{"id":2129,"date":"2019-07-01T13:22:16","date_gmt":"2019-07-01T11:22:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2129"},"modified":"2020-07-08T16:23:34","modified_gmt":"2020-07-08T14:23:34","slug":"warum-wir-uns-nicht-richtig-ernaehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/warum-wir-uns-nicht-richtig-ernaehren\/","title":{"rendered":"Warum wir uns nicht richtig ern\u00e4hren"},"content":{"rendered":"<p>Obwohl wir wissen, wie eine gesunde und ressourcenschonende Ern\u00e4hrung aussehen kann, stellen wir unsere Essgewohnheiten nicht um. Die bESSERwisser haben sich gefragt, wie diese Kluft zwischen Information und Praxis erkl\u00e4rt werden kann.<\/p>\n<p>Ern\u00e4hrung und deren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt stellen heute gro\u00dfe gesellschaftliche Herausforderungen dar. Seit Jahrzehnten sind hier Aufkl\u00e4rungs- und Pr\u00e4ventionskampagnen die Mittel erster Wahl. Jedoch m\u00fcssen sich am Ende des Tages auch die engagiertesten Aufkl\u00e4rer die Frage nach dem Erfolg solcher Ma\u00dfnahmen stellen. Denn Informationen zur gesunden Ern\u00e4hrung haben oft nur geringe Auswirkungen auf allt\u00e4gliche Ern\u00e4hrungsgewohnheiten. Warum das so ist, wird in der Literatur unterschiedlich erkl\u00e4rt. Sozialpsychologische Ans\u00e4tze relativieren die Vorstellung, dass Information zur Verhaltens\u00e4nderung f\u00fchrt.<\/p>\n<h2>Integrieren von Widerspr\u00fcchen<\/h2>\n<p>Laut Leggewie\/Welzer [1] stellt das Auseinanderklaffen von Wissen und Verhalten kein Problem, sondern eher den Regelfall dar. F\u00fcr den Menschen ist es durchaus normal, gr\u00f6\u00dfte Widerspr\u00fcche zu integrieren und im Alltag zu leben. Interessant ist hierbei die Frage, warum uns das eigentlich wundert. Hauptverantwortlich daf\u00fcr ist ein kulturell etabliertes Menschenbild. Dieses basiert darauf, dass Menschen nach Widerspruchsfreiheit streben und deshalb dazu tendieren, m\u00f6glichst koh\u00e4rente Gedankeng\u00e4nge, die sich durch einen logisch nachvollziehbaren Zusammenhang auszeichnen, zu bilden. Die soziale Welt erfordert aber, permanent vom eigenen Selbstbild abzuweichen und situationsspezifisch und flexibel zu handeln [2]. Daher liegen Handlungsmotive\u00a0 vielmehr in der Situation als in der Person.<\/p>\n<p>Menschen handeln also selten nach ihrem \u201ewiderspruchsfreien\u201c Selbstbild. Sie empfinden dabei jedoch Unbehagen [3] und versuchen, dieses durch verschiedene Strategien (Rechtfertigungen, Schuld auf andere schieben, etc.) zu reduzieren. Werte, Normen und Moral liefern dabei lediglich die\u00a0 Richtschnur f\u00fcr eine passende und legitime Begr\u00fcndung, um Wissen und Handeln wieder in Einklang zu bringen. Damit wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit der eigenen \u00dcberzeugung angepasst.<\/p>\n<h2>Kultur beeinflusst Essgewohnheiten<\/h2>\n<p>Auch kulturelle Effekte kommen hier zum Tragen. So k\u00f6nnen beispielsweise kulturelle Schamstandards zu \u201eirrationalem\u201c Verhalten f\u00fchren (z.B. Anziehen, bevor man bei einem Brand auf die Stra\u00dfe l\u00e4uft). In Gesellschaften werden alte kulturelle Muster beibehalten und diese trotz besseren \u201eWissens\u201c oder sogar offensichtlicher Gefahr nicht an die Gegebenheiten angepasst. So hielten etwa die Wikinger in Gr\u00f6nland trotz Nahrungsmangel an ihrer tradierten Identit\u00e4t fest, keinen Fisch zu essen [4]. Hier war gesellschaftliches \u00dcberleben (Selbstbild) gleichwertig mit der biologischen Selbsterhaltung.