{"id":2023,"date":"2019-03-20T10:48:16","date_gmt":"2019-03-20T09:48:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=2023"},"modified":"2019-03-21T11:33:53","modified_gmt":"2019-03-21T10:33:53","slug":"essen-und-umwelt-die-oekobilanz-unserer-ernaehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/essen-und-umwelt-die-oekobilanz-unserer-ernaehrung\/","title":{"rendered":"Essen und Umwelt: Die \u00d6kobilanz unserer Ern\u00e4hrung"},"content":{"rendered":"<p>K\u00f6nnten Sie sich vorstellen, 50 % weniger Zucker und Milchprodukte und bis zu 75% weniger Fleisch zu konsumieren? Und das nicht nur in der Fastenzeit, sondern f\u00fcr immer? Genau das fordern n\u00e4mlich\u00a0zahlreiche Studien zum Thema Ern\u00e4hrung. Dabei geht es nicht mehr ausschlie\u00dflich um eine gesunde Ern\u00e4hrung, sondern auch darum, unseren Planeten zu retten &#8211; die \u00d6kobilanz unserer Ern\u00e4hrung sollte auch stimmen. Die bESSERwisser haben zusammengefasst, wie sich\u00a0unsere Konsumgewohnheiten auf die Umwelt auswirken.<\/p>\n<h1>Einfluss unserer Ern\u00e4hrung auf die Umwelt<\/h1>\n<p>Seit\u00a0den letzten\u00a0Jahren\u00a0besch\u00e4ftigt sich die Wissenschaft intensiv\u00a0mit den Umweltaspekten unserer Lebensmittel, und\u00a0eine Vielzahl\u00a0 an\u00a0Studien wurde bereits zu dieser Thematik durchgef\u00fchrt. Die zentrale Frage dabei ist, wie wir uns gleichzeitig gesund und\u00a0 nachhaltig ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Aktuell wird in diesem Zusammenhang h\u00e4ufig die \u201c<a href=\"http:\/\/www.openscience.or.at\/de\/wissen\/medizin-mensch-ernaehrung\/2019-02-21-ein-weltspeiseplan-fuer-mensch-und-umwelt?f=kurzmeldungen%2F\">EAT-Studie<\/a>\u201c zitiert.<\/p>\n<p>Was haben Klimawandel, Artenvielfalt oder Wasserressourcen mit unserer Ern\u00e4hrung zu tun, und wie wird das erhoben?\u00a0F\u00fcr das Erstellen einer \u00d6kobilanz m\u00fcssen unter anderem folgende Faktoren ber\u00fccksichtigt werden:<\/p>\n<div class=\"highlight\">\n<ul>\n<li><strong>Klimawandel<\/strong>: In den letzten Jahren wurde am h\u00e4ufigsten der Beitrag der Landwirtschaft zur globalen Erw\u00e4rmung erhoben, also wie viel CO2 (Kohlendioxid) und Methangase emittiert werden. Wiederk\u00e4uer wie Rinder, Schafe, Ziegen usw. produzieren bei ihrer Verdauung Methangase, \u00a0CO2 kommt\u00a0 von der Produktion von D\u00fcngemitteln, Kraftstoffen sowie von der Verarbeitung und dem Transport der Lebensmittel. Der Anteil\u00a0 der Landwirtschaft an den Klimagasen betr\u00e4gt bis zu 30%. Andererseits kann hier die Landwirtschaft Gegenma\u00dfnahmen treffen, wie z. B. durch Aufforstung, Anpflanzung von Bodenbedeckern usw. [1]<\/li>\n<li><strong>Zerst\u00f6rung der Artenvielfalt<\/strong>: Am gravierendsten beeinflusst die Lebensmittelerzeugung den Verlust der Biodiversit\u00e4t (Artenvielfalt) auf unserem Planeten. Zum einen sind hier die Zerst\u00f6rung nat\u00fcrlicher \u00d6kosysteme und Abholzung zu nennen, um neuen Raum f\u00fcr Plantagen, Felder oder Weiden zu schaffen. Zum anderen sind es gro\u00dfe Monokulturen mit gro\u00dffl\u00e4chigem Pestizid- und Herbizid-Einsatz, die keinen Lebensraum f\u00fcr Tiere und Platz f\u00fcr Wildpflanzeninseln bieten. Auch die Zerst\u00f6rung von Uferregionen durch nicht nachhaltige Aquakulturen sowie die \u00dcberfischung der Meere tr\u00e4gt zum Schwinden der Artenvielfalt bei. [1, 3]<\/li>\n<li><strong>Wasserverbrauch<\/strong>: Die Lebensmittelproduktion verbraucht etwa 70% des weltweiten S\u00fc\u00dfwassers, in Form von Bew\u00e4sserung der Pflanzen, Tr\u00e4nkung von Tieren und Verarbeitung von Lebensmitteln. