angesehen und im Laufe der Zeit tabuisiert.<\/p>\n<h2>Nahrungstabus haben eine Funktion<\/h2>\n<p>Rationalistische Ans\u00e4tze lassen jedoch die Frage offen, warum auch Tiere, die kaum verzehrt wurden, verboten waren. Eine Antwort bietet die funktionalistische oder schichttheoretische Sichtweise [2, 3]. Diese geht davon aus, dass das jeweilige Ern\u00e4hrungsverhalten t\u00e4glich den Platz des Individuums in der sozialen Ordnung (Gesellschaft) best\u00e4tigt. Tabus fungieren hier als Tr\u00e4ger von Regeln und Normen, die auch zur Abgrenzung gegen\u00fcber \u201eden Anderen\u201c (Individuen, Gruppen, Gesellschaften etc.) dienen. Somit interessieren sich VertreterInnen dieses Ansatzes nicht unbedingt f\u00fcr das Nahrungstabu als solches und warum gerade ein spezielles Nahrungsmittel tabuisiert wird und nicht ein anderes, sondern vielmehr f\u00fcr dessen Funktion in der gesellschaftlichen Ordnung und Hierarchie. Das Schweinefleischtabu diente demnach der Etablierung einer kollektiven j\u00fcdischen Identit\u00e4t und damit der Abgrenzung von anderen Gesellschaften bzw. sozialen\/religi\u00f6sen Gruppen.<\/p>\n<h2>Klassifizieren von Nahrung f\u00fcr die soziale Ordnung<\/h2>\n<p>Auch strukturalistische Ans\u00e4tze [4, 5] wollen anhand von Nahrungsmitteltabus die Konstruktionsprinzipien sozialer Ordnungen verstehen. Nahrungstabus stellen f\u00fcr sie ein Mittel dar, eine gedachte Ordnung in der Gesellschaft zu etablieren und zu festigen. Zu diesem Zweck werden Klassifizierungen, wie rein und unrein, gebildet und mit bestimmten Kriterien versehen. Im dritten \u00a0Buch Mose ist solch eine Kategorisierung besonders augenscheinlich: <em>\u201e<\/em><em>Alles, was die Klauen spaltet und wiederk\u00e4ut unter den Tieren, das sollt ihr essen \u2026 Die Kaninchen wiederk\u00e4uen wohl, aber sie spalten die Klauen nicht; darum sind sie unrein.<\/em> <em>Und ein Schwein spaltet wohl die Klauen, aber es wiederk\u00e4ut nicht; darum soll&#8217;s euch unrein sein\u201c <\/em><em>(<\/em><em>3. Buch Mose 11).<\/em> In diesem Fall werden jene Tiere, die nicht zuordenbar sind oder vermischtes darstellen, abgelehnt. Leach (1974) arbeitet mit anderen Klassifizierungen, n\u00e4mlich fremd und verwandt. In seiner Perspektive werden sowohl Tiere, die zu wild und fremd (Raubtiere), als auch jene, die zu nahe (Scho\u00dftiere) sind, nicht gegessen.<\/p>\n<h2>Nahrung als Tr\u00e4ger von moralischen Prinzipien<\/h2>\n<p>Der kommunikationstheoretische Ansatz [6] sieht Nahrungstabus haupts\u00e4chlich als Ausdruck moralischer Normen, deren Kraft stark handlungsmotivierend wirkt. Diese Erkl\u00e4rung zur Handlungsmotivation fehlt beispielsweise in strukturalistischen Ans\u00e4tzen. Das moralische Bewusstsein einer Gesellschaft zeigt sich in kulturell tief sitzenden und zugleich emotional hoch besetzten Essverboten. F\u00fcr Eder entstehen Klassifikationen auf der Basis von kollektiven moralischen Vorstellungen. Tiere fungieren hier als Symbole und Stellvertreter, wie ein soziales Zusammenleben aussehen soll. Ein Beispiel daf\u00fcr ist das moralische Problem des T\u00f6tens. Wenn nur pflanzenfressende Tiere wie Wiederk\u00e4uer gegessen werden d\u00fcrfen, wird das Prinzip des Nichtt\u00f6tens zumindest symbolisch gest\u00e4rkt.