<\/p>\n<p>Kulturelle Praktiken und Traditionen beeinflussen also ungemein, warum Menschen meistens nicht tun, was sie wissen. Kulturelle Verpflichtungen sind oft gar nicht der Reflexion zug\u00e4nglich, denn aus der Innenperspektive erscheint manches Verhalten als v\u00f6llig normal und vern\u00fcnftig. Dies zeigt sich beispielsweise beim hohen Fleischkonsum in \u00d6sterreich. Fleisch macht den Hauptbestandteil \u00f6sterreichischer Speisen aus, obwohl wir wissen, dass \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Fleischkonsum ungesund und \u00f6kologisch bedenklich ist.<\/p>\n<h2>\u201cRationale\u201d Entscheidungen durch mehr Information?<\/h2>\n<p>Sp\u00e4testens seit der sozialwissenschaftlichen Kritik am Homo Oeconomicus, dem rationalen und nutzenmaximierenden Menschen, wissen wir: Menschen entziehen sich oft statistisch berechneten Modellen und handeln in den meisten F\u00e4llen alles andere als logisch. Nichtsdestotrotz gilt in der \u201erational choice Theorie\u201c die Informationsmaximierung als einer der wichtigsten Faktoren, um eine rationale Entscheidung treffen zu k\u00f6nnen. Denn durch ein mehr an Information w\u00fcrden auch die Wahlalternativen wachsen, und damit k\u00f6nnten leichter \u201evern\u00fcnftige Entscheidungen\u201c getroffen werden. Dass mehr Information Unsicherheiten reduziert, kann nur in den k\u00fcnstlich erzeugten Idealsituationen der klassischen \u00d6konomie beobachtet werden. In unserer heutigen Informationsgesellschaft ist eher das Gegenteil der Fall. Transportiert durch die Logik der Medien begegnen wir t\u00e4glich einer Flut an unterschiedlichen und zeitlich begrenzten \u201ewissenschaftlichen Wahrheiten\u201c, was endlose Widerspr\u00fcche f\u00fcr das Individuum produziert. Dazu gesellen sich \u00e4rztliche Ratschl\u00e4ge, Zaubermittelchen und gesellschaftliche Tabulisten. Diese enorme Komplexit\u00e4t erh\u00f6ht sich noch durch institutionelle, politische und wirtschaftliche Interessen und damit der Frage von Machtbeziehungen. Andere Dynamiken wie das Schlankheitsideal und der Fitnesswahn tun ihr \u00fcbriges.<\/p>\n<p>Laut Kaufmann [5] entwickeln Menschen im Laufe ihres Lebens unterschiedliche &#8222;Ern\u00e4hrungslaufbahnen&#8220;, die sich aus verschiedenen gesellschaftlichen Prozessen und Diskursen speisen. Darunter fallen etwa ein Diktat der \u00c4sthetik, \u00dcbergewicht als gesellschaftlich verp\u00f6ntes Gegenkonzept, die Selbstbeherrschung und Disziplinierung des Selbst und des K\u00f6rpers, sowie der generelle \u00dcbergang von Mangel zu \u00dcberfluss in westlichen Gesellschaften. Viele der momentan pr\u00e4senten Diskurse basieren auf eben dieser falschen Vorstellung eines Individuums, das Lebensentscheidungen rational trifft. Aber menschliche Verhaltensweisen &#8211; wie eben auch unsere Essgewohnheiten &#8211; lassen sich nicht rein rational begr\u00fcnden. Rationales Handeln ist marginal im Vergleich zum <em>\u201eallgegenw\u00e4rtigen unterbewussten Ged\u00e4chtnis, zu den einflussreichen magischen Bildern, dem Spiel der Empfindungen oder der Macht des Umfelds..<\/em>.