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen der Nutzung von S\u00fc\u00dfwasser aus Gew\u00e4ssern oder Grundwasser und der Nutzung von nat\u00fcrlichem Niederschlag. Ma\u00dfnahmen zur Verringerung der Verdunstung aus B\u00f6den und wassersparende Bew\u00e4sserungsmethoden verringern den Wasserverbrauch, aber derzeit \u00fcberwiegt noch der Raubbau an den Wasserressourcen. Die Landwirtschaft ist durch massiven D\u00fcnger- und Pestizideinsatz \u00a0in einigen Regionen wesentlich f\u00fcr die Wasserverschmutzung mitverantwortlich. [2]<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<h1>\u00d6kobilanz von Lebensmitteln<\/h1>\n<p>Es ist noch nicht sehr \u00fcblich, auch f\u00fcr Lebensmittel eine \u00d6kobilanz zu erstellen. Daf\u00fcr m\u00fcssten neben den obigen drei Punkten auch noch die Produktion von Phosphaten und Nitraten (D\u00fcnger), Pestiziden und Herbiziden sowie von Landwirtschafts- Maschinen miteinbezogen werden. \u00a0Danach kommen\u00a0 auch noch die Verarbeitung der Lebensmittel (zum Beispiel das Mahlen des Getreides, das R\u00f6sten des Kaffees) und deren Transport und Lagerung dazu. Die Qualit\u00e4t der B\u00f6den beziehungsweise deren Verminderung durch \u00dcbernutzung spielen ebenfalls eine Rolle. Bei Weidevieh sollte erhoben werden, ob es nur auf f\u00fcr den Ackerbau ungeeigneten B\u00f6den gehalten wird oder nicht. Bei Stallvieh kommt es auch darauf an, ob die entstehenden Methangase in Biogasanlagen verwertet oder nur emittiert werden. Bei allen Nutztieren \u00a0muss deren Ern\u00e4hrung miteinbezogen werden. Das Wohl der Tiere wird allerdings von den Studien nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<h1>Die Menge macht es aus<\/h1>\n<p>In vielen Studien wird das Wirtschafts- und Bev\u00f6lkerungswachstum als Bedrohung f\u00fcr unsere Umwelt angef\u00fchrt. Hier herrscht eine gro\u00dfe Ungleichheit: So sind weltweit immer noch etwa 820 Millionen Menschen unterern\u00e4hrt, und etwa 2 Milliarden sind nicht ausreichend mit allen N\u00e4hrstoffen versorgt. Umgekehrt verbrauchen Menschen in den reichen L\u00e4ndern und zunehmend auch in den sogenannten Schwellenl\u00e4ndern zu viel: Wenn alleine dieser Teil der Weltbev\u00f6lkerung durchschnittlich nicht mehr als 2200 (wie von der WHO empfohlen) bis maximal 2500 Kilokalorien pro Tag konsumieren w\u00fcrde, dann w\u00fcrde das bereits zu einer deutlichen Reduktion der Umweltbelastung beitragen. Zugleich w\u00e4re diese Einschr\u00e4nkung auch gut gegen \u00dcbergewicht und damit verbundene Krankheiten. Sehr wichtig ist dabei auch, <a href=\"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/lebensmittel-im-muell-wegwerfen-vermeiden\/\">wie die vielen Lebensmittelabf\u00e4lle verringert werden