<\/p>\n<h2>Nahrungstabus sind vielschichtig<\/h2>\n<p>Neuere, soziologisch orientierte Richtungen [7] sprechen sich f\u00fcr eine empirische Theorienbildung aus, um dieses Ph\u00e4nomen ad\u00e4quat untersuchen zu k\u00f6nnen. In ihrem Verst\u00e4ndnis gibt es keine einzig richtige oder falsche Theorie. Antworten m\u00fcssten sich aus der wissenschaftlichen Untersuchung des jeweiligen Falls ableiten und k\u00f6nnten nicht generalisiert werden: <em>\u201eEs ist h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass so unterschiedlichen Ph\u00e4nomenen wie dem T\u00f6tungsverbot von Rindern in Indien, der Ablehnung von Pferdefleisch in Nordeuropa, dem Widerwillen gegen Hunde- und Katzenfleisch in Europa und Nordamerika und dem mosaischen und islamischen Schweinefleischtabu jeweils das gleiche verursachende Prinzip zugrunde\u00a0 liegt.\u201c <\/em>(105)<\/p>\n<p>Es wird davon ausgegangen, dass gewisse ablehnende Praktiken bez\u00fcglich der Nahrungsmittelwahl schon vor den Nahrungsvorschriften bestanden. Diese dienten dann oftmals einer nachtr\u00e4glichen verstandesm\u00e4\u00dfigen Rechtfertigung, die jedoch eine Eigendynamik annehmen kann. Tabus sind also nicht stabil und folgen auch nicht einer Logik. Sie wirken weiter fort, werden funktionalisiert d.h. erf\u00fcllen zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt einen anderen, neuen sozialen Zweck. Trotz ihrer Dynamik sind sie, wenn einmal etabliert, hochstabil, weil sie auf einem Gefahrenglauben basieren, der in tief verwurzelten \u00dcberzeugungen fu\u00dft. Etwaige \u00dcbertretungen k\u00f6nnen dann oft nicht mehr rational eingesch\u00e4tzt werden, weil sie der Welt des Unbewussten, Religi\u00f6sen oder Magischen liegen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend kann gesagt werden, dass Erkl\u00e4rungsversuche immer mehrdimensional sein m\u00fcssen, weil Tabus komplex und Motive ver\u00e4nderbar sind.<\/p>\n<h5>Referenzen<\/h5>\n<p>[1] Harris, M. (1988). <em>Wohlgeschmack und Widerwillen: die R\u00e4tsel der Nahrungstabus<\/em>. Klett-Cotta, Stuttgart.<\/p>\n<p>[2] Pierre Bourdieu, P. (1982). <em>Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. <\/em>Suhrkamp, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>[3] Mintz, S. W. (1986). <em>Sweetness and power: The place of sugar in modern history<\/em>. Penguin, New York.<\/p>\n<p>[4] Douglas, M. P. (1966).<em> Purity and Danger: An Analysis of Concepts of Pollution and Taboo<\/em>. Routledge&amp; Kegan Paul, London.<\/p>\n<p>[5] Leach, E. R. (1974). <em>Kultur und Kommunikation. Zur Logik symbolischer Zusammenh\u00e4nge.<\/em> Suhrkamp, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>[6] Eder, K. (1988). <em>Die Vergesellschaftung der Natur. Studien zur sozialen Evolution der praktischen Vernunft.<\/em> Suhrkamp, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>[7] Barl\u00f6sius, E. (2011). <em>Soziologie des Essens: Eine sozial-und kulturwissenschaftliche Einf\u00fchrung in die Ern\u00e4hrungsforschung<\/em>. Beltz Juventa. Weinheim, Basel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Allesfresser befindet sich der Mensch in der Situation, grunds\u00e4tzlich nahezu alles essen und verdauen zu k\u00f6nnen. 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