Cranberry: Wunderbare Wunderbeere?

Cranberry

Cranberry

Der Cranberry, zu Deutsch Kranichbeere, werden vielfältige gesundheitsfördernde Wirkungen zugeschrieben. Sie soll Harnwegsinfektionen heilen und Krebserkrankungen vorbeugen. Doch was steckt wirklich hinter der Wunderbeere? Die bESSERwisser haben recherchiert.

Rotbeere aus Übersee

Die strauchförmigen Cranberry-Pflanzen wachsen gerne auf moorigen Böden. Sie kommen vor allem in den Feuchtgebieten des US-amerikanischen Nordens sowie in Kanada vor. Außerdem ist die Cranberry eng verwandt mit der in Mitteleuropa heimischen Preisel- und Heidelbeere. Jedoch unterscheiden sie sich in der Süße: die Preisel-oder Heidelbeere ist deutlich süßer als die Cranberry [1].

Sauer macht lustig…und gesund?

Der hohe Säureanteil der Cranberry soll bei Harnwegsinfekten helfen. Die in der Cranberry enthaltenen Säureverbindungen, unter anderem Zitronensäure und Vitamin C, so wurde postuliert, können den Harn ansäuern. Damit sollen sie vor dem Wachstum von Bakterien schützen. Jedoch ist diese These seit Jahrzehnten wissenschaftlich überholt.

Bereits in den 1950er Jahren wurde wissenschaftlich erwiesen, dass sich der pH-Wert im Harn auch beim Konsum großer Mengen Cranberrysaft nicht signifikant ändert [2]. Hingegen konnte einige Jahrzehnte später gezeigt werden, dass der in der Cranberry enthaltene Stoff Proanthocyanidin bestimmte Bakterienarten daran hindert, sich an Zellwände der Harnwege zu heften [3].

Neueste Erkenntnisse aus der Wissenschaft

In den letzten Jahren häuften sich Studien zur Untersuchung gesundheitssfördernder Effekte der Cranberry. Nicht zuletzt wurden viele dieser Studien von Cranberrysafthersteller finanziert, sodass objektive Aussagen zur Wirkung dieser Beeren noch immer rar sind.

Negative Ergebnisse

Eine von Cranberrysaft Hersteller Ocean Spray gesponserte und 2011 publizierte Studie untersuchte 319 Patientinnen mit wiederkehrenden Harnwegsinfekten. Dabei hatte die Konsumation von Cranberrysaft keine schützende Wirkung im Vergleich zum Placebo (Wasser) [4].

Ein Jahr darauf verglich eine Metaanalyse mehrere Studien. Dabei war das Ziel die Wirkung von Cranberrysaft bei Harnwegsinfektionen zu analysieren. Infolgedessen wurden die Ergebnisse von 24 Studien und insgesamt 4473 Fällen statistisch analysiert. Jedoch war der Saft auch hier nicht wirksamer als das Placebo, respektive reines Wasser [5].

Positive Ergebnisse

Eine weitere Metaanalyse analysierte 13 Studien von 1616 Fällen mit Harnwegsinfekten. In den Studien wurden unterschiedliche Cranberry-Produkte für die Behandlung von Harnwegsinfekten eingesetz (Saft, Tabletten, Kapseln…). Doch problematisch dabei die Deutung der Ergebnisse: zwar wurde ein schützender Effekte der Cranberry-Produkte erkannt, aufgrund der Heterogenität der Produkte konnte man jedoch keinen Rückschluss auf eine passende Dosierung oder Anwendungsart ziehen [6].

Beginnend mit 2013 versuchte es der Cranberrysaft Hersteller Ocean Spray erneut und sponserte eine wissenschaftliche Studie. Diese sollte den schützenden Effekt von Cranberrysaft auf das Entstehen von Harnwegsinfekten nun statistisch beweisen. Infolgedessen wurden 185 Frauen auf die Wirkung von Cranberrysaft getestet, weitere 188 erhielten als Kontrollgruppe die gleiche Menge Wasser. In Folge wurde das Ergebnis 2016 publiziert: Cranberrysaft verringerte die Anzahl an wiederkehrenden Harnwegsinfekten [7].