k\u00f6nnen<\/a>. [1,2]<\/p>\n<h1>Auslagerung von Umweltsch\u00e4den<\/h1>\n<p>Fast jeder Kauf eines Nahrungsmittels beeinflusst indirekt die Umwelt in anderen, meist fernen L\u00e4ndern. Diese indirekte Verantwortung der Konsumenten f\u00fcr globale Umweltauswirkungen nennen Forscher &#8222;Telekonnektion&#8220;. [3]\u00a0 \u00a0Uns sollte zu denken geben, dass Europa und Nordamerika 90% der Umweltsch\u00e4den, die durch ihren Nahrungsmittel-Konsum entstehen, in andere Weltregionen, besonders in tropische Regionen, ausgelagert haben. [3]<\/p>\n<p>Hier kommt wieder der Fleisch- und Michproduktekonsum ins Spiel: Rinder bzw. K\u00fche haben unter \u00fcblicher Haltung eine schlechte Umweltbilanz. Sie dienen uns nicht nur als Fleisch-, sondern auch als Milchproduzenten.\u00a0 Eine Massentierhaltung mit Hochleistungsk\u00fchen, die gro\u00dfe Mengen an importiertem Kraftfutter wie Soja oder Getreide ben\u00f6tigen, um eine hohe Milchleistung zu erbringen,\u00a0ist ein gutes Beispiel f\u00fcr Telekonnektion. W\u00fcrden wir robustere Rinder halten und artgerecht mit Gras bzw. Heu f\u00fcttern, dann w\u00fcrden Milch und Milchprodukte in wesentlich geringeren Mengen produziert werden k\u00f6nnen. Beim Fleisch ist es \u00e4hnlich: Auch wenn es von heimischen\u00a0 Tieren stammt, wird das Futter \u00fcberwiegend importiert und somit die damit verbundene Umweltbelastung ausgelagert. Eine Reduktion unseres Fleisch- und Milchkonsums sowie eine Abkehr von der Massentierhaltung \u00a0k\u00f6nnten wesentlich zur Entlastung der Umwelt beitragen.<\/p>\n<p>Auch das von Ern\u00e4hrungsexperten empfohlene gesunde Obst und Gem\u00fcse kann ein Beispiel f\u00fcr Telekonnektion und schlecht f\u00fcr die \u00d6kobilanz sein. Viele Sorten haben einen hohen Wasserbedarf. Das ist in wasserreichen L\u00e4ndern kein gro\u00dfes Problem, sehr wohl aber in wasserarmen L\u00e4ndern. Vegetarische und vegane Di\u00e4ten mit einem hohen Obst- und Gem\u00fcseanteil haben entsprechend auch einen vergleichsweise hohen Wasserverbrauch.[2]<\/p>\n<h1>Zu komplex f\u00fcr Konsumenten?<\/h1>\n<p>Durch bewusstes Einkaufen k\u00f6nnen Konsumenten\u00a0teilweise relativ einfach\u00a0zu einer verbesserten\u00a0\u00d6kobilanz beitragen. So k\u00f6nnen sie zum Beispiel regional und saisonal einkaufen. Aber danach wird es schwierig. Bei der Umweltbelastung spielen so viele komplexe Dinge eine Rolle, dass man sehr leicht den \u00dcberblick verliert.<\/p>\n<p>Je n\u00f6rdlicher L\u00e4nder liegen, desto schwieriger ist zum Beispiel eine Versorgung der Bev\u00f6lkerung mit ausreichenden Mengen an Obst und Gem\u00fcse aus lokaler Produktion.\u00a0Was ist nun umweltsch\u00e4dlicher, der Import von Frischobst aus s\u00fcdlichen L\u00e4ndern, der lokale Anbau in geheizten Glash\u00e4usern oder importierte Tiefk\u00fchlware? Wenn man jetzt beim Frischobst zus\u00e4tzlich zum Transport die Anbaubedingungen im Herkunftsland pr\u00fcfen m\u00fcsste, beim Glashaus den Energieverbrauch und die Energiequelle zur Beheizung\u00a0 und bei der Tiefk\u00fchlware den Anteil des Strom- und Kraftstoffverbrauchs der K\u00fchlkette und der Tiefk\u00fchltruhen samt den daf\u00fcr eingesetzten Energiequellen, dann braucht es gleich mehrere Wissenschaftler.