{"id":1506,"date":"2017-09-19T10:02:57","date_gmt":"2017-09-19T10:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/?p=1506"},"modified":"2017-11-14T12:57:00","modified_gmt":"2017-11-14T12:57:00","slug":"arme-leute-essen-und-luxusspeisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.openscience.or.at\/hungryforscienceblog\/arme-leute-essen-und-luxusspeisen\/","title":{"rendered":"Arme-Leute-Essen und Luxusspeisen, Teil I"},"content":{"rendered":"<p>Was ist f\u00fcr Sie ein Arme-Leute-Essen? Kartoffeln? Brotsuppe? Oder ein Big Mac? Und welchen Luxus k\u00f6nnen Sie sich nur selten in Ihrer K\u00fcche erlauben? Die bESSERwisser haben einen Streifzug durch die Geschichte der mitteleurop\u00e4ischen Ern\u00e4hrung unternommen und die Entwicklung einiger Nahrungsmittel verfolgt. Die Ergebnisse der Recherche sind in zwei Blogbeitr\u00e4gen zusammengefasst, hier der erste Teil.<\/p>\n<h2>Das Korn des Lebens<\/h2>\n<p>Getreidebrei bzw. Brot war die meiste Zeit \u00fcber das Grundnahrungsmittel der armen Bev\u00f6lkerung. Im fr\u00fchen Mittelalter galt Brot noch als Luxusprodukt, w\u00e4hrend der Getreidebrei allt\u00e4glich war. Bald setzte sich Brot f\u00fcr alle durch, allerdings nicht \u00fcberall. In \u00e4rmeren l\u00e4ndlichen Regionen blieb das Essen von Brei bis weit ins 19. Jahrhundert verbreitet, zum Beispiel in den Alpen. F\u00fcr Brei waren weder ein Backofen noch Brennmaterial und auch kein Geld f\u00fcr den M\u00fcller n\u00f6tig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Wei\u00dfbrot gegen Schwarzbrot<\/h2>\n<p>Der anspruchsvolle und fr\u00fcher wenig ertragreiche Weizen blieb lange Zeit das Getreide f\u00fcr die Wohlhabenden, das \u201eSchwarzbrot\u201c aus Roggen, Gerste, Hafer und anderen Getreidesorten war f\u00fcr die gew\u00f6hnlichen Leute.\u00a0 In Mittel- und Osteuropa dominierte der Roggen mit Ausnahme der Schweiz, die Dinkel bevorzugte. Nicht nur der Adel, auch die B\u00fcrger in den aufstrebenden St\u00e4dten bevorzugten das feine wei\u00dfe Brot. Erst im 18. Jahrhundert, als es gro\u00dfe Engp\u00e4sse in der Nahrungsmittelversorgung gab, setzte sich in den St\u00e4dten bei den wohlhabenden B\u00fcrgern ein helles Mischbrot aus Weizen und Roggen bzw. Dinkel durch, das heute noch in Mitteleuropa sehr beliebt ist. Der Mittelstand musste ein dunkles Mischbrot essen und bei den Armen war Schwarzbrot und Suppe das einzig verf\u00fcgbare Essen. Wenn Hungersnot herrschte, wurde das Brot mit allem gestreckt, was zur Verf\u00fcgung stand: Kastanien, gemahlene H\u00fclsenfr\u00fcchte, Rinde usw.<\/p>\n<p>Auch frisches Brot galt als reiner Luxus, der \u00fcberwiegende Teil der Bev\u00f6lkerung musste sich mit altbackenem Brot zufrieden geben. Brot war so dominant in der Ern\u00e4hrung der armen Bev\u00f6lkerungsschichten, dass es bald als typisches \u201eArme-Leute-Essen\u201c galt. In der Neuzeit lieferte es in etwa drei Viertel der Kalorien der einfachen Leute. In Versorgungseinrichtungen (wie Armenh\u00e4usern) rechnete man mit einem Verbrauch von \u00fcber 1 kg Brot pro Kopf und Tag.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Fleisch und Fett: von gro\u00dfen Mengen zu den feinsten St\u00fccken<\/h2>\n<p>Das Mittelalter war auch f\u00fcr die Armen eine relativ fleischreiche Zeit, da es Gemeinschafts-Weidefl\u00e4chen und Rechte am Wald gab, die von allen genutzt werden durften. Es wurden vor allem Schweine und G\u00e4nse gehalten. Da \u00fcber den Winter nicht gen\u00fcgend Nahrung f\u00fcr das Vieh vorhanden war, wurde im Sp\u00e4therbst der Gro\u00dfteil der Tiere geschlachtet und konserviert.<\/p>\n<p>Das gep\u00f6kelte oder ger\u00e4ucherte Fleisch und das Schmalz waren lange haltbar. Das Federvieh war Zahlungsmittel und Festtagsschmaus. Vielleicht denken Sie daran, wenn Sie im November eine traditionelle Martinigans verzehren. Und der Luxus? Das war frisches Fleisch, besonders Wild, das nur der Hochadel jagen durfte.