Alles nur Placebo?

Viele der Studien zeigten, dass Probanden die Flüssigkeiten konsumierten, weniger Infekte hatten. Jedoch geschah dies nicht aufgrund des Cranberriesaftes, sondern eher aufgrund der konsumierten Flüssigkeitsmenge. Daher steht bis dato nicht fest, ob das Anheften der Bakterien durch die Flüssigkeitsmengen oder tatsächlich durch das Proanthocyanidin verhindert wird.

Nichtsdestotrotz: auch wenn sich die Studien und Metanalysen immer noch wiedersprechen, der Placebo Faktor Cranberry ist nicht zu vernachlässigen. Dessen sind sich auch medizinische Gesellschaften wie der Europäische Urologen-Verband (EUA) bewusst. Doch auch die EUA Richtlinien müssen sich stets nach den Ergebnissen aktueller Studien richten. Daher wurde in den Leitlinien von 2015 keine Empfehlung für die Prophylaxe von Harnwegseffekten mit Hilfe von Cranberry-Produkten mehr ausgesprochen [8].

Unabhängige Studien?

Nachdem die aktuellste Studie [7] positive Versuchsergebnisse zeigte, bleibt fraglich, wie die Leitlinien sich entwickeln werden. Jedoch ist diese Studie nicht unumstritten. Schließlich wurde die Studie durch Mittel eines der größten Cranberrysaftherstellers der Welt gesponsert. Weiter waren wissenschaftliche Mitarbeiter der Firma aktiv an der Studiendurchführung und Auswertung beteiligt. Daher sind die Ergebnisse fragwürdig: über 39% der Harnwegsinfekte bei Frauen sollen durch den regelmäßigen Konsum von Cranberrysaft reduziert worden sein. Dies entspricht einer Effektzahl, die nicht einmal bei sehr effektiven Medikamenten zu finden ist [9].

Die Radikalen sind los – Cranberry als Antioxidans

Bei all den offenen Fragen zur Wirkung von Cranberries bei Harnwegsinfekten, bleibt die bereits wissenschaftlich erwiesene Wirkung der Wunderbeere als Antioxidans oft unbeachtet. Schließlich wurde erst vor kurzem die anti-oxidative Wirkung der in der Cranberry vorkommenden Substanzen im Darmkrebs-Zellmodell erfolgreich getestet. Dabei zeigte sich: der Flavonoide enthaltende Cranberryextrakt löste an der Oberfläche der Krebszellen einen Prozess aus, der über die Reduktion entzündungsstimulierender Botenstoffe in der Zelle einen verringerten oxidativen Stress mit sich brachte [10].

Sekundäre Pflanzenstoffe

Die Cranberry reiht sich zu jenen pflanzlichen Lebensmitteln, die durch ihre Chemikalien den Körper vor oxidativen Stress schützen kann. Damit können Kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, Osteoporose, Neurodegenerativen Erkrankungen sowie Diabetes Mellitus vorbeugt werden [13]. Aber auch ohne Nutzen für die Gesundheit schmecken die Wunderbeeren sehr lecker. Einige Rezepte zum Backen und Kochen mit Cranberries sind hier zu finden.

Sekundäre Pflanzenstoffe („Phytochemikalien“)

Bis dato sind über tausend sogenannte Phytochemikalien bekannt. Dies sind sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe, die eine gesundheitsfördernde Wirkung haben. Jedoch werden diese im Gegensatz zu Primären nicht vom menschlichen Körper als Nährstoff genutzt, sondern üben eine pharmakologische Wirkung aus.

Besonders bekannt sind unter andere das Carotinoid Lycopin der Tomate, die Isoflavone in Soya oder die Flavonoide in verschiedenen Fruchtarten. Diese Flavonoide gehören zu der uneinheitlichen Stoffklasse der Polyphenole. Übrigens ist der Phenolring dabei für die charakteristische Färbung verantwortlich. Daher verleihen Anthocyane oder Proanthocyanidine als Untergruppe der Flavonoide, Beeren oder Trauben ihre blauen, roten oder violetten Farbtöne [11]. Genauso ist das im grünen Tee enthaltene EGCG (Epogallatcatechin) ist ein Flavonoid, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut [12].