\u201c (S. 63)<\/p>\n<h2>Lebensver\u00e4ndernde Ereignisse<\/h2>\n<p>Wir wissen heute also, dass mehr Information oder Nahrungsvorschriften nicht automatisch zu einer Ver\u00e4nderung der Essgewohnheiten f\u00fchren. Essen in seiner ganzen gesellschaftlichen Vielfalt zeigt sich relativ resistent gegen Ideen und Erkenntnisse samt ihrer moralischen Bedeutung. Laut Kaufmann bleiben Menschen trotzdem nicht unber\u00fchrt von Informationskampagnen. Sie entwickeln Schuld- und Schamgef\u00fchle: \u201e<em>Diese Vorstellung ist nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern sie entfernt den Esser noch weiter von dem, was bis dahin sein Handeln geregelt hat. Er ist noch mehr den Wallungen unterworfen, die ihn in unkontrollierbare Strudel hinabziehen, bis er sich zu Tode hungert oder \u00fcberfrisst.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Bei Krankheit und Betroffenheit werden Vorschriften oder Ratschl\u00e4ge von \u00c4rzten und der engeren Umgebung zwingend und strikt. Aber auch das f\u00fchrt nur selten zu einer tats\u00e4chlichen und langfristigen Verhaltens\u00e4nderung. F\u00fcr dauerhafte \u00c4nderung muss ein altes System von Gewohnheiten zugunsten eines neuen aufgegeben werden. Dies kann etwa durch pedantische Techniken der Alltagsregelung und Selbstkontrolle passieren, aber auch durch sogenannte lebensver\u00e4ndernde Ereignisse (life events), die das Leben der Betroffenen auf den Kopf stellen. Den Normalfall stellen solche Lebensstilver\u00e4nderungen aber nicht dar.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Es ist sicherlich sinnvoll, Menschen \u00fcber die pers\u00f6nlichen und globalen Auswirkungen bestimmter Ern\u00e4hrungweisen zu informieren. Wichtig ist jedoch, sich von einer Aufkl\u00e4rungskampagne nicht zu viel zu erwarten, denn eine langfristige Verhaltens\u00e4nderung wird reine Information in den meisten F\u00e4llen nicht bewirken. An Strategien und Methoden, die dieser Problematik Rechnung tragen, wird man in Hinblick auf Ressourcenknappheit, Klimawandel und Gesundheitsvorsorge zuk\u00fcnftig verst\u00e4rkt arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<h4>Referenzen<\/h4>\n<p>[1] Leggewie, C., &amp; Welzer, H. (2009). Das Ende der Welt, wie wir sie kannten. Klima, Zukunft und die Chancen der Demokratie. Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>[2] Erving Goffman (1973). Interaktion: Spa\u00df am Spiel \u2013 Rollendistanz. Piper&amp;Co Verlag. M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>[3] Bergius, R. (2014). Kognitive Dissonanz. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch \u2013 Lexikon der Psychologie, 17. Aufl., S. 839). Verlag Hans Huber. Bern.<\/p>\n<p>[4] Diamond, J. (2004). Collapse: How Societies Choose to Fail or Succeed. Viking Adult. New York.<\/p>\n<p>[5] Kaufmann, J.-C. (2006). Die Nahrungsmittel. Von der Ordnung zur Unordnung. In Kochende Leidenschaft. Soziologie vom Kochen und Essen (pp. 15-72). UVK. Konstanz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl wir wissen, wie eine gesunde und ressourcenschonende Ern\u00e4hrung aussehen kann, stellen wir unsere Essgewohnheiten nicht um. Die bESSERwisser haben sich gefragt, wie diese Kluft zwischen Information und Praxis erkl\u00e4rt werden kann. Ern\u00e4hrung und deren Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt stellen heute gro\u00dfe gesellschaftliche Herausforderungen dar. 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