<\/p>\n<p>Als noch w\u00e4hrend des sp\u00e4ten Mittelalters \u00a0sukzessive die Waldnutzungsrechte und sp\u00e4ter die Gemeinschaftsweiden verschwanden, musste sich der Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung auf weitgehend vegetarische Ern\u00e4hrung umstellen. Nachdem der \u201eSchwarze Tod\u201c ganze Regionen entv\u00f6lkert hatte, wurden die freien Fl\u00e4chen f\u00fcr die Rinder- und Schafzucht verwendet. Die Tiere landeten auf den Tellern der st\u00e4dtischen Bev\u00f6lkerung: Rindfleisch f\u00fcr die wohlhabenden B\u00fcrger, Schaffleisch f\u00fcr die weniger Wohlhabenden, F\u00fc\u00dfe und andere weniger begehrte Fleischteile f\u00fcr die \u00c4rmeren. Und f\u00fcr die ganz Armen gab es Brot. Der Adel bevorzugte nach wie vor Wild, nun allerdings vor allem \u201efeines\u201c wie V\u00f6gel (Fasan usw.). Gro\u00dfwild kam nicht mehr ganz, sondern filetiert auf den Tisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Fleischkosum<\/h2>\n<p>Der Fleischkonsum blieb in den St\u00e4dten hoch, wobei immer das ganze Tier verarbeitet wurde. Noch um 1900 dominierte bei den Bessergestellten das Rindfleisch, am Land dagegen bei wohlhabenden Bauern das Schweinefleisch. Durch die Einf\u00fchrung der Kartoffel war g\u00fcnstiges Schweinefutter vorhanden, was der Schweinezucht Aufschwung verlieh.<\/p>\n<p>F\u00fcr die neue Arbeiterschicht war Rindfleisch zu teuer, Schweinefleisch bzw. Wurst kam zumindest gelegentlich auf den Teller, aber nur auf den des Haushaltsvorstandes. \u00a0Frauen und Kinder mussten zusehen und Beilagen essen. Erst durch die Massentierhaltung ab der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Fleisch f\u00fcr alle verf\u00fcgbar, gleichzeitig wurde nicht mehr das ganze Tier gegessen, sondern nur mehr die besten St\u00fccke.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Tierische und Pflanzliche Fette<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend im Mittelalter das importierte Oliven\u00f6l nur f\u00fcr die Reichen Bedeutung erlangte, mussten die anderen in der Fastenzeit (Verbot tierischer Lebensmittel) Lein- oder Haselnuss\u00f6l verwenden. In den St\u00e4dten war auch das Mohn\u00f6l beliebt. Heutzutage sind Lein- Mohn- oder Haselnuss\u00f6l teure Luxuswaren, w\u00e4hrend Oliven\u00f6l (zumindest jenes von geringerer Qualit\u00e4t) relativ billig ist. Butter wurde erst mit der vermehrten Rinderzucht in der Neuzeit gebr\u00e4uchlicher und war den Wohlhabenden vorbehalten. W\u00e4hrend im Mittelalter die Reichen ihr Fleisch noch stark gew\u00fcrzt, aber ohne fette So\u00dfen verzehrten, setzten sich in der Neuzeit fette Butterso\u00dfen durch. F\u00fcr Arme gab es den Talg der Rinder oder Schafe und erst nach dem verbreiteten Kartoffelanbau ab dem Ende des 18. Jahrhundert wieder Schweineschmalz. Im 19. Jahrhundert tauchten auch erstmals industrielle Ersatzprodukte wie Margarine auf.<\/p>\n<p>M\u00f6chten Sie mehr \u00fcber Arme-Leute-Essen und Luxusspeisen wissen?<strong> Am 15.11.17 <\/strong>erscheint der zweite Blogartikel zu diesem Thema, mit Informationen \u00fcber die Entwicklung von Obst und Gem\u00fcse als Nahrungsmitteln, den Kartoffel und Mais \u201eBoom\u201c sowie die Zuckerrevolution.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kennen Sie auch interessante geschichtliche Entwicklungen von Nahrungsmitteln? Dann lassen Sie uns doch teilhaben!<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Quellen<\/h2>\n<p>Montanari, Massimo: Der Hunger und der \u00dcberflu\u00df. Kulturgeschichte der Ern\u00e4hrung in Europa. M\u00fcnchen 1999 (Beck\u2019scheReihe)<\/p>\n<p>Schwendter, Rolf: Arme Essen \u2013 Reiche speisen. Neuere Sozialgeschichte der zentraleurop\u00e4ischen Gastronomie. Wien 1995<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist f\u00fcr Sie ein Arme-Leute-Essen? Kartoffeln? Brotsuppe? Oder ein Big Mac? Und welchen Luxus k\u00f6nnen Sie sich nur selten in Ihrer K\u00fcche erlauben? Die bESSERwisser haben einen Streifzug durch die Geschichte der mitteleurop\u00e4ischen Ern\u00e4hrung unternommen und die Entwicklung einiger Nahrungsmittel verfolgt. Die Ergebnisse der Recherche sind in zwei Blogbeitr\u00e4gen zusammengefasst, hier der erste Teil. 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