 

Referenzen

  1. Anja Schemionek, Cranberry: Die Powerfrucht für mehr Gesundheit. (2016) LebensBaum Verlag
  2. Chih-Hung Wang, MD; Cheng-Chung Fang, MD; Nai-Chuan Chen, MD; et al.; Cranberry-Containing Products for Prevention of Urinary Tract Infections in Susceptible PopulationsA Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials, (2012), Arch Intern Med. 2012;172(13):988-996.
  3. La VD., Labrecque J, Grenier D., Cytoprotective effect of proanthocyanidin-rich cranberry fraction against bacterial cell wall-mediated toxicity in macrophages and epithelial cells. (2009) Oct;23(10):1449-52
  4. Cibele Barbosa-Cesnik, Morton B. Brown, Miatta Buxton, Lixin Zhang, Joan DeBusscher, Betsy Foxman; Cranberry Juice Fails to Prevent Recurrent Urinary Tract Infection: Results From a Randomized Placebo-Controlled Trial. Clin Infect Dis 2011; 52 (1): 23-30.
  5. Jepson RG, Williams G, Craig JC.Cranberries for preventing urinary tract infections.Cochrane Database of Systematic Reviews (2012), Issue 10. Art. No.: CD001321
  6. Chih-Hung Wang, MD; Cheng-Chung Fang, MD; Nai-Chuan Chen, MD; et al.; Cranberry-Containing Products for Prevention of Urinary Tract Infections in Susceptible PopulationsA Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials, (2012), Arch Intern Med.; 172(13):988-996.
  7. Kevin C Maki, Kerrie L Kaspar, Christina Khoo, Linda H Derrig, Arianne L Schild, Kalpana Gupta, Consumption of a cranberry juice beverage lowered the number of clinical urinary tract infection episodes in women with a recent history of urinary tract infection. Am J Clin Nutr 2016;103:1434–42.
  8. Grabe (Chair), R. Bartoletti, T.E. Bjerklund Johansen, T. Cai , M. Çek, B. Köves , K.G. Naber, R.S. Pickard, P. Tenke, F. Wagenlehner, B. Wullt, Guidelines on Urological Infections. EAU Guidelines 2015.
  9. Blogeintrag (Zugriff 14.2.17 11:27) How juice companies game science to perpetuate the myth that cranberry prevents UTIs, Julia Belluz@juliaoftorontojulia.belluz@voxmedia.com Jun 17, 2016, 9:50am EDT
  10. Chen P. et al, Anti-inflammatory effects of phenolic-rich cranberry bean (Phaseolus vulgaris L.) extracts and enhanced cellular antioxidant enzyme activities in Caco-2 cells, Journal of Functional Food, online 12 February 2017
  11. Präsentation sekundäre Pflanzenstoffe, Nutrigenomics Universität Wien
  12. Hilal, Yumen; Untersuchungen über Polyphenole in weißen und grünen Tees. (2010) Cuvillier-Verlag
  13. Augustin Scalbert , Claudine Manach , Christine Morand , Christian Rémésy & Liliana Jiménez (2005) Dietary Polyphenols and the Prevention of Diseases, Critical Reviews in Food Science and Nutrition, 45:4, 287-306

 

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2 Gedanken zu “Cranberry: Wunderbare Wunderbeere?
    1. bESSERwisser

      Hallo Valerie,

      vielen Dank für deine Frage.

      Preiselbeeren haben eine ähnliche Wirkung wie Cranberries. Sie enthalten auch Proanthocyanidin was das Anheften von Bakterien vermindern soll. Prinzipiell werden oft Preiselbeeren als Cranberries bezeichnet und umgekehrt. Wenn du ein heimisches Produkt haben möchtest, würde ich da genau nachhacken. Ebenso gilt es den Zuckeranteil zu beachten: Zucker (auch Fruchtzucker) begünstigt Bakterienwachstum.

      Liebe Grüße
      die bESSERwisser

       

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