<\/p>\n<p>Es gibt zwar einige vergleichende Berechnungen, allerdings wird dabei fast immer nur der Effekt auf die Klimaerw\u00e4rmung verglichen, und keine weiteren Daten werden ber\u00fccksichtigt. Tiefk\u00fchlprodukte schneiden in Europa meist ganz gut ab, ganz anders ist die Situation zum Beispiel in Afrika. [4] Der Transportweg von Frischware alleine mag vielleicht weniger CO2 kosten als der Anbau im Glashaus, der Raubbau an Wasserressourcen im Herkunftsland wurde aber dabei nicht mitberechnet. Den Konsumenten bleibt hier eine allgemeine Verunsicherung und der gute Rat, doch zumindest die Eink\u00e4ufe umweltfreundlich per Fahrrad oder zu Fu\u00df zu erledigen.<\/p>\n<h1>Fazit<\/h1>\n<p>Wir als Konsumenten k\u00f6nnen durch eine starke Einschr\u00e4nkung unseres Fleischkonsums, einen reduzierten Milchproduktkonsum und eine geringere Gesamtkalorienzufuhr zum Klima- und Umweltschutz beitragen. Darauf zu achten, nicht zu viel einzukaufen und keine Lebensmittel verderben zu lassen, schont ebenfalls unseren Planeten.\u00a0Sowohl f\u00fcr die Umwelt als auch f\u00fcr die Gesundheit ist es auch gut, \u00f6fters einmal bewusst unn\u00f6tige Lebensmittel wie S\u00fc\u00dfigkeiten oder alkoholische Getr\u00e4nke wegzulassen. Zudem hilft es, immer wieder zu hinterfragen, woher Produkte kommen und unter welchen Umst\u00e4nden sie erzeugt werden &#8211; und zwar nicht nur beim Einkauf, sondern auch beim Essen au\u00dfer Haus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Referenzen:<\/strong><\/p>\n<p>[1] Willett W., Rockstr\u00f6m J., Loken B. et al.: Food in the Anthropocene: the EAT\u2013Lancet Commission on healthy diets from sustainable food systems. Lancet. 2019 Feb 2;393(10170):447-492. doi: 10.1016\/S0140-6736(18)31788-4. Epub 2019 Jan 16.<\/p>\n<p>[2] Ridoutt B.G., Hendrie G. A., Noakes M.: <em>Dietary Strategies to Reduce Environmental Impact: A Critical Review of the Evidence Base. <\/em>Advances in Nutrition. 2017 Nov 8;933\u2013946: <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/advances\/article\/8\/6\/933\/4772203\">doi: 10.3945\/an.117.016691<\/a><\/p>\n<p>[3] Marques, A., Martins, I.S., Kastner, T. et.al: <em>Increasing Impacts of land use on biodiversity and carbon sequestration driven by population and economic growth. <\/em>Nature Ecology &amp; Evolution (2019) 04.03.2019 doi:10.1038\/s41559-019-0824-3 <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41559-019-0824-3\">https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41559-019-0824-3<\/a><\/p>\n<p>[4] Oludaisi A., Tamba J., Rotimi S. and\u00a0Zhongjie H.: <em>Sustaining the shelf life of fresh food in cold chain \u2013 A burden on the environment.<\/em> Alexandria Engineering Journal (2016), Volume 55, Issue 2, June 2016, Pages 1359-1365.\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.aej.2016.03.024\">https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.aej.2016.03.024<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnten Sie sich vorstellen, 50 % weniger Zucker und Milchprodukte und bis zu 75% weniger Fleisch zu konsumieren? 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